Aus: Ausgabe vom 05.09.2018, Seite 10 / Feuilleton

Monokultur und Elend

Nach 1989 wurden die Dorfgemeinschaften in Ungarn zerschlagen – in ihren Trümmern findet sich die Basis der Regierung

Von Szilard Kalmar, Budapest
RTX5H6E7.jpg
Kein Interesse an Landwirtschaft, die vielen Menschen Arbeit gibt

Bei den Parlamentswahlen im April unterstützten die ärmsten Dörfer und Regionen in einem sehr viel stärkeren Maß den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban als der Rest des Landes. In jenen ländlichen Siedlungen also, wo das Elend riesig ist, wo im Winter Hunderte in ihren unbeheizten Heimen erfrieren, wo Menschen mit Abfällen und mit Sperrmüll heizen. Um die Gründe zu verstehen, müssen wir uns anschauen, was in den letzten Jahrzehnten auf dem Land geschehen ist.

Vor 1989 hatte in Ungarn im wesentlichen jeder im erwerbsfähigen Alter Arbeit. Dank der auch im europäischen Vergleich hochentwickelten landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften verfügten die Landbewohner über ein gutes Einkommen. Dieses konnten sie sogar noch durch den geregelten Verkauf von zu Hause gehaltenen Tieren aufbessern. In den Jahrzehnten vor der »Wende« wurden in diesen Siedlungen viele hunderttausend geräumige und komfortable Heime gebaut. Das Charakteristische an der ungarischen »Wende« war die bewusste Zerstörung der Dörfer. Die rechte Regierung unter Ministerpräsident Jozsef Antall zerschlug die als Bastionen des sozialistischen Systems betrachteten Genossenschaften. Das führte zu einer sofortigen Massenarbeitslosigkeit und einer dauerhaften Perspektivlosigkeit in den Siedlungen. Der antisoziale Amoklauf Antalls, mit dem die faschistische und feudale Restauration des Landes begann, wurde in den letzten 30 Jahren von allen Regierungen, so auch den neoliberalen »Sozialisten«, fortgeführt. Die gelernten Agrarfachleute verschwanden, und die neuen Grundherren hatten kein Interesse daran, eine Landwirtschaft aufrechtzuerhalten, die vielen Menschen Arbeit gab und diversifiziert war. Statt dessen wurde auf Monokulturen gesetzt. Plötzlich wurden Weizen, Mais, Sonnenblumen oder Raps angebaut, wo früher Gewächshäuser, Obstbäume oder Wein wuchsen – industrielle Arbeit wurde auf dem Land vollkommen eingestellt.

Wer konnte, floh vor dieser neuen Aussichtslosigkeit in die Städte. Statt dessen kamen jene, die aus verschiedenen sozialen Gründen aus den Städten verdrängt worden waren. In den Krisenregionen beschleunigte sich die Überalterung und Ghettoisierung auf den Dörfern. Das Elend wurde zunehmend ethnisiert, da die Roma von der Verarmung stärker betroffen waren. Vor 1989 hatte ein Großteil von ihnen in der Landwirtschaft, der Schwerindustrie oder im Bauwesen gearbeitet. Jetzt hatte kaum jemand von ihnen einen Erwerb, die älteren verfügten über eine kleine Rente, die jüngeren versuchten sich mit staatlicher Sozialhilfe und Kindergeld über Wasser zu halten. Die ethnischen Spannungen, die aus den sozialen Pro­blemen resultierten, kennzeichneten von Beginn der 2000er Jahre das Leben auf den ungarischen Dörfern. Rechte Politiker schürten die Spannungen zusätzlich. Sie gründeten antiziganistische paramilitärische Organisationen. Es war die Zeit, in der zahlreiche Roma bei Anschlägen ermordet wurden.

2010 wurde Viktor Orban nach seiner ersten Amtszeit von 1998 bis 2002 mit einer unglaublichen Mehrheit erneut zum Ministerpräsidenten gewählt. Die neoliberale politische »Alternative« hatte nach acht katastrophalen Jahren an der Regierung ein Trümmerfeld hinterlassen. Seit Orbans Amtsantritt hat sich das Elend auf dem Land verfestigt. Die Sozialhilfe wurde sofort von umgerechnet 100 Euro auf 70 gekürzt, das Kindergeld wurde eingefroren. Die von der Regierung eingeführten Steuervorteile für Familien wurden so eingerichtet, dass die Armen davon kaum profitieren können.

Im überwiegenden Teil der Dörfer ist heute die einzige Erwerbsmöglichkeit die Teilnahme am »Gemeindearbeitsprogramm«, das 2011 von der Regierung eingesetzt wurde, um Arbeitslosen die Rückkehr in »geregelte Arbeitsverhältnisse« zu erleichtern. Der Lohn entspricht in etwa zwei Dritteln des Minimallohns. In der Regel sind die derart Beschäftigten jedoch in dem System gefangen.

Auch damit hat Orban in den letzten Jahren den sowieso völlig ausgelieferten Armen offen den Kampf angesagt. Hunderttausende haben jeglichen Anspruch auf staatliche Unterstützung verloren. Das System ist feudal aufgebaut. Die Menschen sind zwar nicht zufrieden mit der Situation, aber oppositionelle Gruppen wurden mehr oder weniger vollkommen aus diesen Regionen verdrängt oder haben sich zurückgezogen.

Das Elend der Dörfer ist so zu einer stabilen Basis des Orbanschen Systems geworden. Viele der Alten begrüßen die kaum verhüllt rassistische, autoritäre Politik, viele der in den »Gemeindearbeitsorogrammen« beschäftigten Armen unterstützen zwangsweise die Regierung, weil diese ihnen ihr Auskommen sichert, einige aber auch aus Überzeugung. In dieser Schicht der Gesellschaft konnte die mit dem Schreckbild einer »Migranteninvasion« gemachte Politik viele Menschen für sich gewinnen. Viele von ihnen haben nur noch Zugang zu jenen Medien, die permanent die Hasspropaganda der Regierung verbreiten.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

  • Wer Armut sät (11.06.2018) Auf die sozialistische Landwirtschaft folgte nach dem Zusammenbruch der DDR 1989/90 die Rückkehr zu kapitalistischen Formen der Agrarproduktion. Mit teils verheerenden Folgen
  • Reaktion feiert Revolution (24.10.2016) Erinnerung im Dienst der Gegenwart. Wie in Viktor Orbáns Ungarn 60 Jahre nach dem Aufstand von 1956 gedacht wird
  • Zögerliche Beschleunigung (28.11.2014) Helmut Kohls Zehn-Punkte-Programm zur deutschen Frage vor 25 Jahren: Gemächlich wie der Strom des Rheines - so stellte sich der Kanzler den Weg zur Einheit vor. Aufs Tempo drückten die UdSSR, die USA und die ostdeutsche Volksmassen

Regio:

Mehr aus: Feuilleton