Aus: Ausgabe vom 27.08.2018, Seite 10 / Feuilleton

Der kommunistische Schrei

Der Theologe Dick Boer lotet das Verhältnis von Christentum und Marxismus aus

Von Michael Ramminger
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»Von gestern für heute«: Die kommunistische Utopie ist ohne Ort und doch gegenwärtig (Szene aus Sergej Eisensteins »Panzerkreuzer Potemkin«, 1925)

Briefe, Predigten und Vorträge des niederländischen kommunistischen Theologen Dick Boer aus den Jahren zwischen 1978 und 2014 sind in dem Band »Theopolitische Existenz« zusammengestellt. Wie soll man das rezensieren? Das geht natürlich nicht von den einzelnen Texten, das geht nur von ihren Anliegen her. Theopolitische Existenz meint, um es an den Beginn zu stellen: Eine theologische Existenz kann nur politisch sein, oder genauer in diesem Fall und überhaupt: Eine christliche Existenz kann nur eine für den Sozialismus sein.

Für Dick Boer, reformierter Pastor, Theologieprofessor und bis zu ihrer Auflösung Mitglied der Kommunistischen Partei der Niederlande (CPN), heißt das, die Bibel als eine Befreiungserzählung zu lesen, die auf Autonomie und Egalität hinauslaufen soll und deshalb ihr politisches Äquivalent im Kommunismus findet. In Boers Fall war das eine Existenz in der KP und als bekennender Sympathisant der DDR, ihrer antifaschistischen Staatsdoktrin und als dort lebender und arbeitender Gemeindepfarrer. »Mitglied der CPN zu werden ist, was mich betrifft, eine Implikation des Christseins: Es ist die Antwort auf die Parteilichkeit Gottes für das Sklavenvolk (Israel) und seines Sohnes Jesus für die Welt (…).« (»Die Kommunisten und die Kirche. Ein Versuch zum Weiter­denken«) Damit ist ein Thema angerissen. Es geht in vielen Beiträgen um die Frage des Verhältnisses – oder eines möglichen Verhältnisses – von Christen und Marxisten. Manchen wird vielleicht erstaunen, dass Bo er glühender Verfechter eines »religionslosen« Christentums ist, einer, der auf der definitiven Diesseitigkeit seiner Botschaft besteht, und zugleich die Linke auffordert, über Religion nicht nur als falsches Bewusstsein, als Aberglauben, sondern auch als Ort eines Protestpotentials nachzudenken, das einfach zur Welt gehört.

Es geht dem Autor aber auch darum, dass die Erzählungen von Befreiung, von Gleichheit sowie die prophetische Anklage der Ungerechtigkeit, die Utopie einer Gesellschaft der Gleichen einen Ort haben müssen: einen Ort derer, die sich um diese Ideen versammeln, einen Ort, an dem diese Ideen Wirklichkeit werden sollen. Im Fall von Bo er eben die Kommunistische Partei, die Arbeiterbewegung und die DDR. Das bleibt nur dann irritierend, wenn man den darin liegenden Realismus nicht ernst nimmt. Was ist eine Bewegung, ohne dass sie sich organisieren würde, was ist eine Gesellschaft, die sich nicht an einem Ort niederlassen, manifestieren, inkarnieren würde? Der historische Irrtum dieser Option (Irrtum nicht, weil es einfach falsch war, sondern eben auch, weil es anders gekommen ist. Bis jetzt sind die Klassenkämpfe immer anders entschieden worden.) wirft Fragen auf, die immer noch offen sind. Fakt aber ist, darauf besteht Boer, der Kommunismus ist u-topisch geworden, d. h. er hat zur Zeit keinen Ort. Das erklärt auch den zweiten Teil des Titels: »Von gestern für heute«. Boer hat alle seine Texte mit Kommentaren versehen, die nicht einfach als historische Einordnungen eines vergangenen Projekts verstanden werden sollen, sondern auch als kritische Korrekturen. Zum oben zitierten Satz schreibt er rückblickend: »(…) mir fällt auf, wie sehr ich den dialektischen Materialismus als Bekenntnis zum historischen Optimismus mit meinem theologisch begründeten historischen Optimismus zu überbieten versuchte (…) Noch rechnete ich nicht damit, dass der Sozialismus wieder utopisch werden konnte (…).«

Aber Dick Boer wäre nicht Christ und Kommunist, wenn damit sozusagen das letzte Wort gesprochen wäre. »Das einzige, was mir und uns übrigbleibt, ist, diese Niederlage zu denken (…). Und worüber wir uns den Kopf zu zerbrechen haben, ist vor allem, dass wir in einer neuen Epoche gelandet sind, einer postkommunistischen (…).« Die Niederlage ist immer schon da, aber solange es Menschen, Geschichte und Klassenkämpfe gibt, wird sie nie das letzte Wort sein. Das heißt, Geschichte zu denken. Oder poetisch: »Wir vermögen nichts (…) als zu schreien: Dies, was ist, kann nicht wahr sein. Um so zu schreien, braucht man kein Christ sein – und die meisten Christen schreien so auch nicht. Ich kann jedoch auch nicht unterdrücken, dass ein solcher Schrei seinen Sitz im Leben der biblischen Befreiungsgeschichte bildet: Das Volk Israel hat um Befreiung geschrien und gerade darin überraschenderweise seine Befreiung ›erfahren‹.« (»Grundlegungen einer theopolitischen Praxis: Theologie und Marxismus«). Es ist ein großartiges Buch über den Kommunismus, die DDR und ein linkes Christentum.

Dick Boer: Theopolitische Existenz – von gestern, für heute. Texte 1978–2014. Zusammengestellt und eingeführt von Thomas Klein. Argument-Verlag, Hamburg 2017, 384 Seiten, 27 Euro


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