Aus: Ausgabe vom 06.09.2018, Seite 10 / Feuilleton

Die Hand, die dich füttert

Von Thomas Wagner
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»Lieber Mark Zuckerberg«: Die norwegische Tageszeitung Aftenposten wirft dem Facebook-CEO vor, die Meinungsfreiheit zu zerstören (9.9.2016, Oslo)

Der klassische Zeitungsjournalismus steckt in einer Krise. Kostenlose Angebote von Konkurrenten im Internet sowie der Verlust an Anzeigenkunden haben die Grundlagen des Geschäftsmodells der Verlagshäuser untergraben. Doch da nahen Retter in der Not: Internetkonzerne wie Google und Facebook haben millionenschwere »Hilfsprogramme« aufgelegt. So bietet Mark Zuckerbergs Konzern seit Januar 2017 ein »Facebook Journalism Project« an. In entsprechenden Kursen, berichtet die Neue Zürcher Zeitung (NZZ, 26.6.2018), lernen Journalisten, »ihre Arbeit zu publizieren, zu verbreiten und zu Geld zu machen – vorzugsweise durch Facebook-Instrumente«.

Als potenter Sponsor des von Finanzierungssorgen gebeutelten Journalismus tut sich vor allem Google hervor. So startete der weltweit führende Suchmaschinenanbieter im März 2018 seine mit rund 340 Millionen Euro ausgestattete »Google News Initiative« (GNI). Bereits im Jahr 2015 hatte der Internetkonzern Zeitungen, Bloggern und Startups im Rahmen der »Digital News Initiative« für drei Jahre ca. 170 Millionen Euro für Projekte bereitgestellt, die neue Ansätze im digitalen Journalismus verfolgen sollten. Gründungsmitglieder waren acht große Medienhäuser: die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Zeit, The Guardian, The Financial Times, El País, Les Échos, La Stampa und der Verlag NRC Media. In Deutschland kamen Kooperationspartner wie Spiegel online, der Bauer-Verlag, das Nachrichtenportal des Internetanbieters 1&1, die Deutsche Welle, die Funke-Mediengruppe, die Neue Osnabrücker Zeitung sowie die IT-Newsportale Heise und Golem hinzu. Angeboten wurden Weiterbildungsveranstaltungen für Journalisten. Der Konzern stellte Teams zusammen, die Redakteuren in den USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland den Umgang mit konzerneigenen Diensten wie Karten, Youtube und Internetsuche sowie die Nutzung der von Google bereitgestellten Daten beibrachten.

»Der Schwerpunkt«, so die NZZ, lag »dabei in den Bereichen Gestaltung, Publikation, Distribution und Monetarisierung (durch Werbung, deren Entnahmen auch an Facebook und Google fließen). Hingegen findet man unter den angebotenen Trainingswerkzeugen und Erfolgsgeschichten kaum Initiativen, die auf Recherche oder das Gewinnen von Fakten und Wissen ausgerichtet sind.« Es ist offensichtlich, dass die Nutzung digitaler Produktions- und Distributionsmittel die Zeitungsverlage näher an die Plattformen der Technologiekonzerne heranrücken lässt. »Das wirkt sich auf die Form der journalistischen Angebote aus, das Plattformmedium wird zur Message und zum Biotop, in dem Nachrichten publiziert und konsumiert werden«, so die NZZ.

Von Gewerkschaftsseite wurden diese Aktivitäten daher von Beginn an sehr kritisch betrachtet. Das Angebot an die Verlage sei »eine billige Methode«, mit der Google versuche, einen Platz im Meinungsmarkt und im Journalismus zu erkaufen, urteilte Cornelia Haß, die Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Journalistinnen- und Journalistenunion (DJU) in der Zeitschrift M – Menschen machen Medien (3/2015). Mit solchen »Umarmungen« beschädigten die Verlage das Vertrauensverhältnis zu ihren Lesern.

Auch die NZZ betont die Gefahren: »Facebook und Google sind profitorientierte Unternehmen mit vielfältigen Geschäftsfeldern und -interessen, mit denen eine kritische, unabhängige Berichterstattung kollidieren kann.« Ein Biss in die Hand, die einen füttert, werde unwahrscheinlicher, je größer die finanzielle oder technologische Abhängigkeit von ihr sei.


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