Aus: Ausgabe vom 10.09.2018, Seite 15 / Politisches Buch

Tiefer graben

Eine Schriftstellerdebatte über das Verhältnis von AfD und Gewerkschaften

Von Arnold Schölzel
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Demonstranten in Offenburg am 18. August

Am 8. März erklärte der Schriftsteller Uwe Tellkamp in einer Talkshow: »Die meisten fliehen nicht vor Krieg und Verfolgung, sondern kommen her, um in die Sozialsysteme einzuwandern, über 95 Prozent.« Am 15. März tauchte er als Erstunterzeichner einer von der rechten Bloggerin Vera Lengsfeld initiierten »Gemeinsamen Erklärung 2018« auf, in der es heißt, Deutschland werde »durch illegale Masseneinwanderung beschädigt«. Der Text wurde, verbunden mit der Forderung, »die Rechtmäßigkeit an den deutschen Grenzen wieder herzustellen«, im Mai dem Petitionsausschuss des Bundestages eingereicht, wo er im Oktober behandelt werden soll. Der Schriftsteller und Verleger Klaus Farin, Herausgeber des Bandes »Unsere Antwort. Die AfD und wir«, kommentierte die Erklärung in dessen Vorwort so: »Die Spuren der neoliberalen Entwertungslogik, nach der nur zählt, was sich rechnet, und alles andere ›entsorgt‹ werden muss, haben in allen Milieus der deutschen Gesellschaft fruchtbaren Boden gefunden.«

Die Texte von zehn Autorinnen und Autoren dokumentieren eine Diskussion, die der Berliner Schriftsteller Michael Wildenhain zusammen mit Kollegen im Januar angestoßen hatte: Sie formulierten einen Unvereinbarkeitsantrag für die Berliner Landesorganisation des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) in Verdi, nach dem die Mitgliedschaft in »AfD und ähnlichen« Gruppen mit der in beiden Organisationen nicht kompatibel sei. Im Mai wurde der Antrag vom Berliner VS zwar knapp abgelehnt, Wildenhain aber zu dessen Vorsitzendem gewählt. Die Debatte soll auf Bundesebene weitergeführt werden.

Den vorliegenden Band eröffnet ein Interview, das Farin mit Wildenhain geführt hat. Dieser begründet seine Initiative u. a. damit, ein Unvereinbarkeitsbeschluss einer großen Gewerkschaft wäre »ein ungeheures Signal für die Gesellschaft insgesamt«. Angesichts der Stärke der AfD sei zudem zu erwarten, dass die Partei versuchen werde, »Einfluss in sämtlichen Sektionen der Verdi zu gewinnen«. Unter der Überschrift »Wir sollten wesentlich tiefer graben« äußert der Bremer Sozialwissenschaftler und Autor Rudolph Bauer, der auch mehrere Gedichte beisteuert, Skepsis und Kritik an dem Vorschlag. Er sei rechtlich kaum durchsetzbar, vernachlässige aber vor allem die Ursachen des Zulaufs zur AfD. Die lägen an der Oberfläche in akuten Krisenerscheinungen, in der Tiefendimension im gegenwärtigen Wirtschaftssystem. Eine Repolitisierung der Gewerkschaften, wie von Wildenhain verlangt, sei illusionär. Notwendig sei eine kritische Verdi-Positionierung zur AfD, die Ablehnung einer Zusammenarbeit mit der Partei auf allen Ebenen sowie das Eintreten des DGB für eine Friedenspolitik im Interesse aller Lohnabhängigen. Die zum Teil polemisch formulierten Stellungnahmen der anderen Autorinnen und Autoren des Buches beziehen sich zum großen Teil auf die damit gesetzten Themen. Nach dem Schulterschluss von AfD und organisierten Faschisten in Chemnitz erscheint die hier geführte Diskussion dringender denn je. Sie berührt weit über den VS hinaus grundlegende Fragen des Umgangs außerparlamentarischer Vereinigungen mit Nationalisten und Rassisten.

Klaus Farin (Hrsg.): Unsere Antwort. Die AfD und wir. Schriftsteller*innen und der Rechtspopulismus. Verlag Hirnkost, Berlin 2018, 172 Seiten, 12 Euro


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