Aus: Ausgabe vom 08.09.2018, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

Unter Karls Augen

Rechte Ausschreitungen in Chemnitz auch vor Marx-Denkmal beschäftigen Medien, Politik und Behörden. Gegendemonstranten setzten diese Woche ein starkes Zeichen

Von Jan Greve
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Jan »Monchi« Gorkow, Sänger der Band »Feine Sahne Fischfilet«, beim Konzert am Montag

In dem Jahr, in dem Karl Marx 200 Jahre alt geworden wäre, ist sein Gesicht in der deutschen Medienlandschaft allgegenwärtig. Das hat allerdings nichts mit seinen revolutionären Gedanken und kritischen Analysen zu tun: Vor dem »Nischel«, wie das in der Chemnitzer Innenstadt stehende Karl-Marx-Monument genannt wird, haben sich in den vergangenen zwei Wochen extrem Rechte und Neonazis ebenso versammelt wie antifaschistische Gegendemonstranten. Die Debatte über das, was in den letzten Tagen in der sächsischen Stadt geschehen ist, hält an – und sie gewinnt durch Äußerungen hochrangiger Behördenvertreter der Bundesrepublik neuen Zündstoff.

Nachdem am frühen Morgen des 26. August ein 35jähriger Mann auf dem Chemnitzer Stadtfest getötet wurde, haben Rechte mehrfach die Straßen unsicher gemacht. Aber gerade in dieser Woche gingen auch andere Bilder um die Welt. Etwa die vom »Wir sind mehr«-Konzert, das am Montag in Chemnitz stattfand. 65.000 Menschen fanden den Weg in die Innenstadt, wo sie sechs verschiedenen Bands auf einer eigens errichteten Bühne zuhören konnten. Wie die Musiker im Vorfeld betonten, wollten sie damit ein Zeichen gegen Rechte und Rassisten setzen. Zeitgleich legten am Karl-Marx-Monument DJs aus Berlin auf, Hunderte tanzten dort bis in den Abend zu Elektromusik.

Gegen die rechten Ausschreitungen waren auch schon vor dem Montag Menschen auf die Straße gegangen. Zum Beispiel genau eine Woche zuvor, als ihnen am Karl-Marx-Monument rund 6.000 Rechte gegenüberstanden, abgesichert von weniger als 600 Einsatzkräften der Polizei. Etwa 1.500 Gegendemonstranten waren es an diesem 27. August, die Neonazis nicht die Stadt überlassen wollten. Ein paar Tage später war das Verhältnis nicht sehr viel besser: Am vergangenen Sonnabend veranstalteten AfD und Pegida einen »Trauermarsch« mit 8.000 Teilnehmern. Gegen diese Vereinnahmung protestierten 3.500 Menschen.

Das gemeinsame Marschieren der rechtsnationalen Partei mit teils offen agierenden Neonazis hatte die Forderung nach einer Beobachtung der AfD durch die Verfassungsschutzbehörden befeuert. Dabei muss man nicht erst an den »NSU«-Komplex erinnern, sondern braucht sich nur die am Freitag geäußerte »Alternative Fakten«-Theorie von Behördenchef Hans-Georg Maaßen anzusehen, um zu wissen: Gegen rechts werden bürgerliche Organe wenig ausrichten (ob aus Unfähigkeit oder Unwillen). Dafür braucht es Antifaschisten, die sich den Rechten konsequent in den Weg stellen. Nicht nur in Chemnitz.

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    Solidarität mit Geflüchteten: Am Montag abend waren auch viele junge Menschen auf der Straße
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    Hilft der Verweis aufs Grundgesetz? Eine Aufnahme aus der Chemnitzer Innenstadt vom 1. September
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    Tausende Antifaschisten demonstrierten am vergangenen Wochenende in Chemnitz
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    Auch in Berlin wurde protestiert: Mahnwache vor der sächsischen Landesvertretung mit der Aktivistin Irmela Mensah-Schramm, bekannt durch die Entfernung von neonazistischen Zeichen und Parolen
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    Plakate bei einer Demonstration in Köln vom 28. August
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    Der »Nischel« in Chemnitz am 1. September

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