Aus: Ausgabe vom 11.09.2018, Seite 8 / Inland

»Hunderttausende müssen auf die Straßen gehen«

Geschichten der Rettungsschiffe »Lifeline« und »Cap Anamur« ähnlich. Gespräch mit Stefan Schmidt

Interview: Kristian Stemmler
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Claus-Peter Reisch, Kapitän des Schiffes »Lifeline«, auf einer Demonstration der »Seebrücke-Bewegung« (Hamburg 2.9.2018)

Sie waren 2004 Kapitän des Hilfsschiffs »Cap Anamur«, das im Mittelmeer Flüchtlinge aus Seenot rettete. Was Ihnen passiert ist, zeigt erstaunliche Parallelen zum Fall von Claus-Peter Reisch, Kapitän des Rettungsschiffs »Lifeline«, der auf Malta angeklagt ist. Wie war das bei Ihnen?

Unsere »Cap Anamur« hat 2004 im Mittelmeer 37 flüchtende Menschen gerettet. Wir wollten sie nach Lampedusa bringen, was wegen der Größe unseres Schiffes nicht ging. Daraufhin brachten wir sie mit Unterstützung von »Ärzte ohne Grenzen« nach Agrigento auf Sizilien. Vorher waren wir durch die italienische Marine am Einlaufen in den Hafen »Porto Empedocle« gehindert worden und elf Tage an der Küste von Sizilien in internationalen Gewässern hin- und hergefahren, bewacht durch je ein Boot der italienischen Küstenwache und des Zolls. Als die Lage an Bord brenzlig wurde, informierte ich die Italiener, dass ich den nächsten Hafen anlaufe, was ich dann auch tat. Aber erst gingen wir vor Anker.

Sie waren dann kurz in Haft?

Ja. Am nächsten Tag bekamen wir die Erlaubnis einzulaufen, wurden gebeten, im Polizeihauptquartier unsere Geschichte zu erzählen – ich, der Erste Offizier und Elias Bierdel, der Vorsitzende des Vereins »Cap Anamur«. Nach dem Verhör wurden wir verhaftet. Wir verweigerten die Unterschrift unter dem Protokoll, denn in dem stand nicht, was wir gesagt hatten. Aber die Unterschriften waren später wie durch Zauberei doch auf dem Papier. Die Anklage hieß: bandenmäßige Beihilfe zur illegalen Einreise in einem besonders schweren Fall. Die Polizisten, die uns ins Gefängnis fuhren, hielten erst an einer Eisdiele an, gaben uns ein Eis aus und entschuldigten sich. Wir waren dann von Montag bis Freitag in Haft.

Wie beurteilen Sie das Vorgehen Maltas und Italiens im Fall Reisch? Das Argument, die »Lifeline« sei nicht ordnungsgemäß registriert, ist offenbar ein Vorwand.

Das Schiff von Kapitän Reisch war registriert im Heimathafen Amsterdam und lief unter niederländischer Flagge. Ich habe Kopien der Dokumente, die dieses beweisen. Herrn Reisch festzuhalten ist genauso ein Vorwand wie bei uns damals. Soviel ich weiß, hatte Reisch sogar bei seinen Rettungsaktionen mit der italienischen Küstenwache zusammengearbeitet, bis zu dem Zeitpunkt, als der neue Innenminister Matteo Salvini dies untersagte.

Wie schätzen Sie die Lage im Mittelmeer ein? Reisch sagte bei der Demonstration von »Seebrücke« am 2. September auf dem Hamburger Rathausmarkt, offiziell seien in diesem Jahr etwa 1.500 Flüchtlinge ertrunken, nach seinen Schätzungen aber mindestens 4.000 …

Man ist da auf Schätzungen angewiesen. In diesem Zusammenhang sagen Forscher der Universitäten von Oxford und London: Je weniger Retter auf dem Meer sind, desto mehr Tote gibt es.

Das Verhalten vor allem Italiens führt dazu, dass die sogenannte Küstenwache Libyens Flüchtlinge außerhalb ihres Hoheitsgebiets abfängt und wieder in die Lager an Land zurückbringt. Wie bewerten Sie das?

Die Lage hat sich ja gerade wieder geändert, und angeblich bekriegen sich die libyschen Küstenwachen jetzt gegenseitig. Menschen dahin zurückzubringen oder auch nur zuzulassen, dass Menschen dorthin zurückgebracht werden, wo ihnen Tod, Vergewaltigung und Folter drohen, verstößt nicht nur gegen internationale Gesetze, sondern auch gegen das Empfinden eines jeden gesunden Menschen. Wenn wir an den Artikel eins des Grundgesetzes denken, der von Menschen, nicht von Deutschen handelt, dann muss die Regierung mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln einschreiten; sich zumindest eindeutig äußern.

Was wissen Sie über die Zustände in den Lagern?

Nur was offiziell bekannt ist. Ich selber hatte geplant, mit Bundespolitikern nach Tripolis zu fliegen, was aber vom Auswärtigen Amt als zu gefährlich verboten wurde.

Mit Seebrücke, Sea-Watch und anderen Netzwerken wächst in Europa eine Bewegung heran, die »sichere Häfen« für Flüchtlinge fordert, also dass Städte deren Aufnahme offensiv anbieten. Was halten Sie davon?

Ich bin in den letzten Tagen schon zu einem Demotouristen geworden, weil ich überall ein Grußwort sprechen soll und das auch sehr gerne tue. Es müssen Hunderttausende auf die Straßen gehen in ganz Europa, wenn wir noch einen Rest an humanistischen Werten retten wollen.

Stefan Schmidt ist Flüchtlings­beauftragter von Schleswig-Holstein

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