Aus: Ausgabe vom 31.08.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Daheim schmeckt’s am besten

Essenslieferant Foodora zieht sich aus mehreren Ländern zurück. Konkurrenzkampf in der Branche tobt

Von Elmar Wigand
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Fast Food: Die Beschäftigten bei Foodora und Co. müssen unter miesen Bedingungen in die Pedale treten

Am Mittwoch zogen rund 60 Fahrradkuriere der Lieferdienste Foodora, Deliveroo und Ubereats durch die Innenstadt von Sydney. Sie riefen Parolen wie »Deliveroo deliver right – we are union, we will fight« (Deliveroo, liefere korrekt – wir sind vereint und werden kämpfen) oder »Uber eats wage cheese« (Uber isst Lohnkäse). Ziel war der Amtssitz des Premierministers Scott Morrison.

Anlass war der überstürzte Rückzug des deutschen Lieferanten Foodora aus Australien. Die Gewerkschaft Transport Workers Union (TWU) bezichtigte das Unternehmen, den Standort zu schließen, um mehrere Millionen Dollar an Lohnnachzahlungen zu vermeiden, die aus Sammelklagen erwachsen könnten. Der »Ombudsmann für faire Arbeit« hatte im Juni vor einem Bundesgericht gegen Foodora geklagt, weil zwei Fahrer in Melbourne und ein Lieferant in Sydney als »unabhängige Vertragsarbeiter« ausgegeben wurden, obwohl sie die Arbeit von Vollzeitangestellten verrichtet hatten. Ein weiterer Fahrer wandte sich an die australische Fair Work Commission (Kommission für faire Arbeit), weil er nach Gesprächen mit Kollegen über niedrigen Lohn und miese Arbeitsbedingungen ungerechtfertigterweise gefeuert worden sei.

Der TWU-Kampagnendirektor Anthony »Tony« Sheldon, der das Projekt »Rights 4 Riders« (Rechte für Fahrer) leitet, fällte ein vernichtendes Urteil: »Seit die Firma Australien betrat, hat Foodora seinen Fahrern – wie alle anderen Essenslieferanten – faire Bezahlung ebenso verweigert wie Rentenansprüche, Unfallversicherung, Jahresurlaub, das Recht auf Tarifverhandlungen, ja, man zwingt sie sogar bisweilen, ganze Schichten ohne Bezahlung zu fahren«, sagte er am Mittwoch vor Pressevertretern in Sydney.

»Das ist ein weltweit agierender Konzern, der Milliardären aus der Digitalwirtschaft gehört. Und jetzt lassen sie hier einen 23jährigen Buchhalter zurück, der die Stellung halten soll«, erklärte Sheldon. »Die Lieferdienste bestehlen die Steuerzahler, sie bestehlen ihre Arbeiter. Sie begehen Lohnraub. Und nun verlässt mit Foodora einer der größten von ihnen weltweit Australien, weil sie vor Gericht gezerrt wurden. Aber diese Firma verschwindet mit einem Koffer voller Geld. Und die Regierung lässt sie damit durchkommen.«

Gewerkschafter und Kurierfahrer fordern die australische Regierung auf, Foodora zu Entschädigungszahlungen zu zwingen. Keno Böhme vom Kuriernetzwerk »Liefern am Limit«, sagte gegenüber jW: »Das Verhalten von Foodora in Australien ist beschämend.« Es wundere ihn aber nicht. Sie nutzten die nationalen Gegebenheiten aus und agierten offenbar rein taktisch. »Man sieht das auch am Beispiel von Österreich«, erklärte Böhme. Während die Betriebsratsgründung in Köln erstaunlich glatt verlaufen sei, werde der Betriebsrat im Nachbarland ignoriert und die Zahl der Festangestellten, die er vertritt, systematisch durch Freelancer reduziert.

Foodora erklärte gegenüber der australischen Presse, der Rückzug aus dem Land sei Teil einer weltweiten Anpassungsstrategie. Tatsächlich gab das Foodora-Management im August bekannt, dass man sich auch aus Frankreich, Italien und den Niederlanden komplett verabschieden werde. Die deutsche Wirtschaftspresse nahm diesen Vorgang bislang erstaunlicherweise nicht zur Kenntnis, obwohl das Unternehmen Delivery Hero, zu dem Foodora gehört, 2017 den größten deutschen Börsengang des letzten Jahres an der Frankfurter Börse hingelegt hatte.

Der Vorstandvorsitzende der Delivery Hero AG, Niklas Östberg, erklärte: »In den Märkten, wo wir nicht die Nummer eins sind und wo wir mittelfristig nicht das Ziel haben, diese Position zu erreichen, stoppen wir unsere Aktivitäten.« Die französische Tageszeitung Le Figaro machte soziale Proteste gegen das Geschäftsgebahren und die Arbeitsbedingungen für den Rückzug verantwortlich. So hatte am 8. Oktober 2016 in Turin der erste »Gig-Economy«-Streik Italiens gegen Foodora stattgefunden. Die Kuriere wählten die Basisgewerkschaft »SI Cobas« als Interessenvertreterin. Auch die niederländischen Kuriere sind gut organisiert.

Ebenfalls im August kündigte Deliveroo, Foodoras bislang größter Konkurrent, einen strategischen Teilrückzug aus Deutschland an. Man will sich auf die vier größten Städte plus Frankfurt am Main beschränken und verlässt zehn Standorte.

Offenbar beginnt nach dem Run um die besten Claims im neuen Markt der onlinebasierten Kurierlieferdienste nun die Marktbereinigung. Wirtschaftsanalysten sind sich relativ einig, dass die Branche nur profitabel organisiert werden kann, wenn am Ende des Konkurrenzkampfs um Märkte nur noch ein Monopolist übrig bleibt, der dann die Bedingungen nach Belieben diktieren und gestalten kann.

Der Markt in Deutschland ist überlaufen. Hier tummeln sich neben den genannten Plattformen noch Domino-Pizza, Ubereats und vor allem die niederländische Plattform Lieferando. Burger King baut ebenfalls einen Lieferdienst auf, während McDonalds das Label McDelivery etabliert, dass momentan von Foodora beliefert wird. Sie alle machen derzeit Verluste. Entsprechend erbarmungslos ist der Konkurrenzkampf, der vor allem auf dem Rücken von Fahrern und Köchen ausgetragen wird.


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