Aus: Ausgabe vom 08.09.2018, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

»Seid wachsam!«

Vor 75 Jahren wurde der tschechische Journalist, Kommunist und antifaschistische Widerstandskämpfer Julius Fucik in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Eine Gedenkrede

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Fucik saß niemals im Elfenbeinturm. Er führte nicht nur eine geschliffene Feder in Sachen Literatur und Kunst, er griff ein in die politischen Kämpfe, in die aktuellen Auseinandersetzungen für Freiheit und Recht seines Volkes: Julius Fucik mit seiner Frau Gusta 1936 in der Tschechoslowakei

Am 8. September 1943 wurde Julius ­Fucik in Berlin ermordet. Einen Tag zuvor hatte die später »Blutnächte von Plötzensee« genannte Massenhinrichtung aller von faschistischen Richtern zum Tode verurteilten etwa 250 Häftlinge, davon 125 Tschechen, in der Strafanstalt begonnen. Hitler hatte kurz zuvor verlangt, Todesurteile schnell zu vollstrecken.

In der DDR wurden zahlreiche Einrichtungen, Straßen und Plätze nach Julius Fucik benannt. In Städten wie Gera, Pirna, Plauen, Pößneck oder Stralsund gibt es bis heute Fucik-Straßen. Der Fucik-Platz in Dresden wurde 1991 in Straßburger Platz umbenannt, ab 1999 errichtete VW dort eine Fabrik.

jW dokumentiert Auszüge aus einer Rede, die der Journalist Klaus Haupt am 7. September 2003 auf einer politisch-literarischen Matinee in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin zu Ehren des tschechischen Kommunisten gehalten hat.

Wenn von Julius Fucik die Rede ist, dann denkt wohl nicht nur unsereiner zuerst an die »Reportage unter dem Strang geschrieben«, dieses schmale Büchlein aus der Zelle 267 im Prager Gestapo-Gefängnis Pankrac, das am häufigsten übersetzte tschechische Buch mit dem berühmt gewordenen Schluß: »Menschen, ich hatte euch lieb. Seid wachsam!«
Fucik wurde am 23. Februar 1903 im Prager Arbeiterbezirk Smichov geboren. Er war zunächst ein Mann der Musen, der Künste, des Buches, des geschriebenen Wortes, ein Mann der Feder. Seine Frau Gusta Fuciková erzählte mir, daß er seine Wohnung nie ohne ein Buch verlassen habe. Die Literatur hat Julius Fucik zeit seines Lebens beschäftigt. Er studierte Literatur an der Prager Universität – mit größter Intensität. Im Winterhalbjahr 1923/24, seinem fünften Semester, hatte er sich gar für 51 Stunden Vorlesungen pro Woche eingetragen. Er hörte bei Frantisek Xaver Salda, der in der Tschechoslowakei anerkannten Autorität in der Welt von Poesie und Prosa. Die Orientierung an Salda machte auch Fucik zu einer Autorität. Seine Literaturkritiken und literarischen Essays wurden respektiert.
Als 1926 die führenden tschechischen Verleger für ihren Klub moderner Verleger eine neue Verlags- und Literaturzeitschrift mit internationalem Zuschnitt planten und dafür einen geeigneten Redakteur suchten, wählten sie Julius Fucik – und sie nahmen dabei in Kauf, dass er Kommunist war. In dieser Zeit erschien ein neues Zweiwochenblatt für Kunst und Literatur, die damals vielgerühmte Tvorba – federführend: Frantisek Xaver Salda. Und zu den ersten Mitarbeitern gehörte sein Schüler Julius Fucik.
Dabei saß Fucik niemals im Elfenbeinturm. Er führte nicht nur eine geschliffene Feder in Sachen Literatur und Kunst, er griff ein in die politischen Kämpfe, in die aktuellen Auseinandersetzungen für Freiheit und Recht seines Volkes. Fucik war Berichterstatter bei Streikkämpfen, erster tschechoslowakischer Korrespondent in der UdSSR, verantwortlicher Redakteur der Parteizeitungen Rude pravo, Halo noviniy und anderer Publikationen.
Sein offener Charakter, seine aufrechte, herzliche Lebensart waren – neben seinen beruflichen Qualitäten und seinem politischen Standpunkt – weitere Gründe dafür, daß Fucik im Kreis seiner Kollegen und unter den tschechischen Intellektuellen nicht nur einen guten Ruf und Sympathie genoß, sondern auch viele Freunde gewinnen konnte. Und sie kamen aus allen Genres des kulturellen, künstlerischen Lebens.
Als die deutsche Wehrmacht in Prag und die Rest-Tschechoslowakei einmarschierte, nahm Fucik den illegalen Kampf auf. Seine Genossen hatten ihm nahegelegt, ins Ausland zu gehen. Auch einen Pass hatten sie ihm verschafft. Aber er ging in die Illegalität. Ihm war klar, dass Folter und Tod auf ihn warten, wenn er in die Hände der Gestapo fällt. Er war Mitglied des dreiköpfigen illegalen zweiten Zentralkomitees der KPTsch – verantwortlich für die Herausgabe des Rude pravo und für die Arbeit des Revolutionären Nationalkomitees der Tschechischen Intelligenz.
Etwas länger als ein Jahr konnte er seine Arbeit leisten. Am 24. April 1942 wurde er bei einem illegalen Treff von der Gestapo verhaftet. Als die Gestapo in die Wohnung einbrach, stand er verdeckt hinter einer Tür mit zwei Pistolen in der Tasche. Und nur Sekunden blieben ihm für die Entscheidung, zu schießen und sich vielleicht zu retten – oder aber es bleiben zu lassen in der Hoffnung, damit das Leben anderer vor der bewaffneten Übermacht zu retten. Er wählte die zweite Möglichkeit: Folter und Tod.
Am 25. August 1943 verurteilte ihn das Reichsgericht in Berlin-Moabit unter Präsident Freisler im kurzen Prozess zum Tode.
Aus der Todeszelle schrieb er im Brief an die beiden Schwestern – es ist Fuciks letztes schriftliches Zeugnis: »Ein Mensch wird nicht kleiner, auch wenn man ihn um einen Kopf kürzer macht.«

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