Aus: Ausgabe vom 08.09.2018, Seite 7 / Ausland

Ideeller Gesamtschurke

Demokratische Volksrepublik Korea feiert am Sonntag 70. Jahrestag ihrer Staatsgründung

Von Rainer Werning
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Kim Jong Un 2016 bei einer Versammlung der Pionierorganisation

Am 9. September sind in der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK), meist Nordkorea genannt, Feierlichkeiten angesagt. Massenaufmärsche und Großveranstaltungen stehen auf dem Programm, wenngleich diesmal im Vergleich zu ähnlichen Anlässen in der Vergangenheit das Zurschaustellen des eigenen Waffenarsenals weniger ostentativ erfolgt. Immerhin findet vom 18. bis zum 20. September die dritte Zusammenkunft zwischen Staatschef Kim Jong Un und seinem Kollegen im Süden, Präsident Moon Jae In, in der Hauptstadt Pjöngjang statt. Da vermeidet man martialische Töne und Gesten.

Seit nunmehr sieben Jahrzehnten ist die DVRK – vor allem für die Vereinigten Staaten von Amerika – geblieben, was sie aus der Sicht Washingtons stets war: das Böse schlechthin. Die US-Regierung sah in der Volksrepublik nicht nur einen »Schurkenstaat«. Im Jahre 2002 erklärte Präsident George W. Bush das Land zum Teil seiner ominösen »Achse des Bösen« – neben dem Irak und dem Iran. Auch der im November desselben Jahres in bundesdeutschen Kinos angelaufene James-Bond-Streifen »Die Another Day« (»Stirb an einem anderen Tag«) sorgte als cineastischer Nachklapp dafür, dass dieses Feindbild intakt blieb.

Als Reaktion auf diesen Streifen konterte damals die staatliche nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA, die USA wollten das Land »absichtlich verspotten und beleidigen«. Tatsächlich seien die USA ein »Reich des Bösen«, das Hauptquartier für die »Verbreitung von Abnormalität, Degeneration, Gewalt, korrupter Sexkultur« und sowieso von »moralischer Lepra« befallen. Zumindest bis zur Jahreswende 2017/18 waren Pjöngjang und Washington nie zimperlich im Umgang miteinander. Das ist ein Resultat des Koreakrieges (1950–1953).

Was seit der von den Siegermächten USA und Sowjetunion im Jahre 1945 erwirkten Spaltung Koreas als Bürgerkrieg um die Vorherrschaft auf der gesamten Halbinsel begann, eskalierte aufgrund der Präsenz der beiden Großmächte zu einem internationalen Konflikt. Die Welt stand am Abgrund, vor einem dritten Weltkrieg. Im Koreakrieg wurde Nordkorea von Hunderttausenden chinesischen Freiwilligen und sowjetischen Bomberpiloten unterstützt, während Südkorea die USA und ihnen unterstellte UN-Truppen aus 15 Staaten beistanden. Es war ein Krieg der verbrannten Erde, in dem der damalige Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkräfte im Fernen Osten und Pazifik, US-General Douglas MacArthur, erwog, die grenznahen chinesischen Großstädte mit Atombomben zu »pulverisieren«.

Am 23. Januar 1968 griffen nordkoreanische Patrouillenboote das US-amerikanische Schiff »USS Pueblo« vor der Küste Nordkoreas an und bezichtigten die Besatzung der Spionage. Für die US-Marine war das Ganze eine herbe Schlappe, zumal die »Pueblo« später in die nordkoreanische Hauptstadt geschleppt und dort auf dem Taedong-Fluss wie eine Trophäe ausgestellt und zur touristischen Besichtigung freigegeben wurde. Erst nach elfmonatiger Gefangenschaft landete die Besatzung der »Pueblo« auf der Miramar Naval Station im kalifornischen San Diego. Eine Eskalation wurden vermieden, denn der damalige US-Präsident Lyndon B. Johnson wollte auf dem Höhepunkt des Vietnamkrieges und des sich dabei bereits abzeichnenden militärischen Debakels eine weitere »Front« in der Region vermeiden.

Nordkoreas Atomprogramm wäre nie entwickelt worden, hätte Pjöngjang (eingedenk historischer Erfahrungen) seitens der USA eine klare und verbindliche Sicherheitsgarantie erhalten. Der seit der Jahreswende 2017/18 initiierte vierte Annäherungsprozess zwischen Süd- und Nordkorea verläuft vielversprechend. Die »Mutter aller Probleme« auf der Koreanischen Halbinsel war bis dato stets Washingtons aggressive Interventionspolitik.


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