Aus: Ausgabe vom 11.09.2018, Seite 8 / Ansichten

Lost in Leiharbeit

Prekäre Beschäftigung in der BRD. Gastkommentar

Von Stefan Sell
Tarifverhandlungen_z_53415347.jpg
Beschäftigte aus dem Ford-Werk in Köln protestieren während der Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie gegen Leiharbeit (Frankfurt am Main, 27.4.2012)

Die Zahl der Leiharbeiter in Deutschland ist im Zeitraum von 2007 bis 2017 um 43 Prozent gestiegen – Ende 2017 waren mehr als eine Million Menschen in dieser Branche beschäftigt. Ein neuer Rekordstand. Man könnte argumentieren, dass Leiharbeit mit einem Anteil von 2,9 Prozent an allen Beschäftigten ein absolutes Randthema ist. Aber Vorsicht bei Durchschnitten: In bestimmten Branchen haben wir Anteilswerte von fast 15 Prozent (Metallbearbeitung) oder 14,9 Prozent (im Lager- und Postbereich).

Eigentlich sollte sich die Situation für die Leiharbeiter durch die Gesetzesänderungen der früheren Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles verbessern – festgelegt wurden »gleiche Bezahlung« nach neun Monaten oder die Höchstdauer des Verleihs von 18 Monaten. Aber schon im Gesetzgebungsverfahren wurde von den Kritikern nachlesbar herausgestellt: Das wird nichts. Beispiel »Equal pay« nach neun Monaten (die von den meisten gar nicht erreicht werden, weil ihre Verträge nur wenige Monate laufen): Es wurde darauf hingewiesen, dass die Regelung zu einem »Leiharbeiterkarussell« führen werde, denn die Zeitgrenze wurde nur auf den konkreten Leiharbeiter bezogen, nicht auf den Arbeitsplatz. Für die Entleihbetriebe heißt das: weg mit dem Beschäftigten und einen neuen liefern lassen.

Auch die Gewerkschaften haben beim Aufweichen der Regeln Hand angelegt. So kann die Überlassungsdauer in der Metallindustrie »dank« Tarifvertrag auf 48 Monate verlängert werden. Die Betroffenen wurden auf Dauer prekären Lebenslagen ausgesetzt. Der Zugang zu Konsumentenkrediten oder einem neuen Mietvertrag wird ihnen dadurch verwehrt.

Der Nachschub an Leiharbeitern läuft auch deshalb so gut, weil die Jobcenter mit ihren Sanktionsmöglichkeiten als verlässlicher Zulieferer funktionieren: Jede dritte der dort gemeldeten offenen Stellen kommt aus der Leiharbeitsbranche, in manchen Regionen ist es sogar jedes zweite Stellenangebot.

Und die entleihenden Unternehmer? Auch wenn die Leiharbeiter deutlich schlechter bezahlt werden als die »normal« Beschäftigten, ist Leiharbeit für die Entleiher richtig teuer. Denn die Verleiher wollen kräftig verdienen am Vermakeln von Arbeitskräften. Aber die Entleiher haben keine Pflichten mehr, sie können Leute ausprobieren und jederzeit wieder »zurückgeben«. So können sie bei der Stammbelegschaft Angstschweiß produzieren.

Was tun? »Equal pay« muss vom ersten Tag der Beschäftigung an gezahlt werden. Mit guten Gründen könnte man sogar einen Flexibilitätsaufschlag rechtfertigen. Dann würde Leiharbeit erheblich teurer, und man müsste sie kostenbedingt auf die ursprünglich mal gedachte Überbrückungsfunktion begrenzen. Und Lohndumping wäre passé. Aber man sollte sich keinen Illusionen hingeben: Selbst wenn es politisch gelingen sollte – sofort würden Umgehungsstrategien gesucht und genutzt werden.

Stefan Sell lehrt Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaft an der Hochschule Koblenz

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Ansichten