Aus: Ausgabe vom 08.09.2018, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Alles nur Stasi?

Zu jW vom 23.8.: »Gewaltige Landnahme«

(…) »Gundermann« ist ein berührender Film. Ein Film, wie es heutzutage selten welche gibt zur Hochzeit der Allerweltskrimis und (…) banalen Rateshows. Dafür ein Dank den Herstellern. Doch leider haben sie sich (…) dem ideologischen Mainstream untergeordnet, (…) der nur diese eine Klischeeklamotte finanziert, welche da heißt: »DDR gleich Stasi«. (…) Unter diesem Stasi-Dogma (welches so in der DDR-Wirklichkeit nie den Alltag der Menschen bestimmt hat) verschwinden alle anderen Konfliktebenen, die uns DDR-Menschen garantiert viel mehr beschäftigt haben: dass es in den Geschäften dies und jenes nicht zu kaufen gab, dass es nach Tschernobyl keinen Zement mehr gab oder die vielen anderen Engpässe in der Versorgung – das hatte doch nichts mit dem MfS zu tun, das haben wir der Partei- und Staatsführung monatlich berichtet, ohne dass diese darauf reagiert hat. (…) Wie reagiert Herrschaft auf »Volkes Stimme«? Da gibt es von damals viel, aber auch noch viel, viel mehr von heute zu berichten. Und da müsste man Vergleiche ziehen, wenn man den Mut dazu hat. Leider unterscheidet sich die Arroganz der Herrschaft von heute kaum von der damaligen, die doch eigentlich die bessere hätte sein sollen. (…) Wo bleiben die vielen Akteure, die in der DDR gewirkt haben? Die Gewerkschaft, die FDJ, die Gesellschaft für Sport und Technik (GST), die »sogenannten« Blockparteien CDU, LDPD, NDPD, DBD, der Kulturbund, der Demokratische Frauenbund Deutschlands, der sorbische Dachverband Domowina, die Kirchen … Auch hier bleibt am Ende alles nur Stasi – und das war unsere Geschichte eben gerade nicht! Nein, das war sie nicht! Doch diese Beispiele nur am Rande – es wäre Stoff für ganze Fernsehfolgen, doch das will (…) der Geld gebende Mainstream gar nicht. Es soll in der geschriebenen Geschichte über die DDR nur die Stasi übrigbleiben, alles andere soll auf der Müllhalde des bürgerlich Aussortierten landen – pestverdächtig (…). Zurück zu Gerhard Gundermann: Die Zeit nach der Wende war in seiner Heimat eine sehr bewegte. Es gab in Hoyerswerda Brandsätze gegen Asylbewerberheime, rechten Hass, Pogrome. Ich weiß, dass »Gundi« sich dazu verhalten hat. Kein Wort davon im Film. Doch das gehört zu unserer und zu seiner Geschichte. Warum wird dies in einem Film, der die Persönlichkeit eines solchen Künstlers in den Mittelpunkt stellen will, ausgeblendet? Nach der Wende haben Journalisten »entschuldigend« gesagt, sie hätten in der DDR eben eine »Schere im Kopf« haben müssen, um in ihrem Job zu überleben, auch »ohne« Zensur. Jungs und Mädels in der heutigen Medienzunft: Seht ihr die Scheren in euren Köpfen eigentlich noch? Es sind gefühlt doppelt so viele wie vor 1989.

Dr. Edeltraud und Rolf Radochla, Werben-Ruben (Spreewald)

Ohne Beleg

Zu jW vom 3.9.: »›Armut soll aus dem ­Stadtbild herausgehalten werden‹«

Mitte der 1990er Jahre machte der Begriff der »Gefahrenabwehrverordnung« (GAV) die Runde. Deutsche Städte hätten massive Ordnungsprobleme, welche das »subjektive Sicherheitsempfinden« der Bürger beeinträchtigen würden, hieß es vorwiegend aus konservativen Kreisen, wie von seiten der CDU-Leute Klaus-Rüdiger Landowsky (Berlin) und Jürgen Gehb, Ordnungsbürgermeister in Kassel. Bestehende Regelwerke (Stadtsatzungen, Grünflächen- und örtliche Polizeiverordnungen) wurden in den darauffolgenden Jahren »verschärft« oder in »GAV« umbenannt; außerdem wurden Ordnungsämter und Stadtpolizeien mit erweiterten Befugnissen ausgestattet und aufgerüstet. Die neuen »Hilfspolizeibeamten« gehen seitdem z. B. gegen aggressives Betteln und sogar Taubenfüttern vor, welche als Ordnungswidrigkeiten definiert wurden. Auch »wildes Lagern« von Obdachlosen in den Städten soll mittels »verwaltungsrechtlicher Gefahrenabwehr« unterbunden werden. Beide namentlich aufgeführten CDU-Politiker sprachen in diesem Zusammenhang gar von »Ratten« bzw. »Gesocks« (…). Randgruppen wie Obdachlose, Drogensüchtige, Bettler, Stadttrinker und »herumlungernde Jugendliche« sind seither die »Feindbilder« einer konsumorientierten Stadt (…). Vergeblich hatten damals Kriminologen und Soziologen eingewandt, dass Ordnungsprobleme keine Gefahren im sicherheitstechnischen Sinn sind und eine »Vermengung« von beidem schlicht unseriös ist. Dennoch behaupteten die Befürworter der GAV »gebetsmühlenartig«: Ordnungsprobleme und Kriminalität seien kausal miteinander verbunden – Belege hierfür bleiben sie bis heute schuldig!

Thomas Brunst, per E-Mail

Ablenkungsmanöver

Zu jW vom 6.9.: »Haftbefehle im Fall Skripal erlassen«

Nun hat also die Premierministerin Großbritanniens die »wahren« Attentäter von Salisbury gefunden. Mir ist nur unverständlich, wie sie wissen kann, dass die beiden (…) Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes GRU sind. Sie müsste ja ihre wahre Namen kennen! Aber viel wichtiger ist doch die beharrliche Weigerung der britischen Seite, mit den russischen Behörden zusammenzuarbeiten. Seit Wochen hat man nichts mehr von den angeblich in Salisbury mit dem Nervengift »Nowitschok« vergifteten Skripals gehört! Warum lässt man die diplomatischen Vertreter Russlands nicht zu ihnen? Zumindest die Tochter ist Bürgerin der Russischen Föderation. In ihrem Auftritt im Fernsehen hat die Vertreterin des russischen Außenministeriums umfassend erklärt, wie sich die britische Seite einer Zusammenarbeit verweigert und anstelle von Beweisen nur mit Vermutungen arbeitet. Und damit neue Sanktionen fordert. Wovon will man mit diesen Manövern ablenken?

Wolfgang Herzig, per E-Mail

Wenig glaubhaft

Zu jW vom 6.9.: »›Einige würden lieber ­Fahrräder bauen‹«

Wenn diese Leute wirklich Fahrräder bauen wollten, würden sie bei Rheinmetall kündigen und bei einer fahrradproduzierenden Firma anfangen. Dort wird es sicherlich noch freie Arbeitsplätze geben, da ja der Fahrradmarkt angeblich boomt. Deshalb halte ich diese Aussage für wenig glaubwürdig.

Harald Möller, per E-Mail