Aus: Ausgabe vom 06.09.2018, Seite 15 / Medien

Eine Stunde TV in Polen

»Führendes Pilzland«: Das Abendprogramm vom Montag in Staats- und Privatfernsehen steht symptomatisch für die Medienbetreuung der Bevölkerung

Von Reinhard Lauterbach
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Proteste gegen die »Justizreform« in Warschau (24.7.2017)

Montag abend dieser Woche. Um 19 Uhr sendet der liberale Privatsender TVN 24 seine Nachrichtensendung »Fakty«. Aufmacher sind Auftritte von Staatspräsident Andrzej Duda auf verschiedenen Veranstaltungen am Wochenende, bei denen er für die »Justizreform« der regierenden Partei »Recht und Gerechtigkeit« (PiS) geworben hatte, gefolgt von zahlreichen Statements, die das als Missbrauch von Schulen und Kirchen für parteipolitische Propaganda beklagen. Anschließend ein Vorfall am Rande einer Demonstration in Warschau. Beim Auftritt Dudas vor dem »Grabmal des unbekannten Soldaten« hatte eine Gegendemonstrantin »Verfassung« gerufen und war dafür von einer höheren Beamtin mit den Worten »Halt’s Maul, dummes Weib« vor laufenden Kameras geohrfeigt worden. Weiter ein Stück über einen Angriff Rechter auf ein LGBT-Picknick in Szczecin und zum Schuljahresbeginn eine Reportage, die die Abschiebung behinderter Kinder in Sonderklassen beklagt. Dünne Nachrichtenlage nennt das der Medienarbeiter.

Schöne Nachrichtenwelt

Um 19.30 Uhr dann, auf derselben Materialgrundlage, die Hauptnachrichtensendung des Staatsfernsehens TVP. Direkt vor der Sendung im Werbeblock zwischen Kaffee und Krediten eine öffentliche Beihilfe: ein Imagespot des Erziehungsministeriums. Aufmacher bei TVP: der Beginn des Schuljahres. Festlich ausstaffierte Kinder, Ministerpräsident Mateusz Morawiecki, der daran erinnert, dass einem das, was man im Kopf habe, niemand nehmen könne. Ähnlich wenig später auch Staatspräsident Andrzej Duda samt Gemahlin. Eine Schule irgendwo im Land wird dem »Heiligen Johannes Paul II.«: geweiht. Es fliegen gelbe und weiße Luftballons gen Himmel; eine Schülerin nennt als Vorsatz fürs neue Schuljahr, nicht mehr soviel zu feiern und mehr zu lernen, eine Schule in Lublin hat in den Ferien ein Poem eines dichtenden Priesters als Wandgemälde gestaltet. Zum Schluss tanzen Achtjährige in einer Turnhalle eine Polonaise. Alles ist gut, signalisieren die Bilder.

Thematischer Anschluss: Eltern, die dank der von der Regierung eingeführten Beihilfe von 300 Zloty (70 Euro) für jedes schulpflichtige Kind nun das Geld hätten, ihren Kindern Zusatzaktivitäten wie Fechten und Reiten zu ermöglichen. Bei der Gelegenheit wird Rafal Trzaskowski, der Oppositionskandidat für das Amt des Warschauer Oberbürgermeisters, entlarvt: Er nehme für seine Kinder diese Leistung auch in Anspruch. Ein Professor bezeichnet das als Heuchelei, da Trzaskowski die Einführung der Beihilfe zuvor kritisiert hatte. Einblendung Morawiecki zum zweiten: »Wir wollen ein gerechteres, solidarischeres und fröhliches Polen.« Einblendung Parteichef Jaroslaw Kaczynski: »Wir kommen voran.« Einblendung Innenminister Joachim Brudzinski: »Die Opposition ist unverschämt.« Die geohrfeigte Demonstrantin kommt auch bei TVP vor, allerdings mit der Ansage der Moderatorin, sie habe sich »vulgär verhalten«. Mehr als die Parole »Verfassung« bringt allerdings auch das Staatsfernsehen nicht als Beweismaterial. Was halt der PiS als vulgär gilt.

Staatsfernsehen pur

Als nächstes folgt ein Auslandsthema: Polnische Staatsanwälte sind nach Smolensk gefahren, um weitere Ermittlungen wegen des Flugzeugabsturzes vor acht Jahren anzustellen. Das Wrack liegt immer noch in Russland. Man sieht einen Kleinbus mit Warschauer Nummer, sonst eigentlich nichts. Die Moderatorin der Sendung erklärt eingangs, Russland behindere die Ermittlungen. Der Reporter vor Ort hingegen berichtet, die russischen Staatsanwälte nähmen die Ermittlungen gemeinsam mit ihren polnischen Kollegen vor. Dumm gelaufen.

Anschließend ein Festakt zum 38. Jubiläum einer Vereinbarung zwischen den damals streikenden Bergleuten des Landes und der zu dieser Zeit herrschenden Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei. Jede Menge Salbungsvolles. Weiter ein im Ton empörter Bericht darüber, dass die Noch-Oberbürgermeisterin von Warschau, Hanna Gronkiewicz-Waltz, den Europäischen Gerichtshof anrufen wolle, um die Arbeit der von Patryk Jaki, dem Oberbürgermeisterkandidaten der PiS, ins Leben gerufenen Untersuchungskommission zur Privatisierung von Immobilien in der Hauptstadt zu blockieren. Die EU als Helfer der Mafia, soll der Zuschauer wohl assoziieren. Geschädigte Mieter schimpfen, Gronkiewicz-Waltz schrecke vor nichts zurück. Jaki verspricht: Wir holen das Geld von den Immobilienhaien zurück. Dann noch ein Stück über die drohende Schließung eines beliebten Krankenhauses in Warschau. Es untersteht zwar nicht Gronkiewicz-Waltz, sondern der Universität und damit der Regierung, aber etwas bleibt immer hängen. Und zum Schluss eine »bunte« Reportage über den Beginn der Pilzsaison – obwohl es wegen der Trockenheit dieses Jahr kaum welche gibt. Polen sei »Europas führendes Pilzland«, erfährt der geneigte Zuschauer, der bis hierhin durchgehalten hat.

Zuschauer wenden sich ab

Das sind immer weniger. Die Zuschauerschaft der Hauptnachrichtensendung »Wiadomosci« ist von 4,5 auf 1,5 Millionen pro Werktag gesunken, seitdem die PiS 2016 faktisch die Kontrolle über TVP übernommen hat. Der Grund ist die völlig ungenierte Propaganda des öffentlichen Senders. Dem liberalen Portal OKO.Press wurde kürzlich eine interne Auswertung des Staatsfernsehens zugespielt: Danach haben Vertreter von PIS und Regierung in drei Monaten dieses Jahres doppelt soviel Sendezeit gehabt wie die gesamte Opposition zusammen.

Trotz der schwachen Quoten macht TVP selbstverständlich weiter. Das Publikum soll mit der Wiederholung alter Serien zurückgewonnen werden, die das Abendprogramm am Stück abnudelt. Im Hintergrund fließen immer neue Subventionen. Der Einsatz ist die Staatsknete wert: Nur TVP hat ein landesweites terrestrisches Sendernetz. Die oppositionsnahen Sender sind über Kabel und Satellit zu empfangen, aber das kostet extra, TVP gibt es »umsonst«. Der Sender garantiert also der Regierung ein faktisches Informationsmonopol in der Fläche. Die Oppositionskanäle sind natürlich auf ihre Weise auch langweilig und vorhersehbar. Die Zahl der ständigen Interviewgäste beim Infokanal TVN 24 liegt in der gefühlten Größenordnung von etwa 30 Personen. Nicht alle sind immer kompetent auf dem Gebiet, zu dem sie sich äußern sollen. Meist weiß man im voraus, was sie sagen werden. Wie die Opposition bei TVP, so kommt die PiS bei TVN kaum vor. Was allerdings daran liegt, dass sie den Sender boykottiert, nicht umgekehrt.

Ursprünglich hatte die PiS vor, die polnischen Medien zu »repolonisieren«. Aber sie hat diese Pläne zumindest aufgeschoben. Denn der wichtigste liberale Sender, TVN, gehört dem US-Medienkonzern Discovery. Und als der regierungstreue Medienrat gegen TVN eine Strafe von einer Million Zloty dafür verhängen wollte, dass der Sender über Proteste vor dem Sejm berichtet hatte, reagierte die US-Botschaft umgehend: PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski wurde einbestellt und bekam zu hören, dass Eingriffe in die Tätigkeit eines US-Medienunternehmens nicht geduldet würden. Zwei Tage später war die Strafdrohung als »Missverständnis« vom Tisch.


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