Aus: Ausgabe vom 08.09.2018, Seite 2 / Inland

»RWE hat ›rote Linie‹ überschritten«

Anspannung im Hambacher Forst: Erster Baum wurde gefällt. Aufruf zum Widerstand von Waldbesetzern. Ein Gespräch mit Karolina Drzewo

Interview: Gitta Düperthal
Polizeieinsatz_im_Ha_58611013.jpg
Polizeieinsatz im Hambacher Forst (5.9.18)

Der Kohlekonzern RWE hat gegenüber dem Oberverwaltungsgericht in Münster eine sogenannte Stillhaltezusage abgegeben. Bis zur Entscheidung über eine Klage gegen die Rodung im Hambacher Forst sollen die Motorsägen stillstehen, längstens aber bis zum 14. Oktober, hieß es am Donnerstag. Gehen Polizeibeamte und RWE-Mitarbeiter trotzdem weiterhin gegen die Waldbesetzer vor?

RWE hat in der Tat zugesagt, die Rodungsarbeiten zu verzögern. Trotzdem besteht der Konzern darauf, die Waldbesetzung zu beenden. Mitarbeiter haben bereits Schäden im Forst angerichtet, was wir als Beginn der Rodung werten. Nach wochenlangen Polizeieinsätzen gegen die Umweltschützer wurde am Donnerstag der erste Baum gefällt und zugleich die Plattform eines Baumhauses zerstört. Deshalb haben wir – wie von uns angekündigt – den »Tag X« ausgerufen. Das bedeutet: Wir mobilisieren ab jetzt zum Widerstand, um uns einer Räumung in den Weg zu stellen. Die Bewegung für Klimagerechtigkeit setzt sich geeint dafür ein.

Wie begründet die Polizei, dass sie trotz anderslautender Zusage gegen die Aktivisten vorgeht?

RWE sagt ausdrücklich, dass geräumt wird, und die Polizeileitung unterstützt dies. Am Donnerstag hatten wir die Anfänge der Waldzerstörung mit ansehen müssen. Der Konzern beginnt mit Hilfe der nordrhein-westfälischen CDU/FDP-Landesregierung, Fakten zu schaffen.

Wir haben die Zermürbungstaktik satt. RWE hat die »rote Linie« überschritten, indem der Konzern einen Baum hat fällen lassen. Das Bündnis »Ende Gelände« unterstützt die Forderung der neu gegründeten »Aktion Unterholz«: Solange über den Kohleausstieg verhandelt wird, darf nicht zugleich der Wald zerstört werden. Wir werden uns mit unseren Körpern zum Schutz davor aufstellen. Vielfältige Aktionen zivilen Ungehorsams sind in Vorbereitung. Für Sonntag ist ein großer Waldspaziergang geplant sowie bundesweite Solidaritätsbekundungen und Demonstrationen. Wir werten es als ersten Erfolg, dass sich die RWE-Waldarbeiter nach Ausrufung des »Tag X« wieder aus dem Wald zurückgezogen haben.

Dennoch gab es Auseinandersetzungen …

Am Freitag machten sich Menschen der »Aktion Unterholz« aus dem Rheinland auf den Weg in den Wald. Rund 250 Leute waren am frühen Morgen mit der S-Bahn nach Buir gereist, um die zwischen 200 und 300 Aktivisten im Wald zu unterstützen. Die Polizei hat sich ihnen am Bahnhof in den Weg gestellt. Letzte Woche hatte die Behörde die Gegend zum »gefährlichen Ort« erklärt. Nach wie vor ist unklar, welche Grenzen dieses vermeintliche Gefahrengebiet überhaupt hat. Die Polizei lässt seitdem Menschen nur nach Angabe der Personalien und Durchsuchungen durch. Es gab aber auch viel Unterstützung für die Waldbesetzer. Einige Bürger brachten Lebensmittel und Material, um wieder aufzubauen, was die Polizei in den letzten Wochen zerstört hat.

Was genau geschah am Freitag mit dem Sprecher der »Aktion Unterholz«?

Pressesprecher Jan Pütz wurde mitten während eines Interviews ganz gezielt und völlig anlasslos aus der Menge herausgezogen und von der Polizei festgehalten. Die »Aktion Unterholz« wertet das als Eingriff in die Pressefreiheit.

Wie ist die Stimmung der Waldbesetzer angesichts der Zerstörung der am Boden befindlichen Infrastruktur der Baumhäuser, in denen die Besetzer wohnen?

Anwohner sorgen sich ebenso wie die Bewohner des Waldes, dass es weitere Zerstörung geben wird. Unter Aktivistinnen und Aktivisten herrscht Empörung vor, dass dieses Vorgehen des Konzerns auf der politischen Ebene zugelassen wird.

Wie wird es weitergehen?

Immer mehr Menschen verurteilen das Vorgehen von RWE, das im Einverständnis mit dem CDU-Innenminister in NRW, Herbert Reul, stattfindet. Selbst die Gewerkschaft der Polizei hat sich gegen den Polizeieinsatz ausgesprochen, zumal Wirtschaft und Politik sich weitgehend einig sind, dass der Kohleausstieg nun ansteht. Auch Verdi steht hinter uns. Zwar sei man für die Erhaltung von Arbeitsplätzen, aber eben auch für die Zukunftsfähigkeit einer ganzen Region. Große Umweltverbände, Nichtregierungsorganisationen und lokale Initiativen stehen zusammen.

Karolina Drzewo ist Pressesprecherin des Bündnisses »Ende Gelände«

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Inland