Aus: Ausgabe vom 08.09.2018, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Vom Hindukusch nach »Nazistan«

Von Arnold Schölzel
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Szene vom Antikriegstag am 1. September in Chemnitz

Die FAZ berichtete am Mittwoch: »In Libyen toben wieder Kämpfe. Italiens Regierung hat schon einen Verantwortlichen ausgemacht: Es ist Frankreich.« So erklärte z. B. Verteidigungsministerin Elisabetta Trenta (Fünf-Sterne-Bewegung), Frankreich habe schon mit dem Krieg zur Ermordung Muammar Al-Ghaddafis im Jahr 2011 »seine eigenen Interessen über die des libyschen Volkes sowie auch über die Interessen Europas gestellt«. Diesem Verhaltensmuster folge Paris auch jetzt wieder.

So geht es zu im Rudel. Rom macht das Ertrinken lassen von Menschen in Seenot zur Regierungsmaxime, Paris will mehr Beute herausschlagen. Die FAZ informierte genüsslich: »Das halbstaatliche italienische Erdöl- und Gasunternehmen ENI fördert in Gebieten, die von der Regierung Sarradsch und von mit Tripolis verbündeten Milizen kontrolliert werden, derzeit rund 320.000 Barrel Erdöl. Der französische Erdölkonzern Total kommt in Libyen nur auf eine tägliche Fördermenge von rund 31.000 Barrel.« Schreiende Ungerechtigkeit.

Ähnlich unfair geht es in Afghanistan zu. Ebenfalls am Mittwoch meldete die FAZ den Tod des früheren Mudschaheddin-Führers und späteren Taliban-Ministers Dschalaluddin Hakkani. Er rufe »eine Zeit in Erinnerung, in der islamistische Kämpfer von vielen im Westen als Helden gefeiert wurden«. Als ob nicht fast alle im Westen heute die nach Zehntausenden zählenden in- und ausländischen Kopfabschneider in Syrien als »Rebellen«, also Helden, gegen die »Schlächter« Putin und Assad feiern. Hakkani, heißt es, »unterhielt Verbindungen zu bin Laden«, »wurde im Weißen Haus von Ronald Reagan empfangen. Und die CIA hielt so viel von Hakkani, dass man es ihm überließ, neue Waffensysteme und Taktiken zu testen.« Ein Vorbild, aber gegenüber der Wertegemeinschaft undankbar.

Am selben Tag: ein FAZ-Gespräch mit dem AfD-Kovorsitzenden Alexander Gauland. Das Blatt hatte das damalige CDU-Mitglied (1973 bis 2013) 1991 nach Potsdam geschickt, wo Gauland die von der FAZ erbeutete Märkische Allgemeine Zeitung bis 2005 herausgab. Den Schulterschluss von AfD und Neofaschisten in Chemnitz nimmt er nun als Bestätigung für seine Art von »friedlicher Revolution«. Man könnte auch sagen, »Nazistan« (Synonym von Peter Hacks für die BRD) wurde in seinen Augen erfolgreich vergrößert, der Rest ist Nebensache – es habe in Chemnitz »keine Jagden auf Menschen« gegeben. Der Hitlergruß wurde gezeigt? »Drei oder vier Verrückte« delegitimierten nicht den Protest von vielen Menschen. Und: »Friedliche Revolutionen machen mir nie Sorgen.« »Wir sind der Pfahl im Fleische eines politischen Systems, das sich überholt hat.« Er meine »das System Merkel«, zu dem er auch Leute aus den Medien zählt: »Die möchte ich aus der Verantwortung vertreiben.«

Das war zu viel. Gauland macht den innerdeutschen Hakkani. Am Donnerstag kommentierte FAZ-Mitherausgeber Berthold Kohler daher das Interview unter der Überschrift »Brandstifter im Biedermannsakko«. Kernsätze: »Merkel ist inzwischen die am tiefsten gehasste Politikerin Deutschlands«. Dennoch müsste die AfD der Kanzlerin im Grunde dankbar sein, »denn Merkels – schon damals in dieser Zeitung kritisierte – Flüchtlingspolitik war es, die einer im Herbst 2015 bereits klinisch toten Partei neues Leben einhauchte«. Nun wolle Gauland Leute »vertreiben«. Kohler: »Früher nannte man das Säuberung.« An die 1990er Säuberungsheldenzeit im Osten erinnerte Kohler dabei nicht.

Am Freitag bestätigte der AfD-Berater und Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, Gauland in Bild amtlich: Medienberichte über »Hetzjagden« in Chemnitz seien wohl eine »gezielte Falschinformation«. Gauland setzt seine Waffen nicht wie die Taliban auf eigene Rechnung ein. Er hat den Generalstab hinter sich.

Den Schulterschluss von AfD und Neofaschisten in Chemnitz nimmt Gauland nun als Bestätigung für seine Art von »friedlicher Revolution«. Man könnte auch sagen, »Nazistan« (Synonym von Peter Hacks für die BRD) wurde in seinen Augen erfolgreich vergrößert, der Rest ist Nebensache.

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