Aus: Ausgabe vom 31.08.2018, Seite 6 / Ausland

Macht zwei, drei, viele Kinder

Hungerproblem gelöst: Historisch einmalige chinesische Geburtenkontrolle soll abgeschafft werden

Von Sebastian Carlens
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Die Chinesen lieben Symbole – und der Rest der Welt liebt es, diese zu deuten. Eine Änderung größeren Ausmaßes soll sich nun anhand einer Briefmarke erkennen lassen: Das endgültige Ende der »Ein-Kind-Politik«. Zum neuen chinesischen Jahr, nach dem asiatischen Tierkreis das »Jahr des Schweines«, hat die Volksrepublik wie immer einen Satz neuer Postwertzeichen herausgegeben. Natürlich mit Schweinemotiv, gleich einer ganzen Schweinefamilie. Dort sind drei kleine Ferkel abgebildet. Die Botschaft ist klar: Bald sind Vorschriften, die die Anzahl der Nachkommen beschränken, Vergangenheit.

Und tatsächlich, im Entwurf für ein neues Zivilgesetz, der Ende August dem Ständigen Ausschuss des Volkskongresses vorgelegt wurde, sei keine Regel zur Familienplanung mehr enthalten, so die Nachrichtenagentur Xinhua. Damit werde der »sich ändernden demographischen Situation« Rechnung getragen. 2020 soll das Gesetz verabschiedet werden. Nach dem »Jahr des Schweines« wäre dann also tatsächlich Schluss mit der historisch und international einmaligen staatlichen Geburtenbeschränkung.

Eingeführt worden war die Regel in den späten 70er Jahren. Vorausgegangen war ein atemberaubendes Bevölkerungswachstum. Hatte China zum Zeitpunkt der Gründung der Volksrepublik 1949 eine knappe halbe Milliarde Einwohner, so verdoppelte sich diese Zahl binnen 30 Jahren (1982: eine Milliarde). War China bereits seit vielen Jahrhunderten das bevölkerungsreichste Land der Welt, so sorgten doch regelmäßige Hungerkatastrophen und opferreiche Bürgerkriege für eine stete Dezimierung der Einwohner. Dieser Trend konnte erst in der Volksrepublik gestoppt werden. Durch steigende Einkommen, bessere Versorgung und soziale Absicherung überlebten nun die meisten Kinder. Dies ging gut, solange die Intensivierung der Landwirtschaft, fortschrittliche Düngemittel und Urbarmachung des Bodens zu höheren Erträgen führten. Doch dies ist nicht beliebig fortzusetzen. Neben akuten Problemen auf dem Arbeitsmarkt war es vor allem die unsichere Versorgungslage, die zur Einführung der Geburtenbeschränkung führte. Es sollten indische Zustände, hohe Geburtenraten und eine ebenso hohe Kindersterblichkeit, verhindert werden.

Dabei galten von Anfang an, als mit der neuen Politik zunächst in einzelnen Provinzen experimentiert wurde, viele Ausnahmen von der Regel. Für Angehörige nationaler Minderheiten hatte das Gesetz nie Gültigkeit, und bei Bauernfamilien wurden (nicht zuletzt aus Rücksicht auf ungebrochene konfuzianische Traditionen) zwei Kinder toleriert, wenn das Erstgeborene ein Mädchen war. Richtig zur Anwendung kam die Politik nur in den Städten. Wobei die westlichen Greuelgeschichten von Zwangsabtreibungen und dergleichen ins Reich der Legenden gehören: Familien, die gegen die Politik verstießen, hatten zwar mit erheblichen, meist finanziellen Nachteilen zu rechnen. Weggenommen wurden die Kinder allerdings niemandem.

Nach einem Bericht der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, die Nullwachstum und Bevölkerungsüberalterung in absehbarer Zeit prognostizierte, wurde die Ein-Kind-Politik 2015 beendet. Ein Jahr später erhob die regierende Kommunistische Partei Chinas die sogenannte Zwei-Kinder-Politik zur offiziellen Linie. Dies führte allerdings nur zu rund 1,3 Millionen Geburten mehr als im Vorjahr – zu wenig, um nach den Berechnungen der Akademie eine künftige Bevölkerungsschrumpfung aufzuhalten. Die geplante komplette Streichung aller Geburtenregulierung zieht nun die Konsequenz: Die Gefahr einer Bevölkerungsexplosion ist längst gebannt.

Laut Regierungsangaben soll die Ein-Kind-Politik im Zeitraum von 1994 bis 2004 rund 300 Millionen Geburten verhindert haben. Und nicht nur das: Damit wurden auch Hungersnöte verhindert. Der Boom der chinesischen Gesellschaft wäre nicht möglich gewesen, wenn die Regierung nicht für stabile Verhältnisse gesorgt hätte. Diese Aufgabe ist erfüllt, und eine Rückkehr zur Normalität ist damit möglich.


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