Aus: Ausgabe vom 08.09.2018, Seite 11 / Feuilleton

Armut ausgrenzen

Von Bettina Kenter-Götte
Jobcenter_57858577.jpg
»Alles Einzelfälle«

In einer großen deutschen Tageszeitung schrieb ein Gastkommentator, es gebe keine Armut in Deutschland. Aufgebracht schlug ich in einem Leserbrief vor, doch mal Betroffene zu Wort kommen zu lassen statt ahnungsloser Experten ohne Armutserfahrung. Daraufhin meldete sich die Redaktion der Meinungsseite der großen Zeitung und meinte, es könne doch »interessant sein, wenn Sie selbst eine Außenansicht schrieben. Nicht als Replik, sondern aufgrund Ihrer Erfahrungen. Was denken Sie?«

Gute Idee, dachte ich, und die Redaktion konkretisierte ihr Angebot, »der teils akademischen Diskussion um Hartz IV einen Erlebnisbericht gegenüberzustellen. Also einen möglichst anschaulichen Einblick in die Realität eines Hartz-IV-Beziehers zu geben.« Für 6.500 Zeichen wurde mir »ein kleines Honorar, eher eine Aufwandsentschädigung von 240 Euro« in Aussicht gestellt. Ich schrieb nach Rücksprache vor allem über Hartz-IV-Sanktionen, mein Text war der Redaktion dann aber leider »zu polemisch und zu speziell«. Vor allem das mit den Vollsanktionen. Die gebe es ja nur in »Einzelfällen«, wurde mir am Telefon gesagt.

34.000 Vollsanktionen wurden im vergangenen Jahr verhängt. Alles Einzelfälle. Ich verabredete ein neues, hochaktuelles Thema mit der Redaktion – Armut bei freien Bühnen- und Medienschaffenden unter Berücksichtigung eines Urteils des Bundessozialgerichts zu unständiger Beschäftigung vom März 2018 –, schrieb Artikel Nummer zwei. »Er liest sich gut«, lobten die Auftraggeber, »inhaltlich wie auch im Ton. Nur ist es jetzt ein Text über darstellende Künstler und Journalisten. Das Spannende bei Ihrer ursprünglichen Mail fand ich jedoch, einen Einblick in die Lebenswelt von Hartz-IV-Empfängern zu bekommen.«

Man habe Verständnis, wenn ich jetzt »keine weitere Runde drehen« wollen würde, stand da, aber ich setzte mich noch mal ran. Artikel Nummer drei, Arbeitstitel: »Der lange Weg vom Antrag auf Hartz IV zur ersten Geldauszahlung«. Eine Reaktion gab es diesmal erst auf Nachfrage. Der Text habe »jetzt noch einmal eine andere Form, doch sie passt auch so nicht wirklich zum Format der Außenansicht«. Es sei wohl so, »dass wir da einfach nicht zusammenkommen. Das soll kein Qualitätsurteil sein, es geht eher darum, wie die (Name der Zeitung) die Dinge angeht und wie Sie sie angehen. Das ist einfach unterschiedlich.«

Wochen später schickte ich einen vierten und letzten Versuch mit dem Titel »Armut geht uns alle an«. Es ging darin um Menschen, die nicht zu Wort kommen. Höflich bedankte sich die Meinungsredaktion für meine »tolle Hartnäckigkeit«, blieb aber dabei, dass »wir einfach einen anderen Angang« haben. Wenige Tage später zitierte die große Tageszeitung den Mafia-Experten Roberto Saviano: »Das Schweigen ist ein Luxus, den wir uns nicht mehr leisten können.« In dem Moment ging mir auf: Es ist wirklich komplett sinnlos, was ich da mache.

Die Autorin wird am 20. September in der jW-Ladengalerie ihr Buch »­Heart’s Fear/Hartz IV« vorstellen

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Arm und Reich Umverteilung in der Klassengesellschaft

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Elgin Fischbach, Leimen: Armut verleugnet Reale Erfahrungsberichte zum Thema Armut waren von der betreffenden Tageszeitungsredaktion bewusst nicht gewollt, um die neoliberale Blattlinie nicht zu gefährden – was die betreffende Zeitungsredakti...

Ähnliche:

  • Kahlschlag und Misere (04.09.2018) Eine Partei zwischen Rechtspopulismus und Neofaschismus. Warum wählen Arbeiter die AfD? (Teil I)
  • Städte wollen Billigarbeiter (18.07.2018) DGB und Kommunen kritisieren das »Teilhabechancengesetz«. Denn im Gegensatz zur Privatwirtschaft müssten öffentliche Träger zuzahlen
  • Merkels Raubzug (26.11.2010) Hintergrund. Am heutigen Freitag will die Bundesregierung unter dem Titel »Sparpaket« ihre soziale Kürzungsorgie einleiten. Sie treibt damit Prekarisierung, Verarmung und Ausgrenzung weiter voran
Mehr aus: Feuilleton