Aus: Ausgabe vom 28.08.2018, Seite 10 / Feuilleton

Alltagstaugliche Modelle

»In der Favela kann man nicht mit Lenin argumentieren«: Ex-RAF-Mitglied Lutz Taufer auf Lesetour in Brasilien

Von Leon Willner, São Paulo
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»Kapitalismus muss weg« – Taufer in São Paolo

Aufgewachsen in der badischen Provinz, wurde Lutz Taufer Mitglied der RAF und saß nach der Geiselnahme von Stockholm 1975 etwa 20 Jahre im Gefängnis, einen großen Teil davon in Isolationshaft. Anschließend wurde er Entwicklungshelfer in Favelas in Brasilien. Dorthin kehrte er nun auf Einladung der Rosa-­Luxemburg-Stiftung zurück. In São Paulo, Paraty und Rio de Janeiro präsentierte Taufer seine Autobiographie »Über Grenzen: Vom Untergrund in die Favela«, deren Übersetzung ins Portugiesische in diesem Monat im Autonomia-Literária-Verlag erschien.

»1998 hab’ ich mir Geld geliehen, um nach Rio zu fliegen. Als ich dann zum ersten Mal am Strand von Ipanema stand, dachte ich mir, das ist der maximal mögliche Gegensatz zum Hochsicherheitstrakt, da würde ich gerne bleiben«, sagte Taufer bei der Buchvorstellung am 7. August in São Paulo. Er sprach von »beglückenden Erinnerungen« an »dieses unheimlich attraktive Land, in dem alles, was schön und wunderbar ist, zehnmal so schön und wunderbar ist wie in Deutschland und alles, was hässlich und gefährlich ist, zehnmal so hässlich und gefährlich ist wie in Deutschland«. Zunächst wollte er damals in Rio eine kleine Bäckerei aufmachen. »Rio ist bezaubernd, hat aber besseres Brot verdient«, meinte er augenzwinkernd. Er wurde dann Deutschlehrer, bis er von einem Freund erfuhr, dass Cristiano Camerman, Leiter der Nichtregierungsorganisation »Centro de Assessoria ao Movimento Popular« (Zentrum zur Beratung der Volksbewegung), einen Übersetzer suchte. Es war Taufers Einstieg in die Entwicklungshilfe. In den Favelas bildete er »Multiplikatoren« aus, hob Theaterprojekte aus der Taufe, richtete Werkstätten ein. »Es kann nicht mehr bloß darum gehen, das kapitalistische System zu zerschlagen«, sei ihm damals klargeworden. »Es müssen beispielhafte ökonomische, soziale und kulturelle alltagstaugliche Modelle entwickelt werden.«

Die Geiselnahme von Stockholm wird in der Autobiographie eher am Rande erwähnt, und auch in São Paolo sagte Taufer nur: Im Kampf für eine bessere Gesellschaft sei das Umbringen von Gefangenen, um andere Gefangene zu befreien, keine Option. Zweimal lebenslänglich erhielt er für die Beteiligung an dem Verbrechen. Jeder Tag in der Haft habe begonnen »wie das schlimme Erwachen nach einem Vollrausch«, erzählte er in São Paolo. »Ich musste Techniken entwickeln, um diese absolute Isolation zu überstehen.« Er rechnete viel im Kopf, repetierte Gedichte von Brecht. Vor allem begann er, »Briefe zu schreiben – lange Briefe. Das war meine Erlösung aus der Einsamkeit.«

Neben ihm auf dem Podium saß Flávio Tavares, Journalist und Schriftsteller. Als militanter Gegner der brasilianischen Militärdiktatur hatte er den Horror politischer Gefangenschaft in Brasilien und Uruguay kennengelernt, war gefoltert worden. In Isolationshaft sei man »vom Rest der Welt komplett abgeschottet. Man lebt allein, weit weg – wie auf dem Mars oder auf dem Mond – und weiß nie, ob man je zurückkehrt«, erklärte Tavares, der für die portugiesische Ausgabe von Taufers Buch das Vorwort schrieb.

Auch 50 Jahre nach 1968 bekannte sich Taufer auf seiner Lesetour zur Parole »Kapitalismus führt zum Faschismus, Kapitalismus muss weg«. Er will mithelfen, entsprechende Modelle zu entwickeln. »In der Favela kann man nicht mit Marx oder Lenin argumentieren. Nicht nur in Brasilien, auch schon in meiner Haftzeit habe ich viel darüber nachgedacht, wie Revolution heute funktionieren könnte. Ich glaube, das Grundproblem der Linken – nicht erst seit ’68, sondern seit 150 Jahren – ist, dass sie kein wirtschaftliches Modell anbieten konnte, das attraktiver ist als das kapitalistische System.« Um so eines zu entwickeln, müsse man neue Wege gehen, sagte er und warnte: »Jede Grenzüberschreitung muss eine bessere zukünftige Gesellschaft abbilden, reflektieren oder ihr zumindest nicht widersprechen. Darauf kommt es an, und daran hab’ ich gearbeitet in Brasilien.« Der 74jährige hat noch viel vor. Seit Ende 2016 setzt er sich im Vorstand des Vereins »Weltfriedensdienst« dafür ein, dass alle acht Milliarden Menschen in den Genuss des Rechts kommen, »friedlich in gerechten Verhältnissen zu leben«.

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