Aus: Ausgabe vom 30.08.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Sammelbecken für Islamisten

Syrische Armee bereitet Offensive zur Rückeroberung der Provinz Idlib vor. Dschihadisten wollen nicht aufgeben

Von Karin Leukefeld, Damaskus
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Aufgerüstete Söldner: Kämpfer der »Freien Syrischen Armee« in der Provinz Idlib (27.10.2016)

Tausende Soldaten, Eliteeinheiten, schweres militärisches Gerät – die syrische Armee zeigt im Süden und Westen der Provinz Idlib Präsenz. Das Szenario ähnelt dem, was der Befreiung von Ostaleppo, der östlichen Vororte der Ghuta und der südwestlichen Provinzen Deraa und Kuneitra vorausging. Hubschrauber kreisen und werfen Flugblätter ab, die die Kämpfer zum Einlenken aufrufen: »Der Krieg geht dem Ende zu«, ist zu lesen, es sei »Zeit, das Blutvergießen zu beenden«. Die Bewohner von Idlib sollten der Versöhnung zustimmen, »wie unser Volk es in anderen Teilen Syriens gemacht hat«.

Idlib ist eine Art »Abladeplatz« für all die bewaffneten Kampfgruppen geworden, die gegen einen Waffenstillstand und gegen Vereinbarungen mit der Regierung sind – die Damaskus erobern und aus Syrien einen religiösen Staat machen wollen. Ihr Motto ist »Gott kann sie besiegen«. Sie stehen Al-Qaida oder dem »Islamischen Staat« (IS) nahe und gelten als »Terrorgruppen«. Im Rahmen des »Antiterrorkampfes« können sie von Syrien und seinen Verbündeten jenseits von Vereinbarungen über Waffenstillstände oder »Deeskalationsgebiete« weiterhin bekämpft werden.

Die andere Kategorie von kämpfenden Gruppen in Idlib wird vom Westen, der Türkei und den Golfstaaten als »moderate Rebellen« bezeichnet und unterstützt. Zu diesem Spektrum gehören verschiedene Milizen und Reste der »Freien Syrischen Armee«. Das Motto ihres Kampfes ist »Die Tyrannei stoppen«. Inhaltlich und in ihrem Verhalten unterscheiden sie sich von der ersten Kategorie von Kämpfern kaum.

Die Türkei hat die »moderaten Rebellen« im Mai 2018 zur Bildung einer »Nationalen Befreiungsfront« gedrängt, um sie besser kontrollieren und von den extremistischen Kampfverbänden abtrennen zu können. Bisher ist es Ankara indes nicht gelungen, eine wirkliche Kontrolle über das Bündnis zu erreichen. Dessen Führung rief vor wenigen Tagen zum anhaltenden Krieg gegen Damaskus auf und will die Provinz Idlib auf jeden Fall verteidigen.

Die »terroristischen« Kampfgruppen werden von der Nachfolgeorganisation der Nusra-Front dominiert, die sich nun Haiat Tahrir Al-Scham (HTS, Allianz zur Eroberung der Levante) nennt. Nach eigenen Angaben verfügt die HTS über 37.800 Kämpfer und kontrolliert Idlib. In einem blutigen Machtkampf mit ehemaligen Verbündeten hatte die Organisation sich 2017 durchgesetzt. Neue Dschihadistengruppen waren damals entstanden (Dschaisch Al-Badia mit 2.800 und Al-Malahim mit rund 1.700 Kämpfern). Die »Islamische Turkistan-Partei« besteht aus Uiguren und soll nach eigenen Angaben über 7.700 Kämpfer verfügen. Rund 8.500 Kämpfer in verschiedenen Einheiten sprechen russisch und stammen aus zen­tralasiatischen Staaten und Tschetschenien. Restverbände des IS halten sich im südöstlichen Grenzgebiet zwischen den Provinzen Idlib und Hama auf. Ihre Zahl ist unklar, sie werden von den anderen Milizen abgelehnt.

Egal ob »terroristisch« oder »moderat« – zwischen allen Gruppen besteht eine ausgeprägte Konkurrenz. Blutige Machtkämpfe untereinander haben seit 2017 mehr Opfer in den eigenen Reihen gefordert als bei Kämpfen mit der syrischen Armee. Munitions- und Lebensmittellager, Stützpunkte, Hauptquartiere, Konvois gehen in Flammen auf. 220 Anführer verschiedener Gruppen wurden seit Ende April gezielt ermordet oder starben bei Schießereien.

Jede Kampfgruppe zwingt ihrem Einflussbereich neue »Verwaltungsstrukturen« auf. Schulen, Gerichte, öffentliche Einrichtungen – sofern vorhanden – folgen der Scharia, mal in einer mehr, mal in einer weniger dogmatischen Auslegung. An beruflicher Qualifikation mangelt es zumeist, dafür blüht die Korruption. Verstärkt wird das durch internationale Hilfslieferungen, die von privaten, aber staatlich finanzierten Hilfsorganisationen verteilt werden.

Die US-Organisation USAID hat die Finanzierung von drei Projekten in zweistelliger Millionenhöhe in Idlib gestoppt. Es hatte sich herausgestellt, dass die Namen von HTS-Kämpfern auf die Listen von Zivilisten geschmuggelt wurden. Großbritannien hat angekündigt, die Finanzierung der »Freien Syrischen Polizei«, an der auch Deutschland beteiligt war, und der »Lokalräte« einzustellen.

Zivilisten haben keine andere Wahl, als sich unterzuordnen. Manche wünschen sich, dass der Spuk ein Ende hat und die syrische Armee die Provinz militärisch zurückerobert. Wer konnte, hat durch einen »humanitären Korridor« im Süden Idlibs die Provinz verlassen. Mit russischer Unterstützung ist die Aufnahmestelle von Her­dschalla, südlich von Damaskus, renoviert worden und bietet aktuell etwa 1.000 Familien (ca. 5.000 Menschen) Zuflucht. Doch vielerorts können die Bewohner sich nicht frei entscheiden und sind zum Bleiben verurteilt. Doch es gibt auch solche, die Idlib gegen die syrische Armee und deren Verbündete verteidigen wollen. Koste es, was es wolle.

Russische und US-amerikanische Kriegsschiffe im östlichen Mittelmeer sowie ein medialer Schlagabtausch bereiten die Offensive der syrischen Streitkräfte auf Idlib vor. Dieser könnte im September beginnen. Auch Warnungen vor dem erneuten Einsatz von Giftgas gehören dazu. John Bolton, nationaler Sicherheitsberater von US-Präsident Donald Trump, kündigte an, man werde »sehr stark« antworten, sollte Damaskus »erneut Giftgas einsetzen«. Es folgte eine ähnliche gemeinsame Erklärung von USA, Großbritannien und Frankreich.

Damaskus wies die Unterstellungen zurück. Schon früher habe man den UN-Sicherheitsrat darüber informiert, dass mit der Inszenierung eines Anschlags mit chemischen Substanzen zu rechnen sei. Die bewaffneten Gruppen würden das bereits vorbereiten und nähmen zivile Opfer in Kauf, um eine westliche Intervention zu provozieren. Ähnlich äußerte sich das russische Verteidigungsministerium und warnte, dass die USA, Großbritannien und Frankreich wie bereits im April 2018 eine Attacke auf Syrien planten.

Mitarbeiter der britischen privaten Sicherheitsfirma »Olive Group« seien in Idlib eingetroffen, was indes von dem Unternehmen dementiert wurde. Moskau wies zudem darauf hin, dass die »Weißhelme« bei der Inszenierung eine Rolle spielten: Sie sollten Filme produzieren, die weltweit verbreitet werden. Der fingierte Angriff solle im dicht besiedelten Ort Kafr Sita, etwa sechs Kilometer südlich von Habit, stattfinden, so das russische Außenministerium.

Die Pressestelle der vom Westen unterstützten oppositionellen »Nationalen Koalition« mit Sitz in Istanbul verbreitete am Montag eine Stellungnahme des »Lokalrates« von Kafr Sita. Die russischen Warnungen seien falsch, tatsächlich plane das »Assad-Regime« einen Angriff mit Chemiewaffen, hieß es. Russland verbreite »Propaganda gegen die ›Weißhelme‹«. Deren Leiter, Raed Al-Saleh, erklärte, Russland betreibe eine »Schmierenkampagne« gegen seine Organisation. Die »Weißhelme« hätten selber in Duma, einem östlichen Vorort von Damaskus, Proben genommen, die einen Chemiewaffenangriff bestätigten. Saleh erklärte in einem am Freitag veröffentlichten Interview mit der Deutschen Welle, Moskau lüge. Zudem müssten russische Kampfjets »aufhören, Krankenhäuser, Schulen, die ›Weißhelme‹ und Marktplätze« zu bombardieren.

Bereits im Oktober 2017 hatte die offiziell nicht besetzte US-Botschaft in Syrien eine Reisewarnung veröffentlicht. Darin heißt es u. a., dass es »zu den Taktiken des »Islamischen Staates«, von Haiat Tahrir Al-Scham und anderen gehöre, Selbstmordattentäter einzusetzen, Menschen zu entführen, kleine und schwere Waffen einzusetzen, Sprengfallen und chemische Waffen einzusetzen.« (kl)


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