Aus: Ausgabe vom 29.08.2018, Seite 10 / Feuilleton

Eine Pause von Zuhause

Mehr wäre zuviel gewesen: Das »Once In A Blue Moon Festival« in Amsterdam zeigte sich widerständig

Von Frank Schwarzberg
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»Blues kann sie auch«: Courtney Marie Andrews auf dem Festival

»Wir lieben unser Land, tief und innig. Aber wir brauchen eine Pause. Es tut gut, mal weg zu sein«, meinte M. C. Taylor, Mastermind des US-amerikanischen Bandprojekts »Hiss Golden Messenger« am Sonnabend in Amsterdam, wo zum ersten Mal das »Once In A Blue Moon Festival« stattfand. Mit 5.000 Besuchern war es ausverkauft. Elf Stunden lang wurde auf drei Bühnen »Americana«-Musik der Extraklasse geboten, ohne dabei das Genre zu eng zu interpretieren. So gab es unter anderem gepflegte Songwriterkunst von Erin Rae, knorrigen Blues von Seasick Steve, einen exklusiven Europaauftritt der kraftvollen Rootsrocker Drive-By Truckers und mit David Crosby eine lebende Legende der Rockmusik.

Der Taylorsche Stoßseufzer wurde im Verlauf des Festivals dabei zu einer Art Leitmotiv, viele der fast durchgängig hochkarätigen Musiker verbanden ihre Auftritte mit klaren politischen Statements.

Altmeister Crosby benötigte dazu keine Zwischenmoderation, er ließ die Musik sprechen. Mit dem 1970 von Neil Young geschriebenen »Ohio« beendete er sein Set so laut und druckvoll, dass es noch weit über den Veranstaltungsort, die Parkanlage »Amsterdamse Bos«, hinaus zu hören gewesen sein dürfte. Das Stück war in den 70ern eine wütende, verzweifelte Reaktion auf die »Kent State Shootings«, als US-Soldaten das Feuer auf Studenten eröffneten, die gegen den Vietnamkrieg demonstrierten. Vier Menschen starben, neun weitere wurden schwer verletzt, und bis heute wurde niemand dafür zur Rechenschaft gezogen. Crosby soll damals nach den Studioaufnahmen in Tränen ausgebrochen sein. In Amsterdam wurde aus diesen Tränen ein Manifest unbeugsamer, widerständiger Energie.

Ein weiteres Highlight war der Auftritt von Courtney Marie Andrews und ihrer Band. Ihre Lieder feiern die Empathie – so lautet der Titel ihrer aktuellen Platte auch »May Your Kindness Remain«. Ihre Songs sind durchwoben von Mitgefühl für die Verlierer des »American Dream«. Sie vereint poetisches Talent mit einer eindringlichen Botschaft und musikalischer Klasse. Ihr Gesang atmet Country, Folk und Gospel. Die Band glänzt mit songdienlicher Virtuosität. Blues kann Andrews auch: Ihr atmosphärischer Song »Borders« steigerte sich mit Dillon Warneks Gitarrensolo bis zur Ekstase. Sie widmete dieses Lied, in dem es um das Schicksal mexikanischer Immigranten geht, der Bürgerrechtsorganisation ACLU. Ihren vorletzten Song sang sie zu Ehren der »Queen of Soul«, der am 16. August verstorbenen, großen Aretha Franklin. Anschließend schmiss dich die Band in eine Gänsehautversion von Franklins »Chain of Fools«, bei der Andrews das Kunststück fertigbrachte, die große Sängerin in ihrem eigenen Gesang weiterleben zu lassen, ohne sie zu imitieren – musikalisch und emotional der Höhepunkt des Festivals.

Überaus beeindruckend auch am Nachmittag »I’m With Her«, ein Trio, bestehend aus den drei eigenständigen Songwriterinnen Aoife O’Donovan, Sara Watkins und Sarah Jarosz. Die Musikerinnen überzeugten mit wunderbarem Harmoniegesang und akustischer Instrumentierung (Violine, Gitarre, Mandoline und Banjo).

Zuvor demonstrierte der eingangs erwähnte M.C. Taylor (Gesang und Akustikgitarre) alias Hiss Golden Messenger, dass er live dank seines begnadeten E- und Slidegitarristen Phil Cook keine volle Band benötigt. Der ersetzte mit seinen Licks und Soli, seinem Groove und seinem kontrollierten Krach jede Band … Mehr wäre zuviel gewesen. Taylors auf Platte mitunter intensiv introspektive Songs versetzten das Publikum in Amsterdam in beste Feierlaune.

Die Drive-By Truckers gaben den Rausschmeißer. Es gibt die Band um die beiden Songschreiber und Sänger Patterson Hood und Mike Cooley seit 1996 (Jason Isbell war lange ihr dritter Autor). Sie machen in Gitarren und Druck und verbinden das mit schonungslos ehrlichen Texten aus den Themenbereichen Trennung, Trauma, Trotz. 2016 veröffentlichten sie mit ihrem bis dato aktuellsten und politischsten Album »American Band« eine Abrechnung mit der Lüge vom amerikanischen Traum.

Ein durchweg gelungenes Festival, einzig der Gesang hätte etwas mehr nach vorne gemischt werden können, und ein paar Verschnaufpausen wären bei einem Elf-Stunden-Programm nicht schlecht gewesen.

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