Aus: Ausgabe vom 03.09.2018, Seite 10 / Feuilleton

Unmittelbare Ausdrucksweise

Wandel vom Belcanto zur Dramatik: Zur Uraufführung des »Sardanapalo«-Opernfragments von Franz Liszt in Weimar

Von Dietrich Bretz
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Ilm-Athen, »Silbernes Zeitalter« – Liszt-Standbild in Weimar

Franz Liszts Oper »Sardanapalo« gehört zu jenen Werken, die der Nachwelt nur in torsohafter Gestalt überliefert wurden. Mehr als ein Jahrhundert lag das Fragment nahezu vergessen in Liszts Nachlass im Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv, galt als schwer entzifferbar, lückenhaft, unaufführbar. Der englische Musikologe David Trippett – dessen Forschungsschwerpunkt Liszt und das nachklassische Weimar umfasst – war es, der bei Recherchen vor rund zehn Jahren entdeckte, dass Liszts Manuskript durchaus lesbar ist. Eine Entdeckung, auf die Trippett geradezu euphorisch reagierte: »Die erhalten gebliebene Musik ist atemberaubend – eine einzigartige Mischung aus italienisch beeinflusstem Gefühlsüberschwang, kühnen harmonischen Wendungen und Seitenwegen.« Stilistische Elemente von Bellini und Verdi, Meyerbeer und Berlioz habe Liszt in seinen charakteristischen Stil integriert, immer wieder auch Wagner beschworen, konstatierte Trippett verblüfft. »Die Musik muss gerettet werden.«

Gestützt auf die kompositorischen Entwürfe aus den Jahren 1846 bis 1852 im Weimarer Skizzenbuch, rekonstruierte und orchestrierte er in dreijähriger Arbeit den ersten Akt zur Aufführungsreife. Mehrere Hürden waren bei der Bearbeitung der 111seitigen Handschrift zum ersten Akt zu überwinden: etliche Abkürzungen, Änderungen und alternative Versionen. »Die Orchestrierung kommt von mir«, so Trippett, »aber es ist durchgängig Liszt«.

Ursprünglich für 1851 geplant, ging die Uraufführung dieses ersten Aktes nun am 19. August in Weimar über die Bühne, zum Auftakt der neuen Saison, als konzertante Aufführung unter Kirill Karabits, Chefdirigent der Staatskapelle Weimar (demnächst wird er an der Deutschen Oper Berlin Mussorgskis »Boris Godunow« leiten). Das Œuvre von Liszt, der etliche Jahre Kapellmeister der damaligen Hof- und heutigen Staatskapelle Weimar war und sich unermüdlich für Ur- und Erstaufführungen eigener und fremder Werke einsetzte, ist für Karabits ein Schwerpunkt des Weimarer Programms. Sinnfällig, dass der Dirigent ins Eröffnungsprogramm Liszts Huldigungsmarsch für Großherzog Carl Alexander und dessen Dante-Sinfonie aufnahm. Der Großherzog, mit seinen liberalen Ansichten in Adelskreisen ein Außenseiter, wurde für den geistigen »Querdenker« Liszt mit seinen progressiven Ideen ein freundschaftlicher Mäzen, unterstützte auch Liszts Engagement für die Weimarer Uraufführung des »Lohengrin« 1850 des nach dem Dresdner Maiaufstand 1849 steckbrieflich gesuchten Barrikadenkämpfers Richard Wagner. Liszt sah seine Tätigkeit zuvörderst nicht als unmittelbaren Dienst für den Weimarer Hof. Er fühlte sich vielmehr als Diener der Kunst, die einer breiten Öffentlichkeit gehören sollte. Das Ilm-Athen Weimar erlebte mit der Liszt-Ära sein »Silbernes Zeitalter«.

Liszts schöpferisches Bestreben war in seiner Weimarer Zeit von Ideen einer »Zukunftsmusik« motiviert, die ihre Impulse aus der engen Verbindung mit der Poesie empfangen müsse. Der Ansatz nahm in seinen sinfonischen Dichtungen wie auch in der Dante-Sinfonie künstlerische Gestalt an. Ab 1841 war die Schaffung einer ausgereiften Oper eines der Ziele. Durch Probleme mit verschiedenen Libretti wurde das Vorhaben im Keim erstickt. Lediglich das auf Lord Byrons Tragödie »Sardanapalus« (1821) basierende Libretto eines ihm unbekannten Autors scheint Liszts Vorsätzen entsprochen zu haben. Byrons Tragödie, ein Stück über Krieg und Frieden im antiken Assyrien, erzählt von Sardanapalus, dem letzten assyrischen König, als friedliebendem Herrscher, dessen Lebenskreis mehr von stimmungsvollen Festen und schöngeistiger Hofhaltung sowie seinen Konkubinen bestimmt wird denn von politischen oder militärischen Entscheidungen. Ein König, der Gewalt verurteilt, sich von der »Falschheit des Ruhms« nicht blenden lässt und es ablehnt, andere leiden zu lassen.

Liszt wollte die Oper in einem modernen italienischen Stil komponieren. Er kam über den ersten Akt nicht hinaus, aber schon dieser hinterlässt nachhaltigen Eindruck. Er zeugt von der Intention, der italienischen Oper neue Wege zu bahnen, einen Wandel vom Belcanto-Stil zu einer der dramatischen Vorlage unmittelbar folgenden Ausdrucksweise. Wie intensiv hat Liszt den emotionalen Konflikt der griechischen Sklavin Mirra, des Königs Lieblingskonkubine, zwischen Heimatverlust und ihrer Liebe zu dem Herrscher in Töne gesetzt! Die libanesische Sopranistin Joyce El-Khoury vermochte den inneren Zwiespalt bei der Uraufführung mit glutvoller Stimme zu gestalten. Nachdrücklich ermahnt der Priester und Staatsmann Beleso den König an seine Pflichten gegenüber dem Vaterland. Mit fulminantem Bassbariton stellte Oleksandr Pushniak diese Figur auf die Bühne, während der spanische Tenor Airam Hernández mit mildem Glanz die eher passive Haltung des Königs charakterisierte.

Faszinierend auch die unter Karabits’ Leitung musizierende Staatskapelle. Erstaunlich, wie sich die stilistisch unterschiedlichen Abschnitte der vielschichtigen Partitur zum einheitlichen Gefüge verbanden. Da deuteten in der Einleitung orientalisch nur angehauchte instrumentale Splitter den Handlungsort an, setzten chorische Passagen von verdischem Impetus (vortrefflich die Damen des Weimarer Opernchores) dramatische Akzente. Liszts »Sardanapalo« wird von Weimar aus seinen Weg auf die Podien finden. Weitere Aufführungen sind zunächst in La Spezia (Italien), danach in England und Washington geplant.

Ein Mitschnitt der Weimarer Uraufführung läuft am 8.9., 20 Uhr, auf Deutschlandfunk Kultur. Das Label »Audite« wird eine Aufnahme auf CD herausbringen

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