Aus: Ausgabe vom 27.08.2018, Seite 8 / Ansichten

Bodybuilder des Tages: Petro Poroschenko

Von Reinhard Lauterbach
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Zu Nationalfeiertagen wird allerlei pathetischer Unsinn verzapft. Das ist normal. Wie soll man Leuten auch die Zugehörigkeit zu einer Zwangsgemeinschaft anders plausibel und erstrebenswert machen, als indem man ihnen das Blaue vom Himmel erzählt?

Blauer Himmel war letzten Freitag in Kiew zum 27. Unabhängigkeitsjubiläum der Ukraine. Eine Militärparade zog vor zahlreichem offiziellen und inoffiziellen Publikum den Chreschtschatik herunter, das Stadtzentrum lag in blauem Dunst von den Abgasen der 450 Panzer und sonstigen Militärfahrzeuge. Und auch Staatspräsident Petro Poroschenko atmete dieses stickoxid- und feinstaubhaltige Gemisch ein.

Auf seinem Twitter-Account ließ er anschließend schreiben, der Ukraine gehe es blendend. Sie habe in den letzten Jahren »kräftige Muskeln angesetzt«. Für Poroschenko persönlich gilt das zwar nicht unbedingt, aber geschenkt. Wenige Tage vor dem Jubiläum hatte die Wirtschaftsagentur Bloomberg beschrieben, wie diese »Muskeln« aussehen: Die Bargeld­reserven der Regierung seien auf dem niedrigsten Stand seit vier Jahren. Konkret: seit dem Euromaidan. Die Auszahlung der Renten stockt schon länger, jetzt könnten auch die Gehälter im öffentlichen Dienst dran sein. Man kann auch sagen: Poroschenkos System lebt von der Substanz. Und bald ist sie alle.

Es geht trotzdem voran. Der offizielle Gruß der ukrainischen Armee ist ab sofort: »Ruhm der Ukraine – den Helden Ruhm!« So hatten sich einst die örtlichen Faschisten von der OUN begrüßt. Und ab September gilt eine Rechtschreibreform. Sie soll die »russifizierte« Schreibweise des Ukrainischen abschaffen, die zu Sowjetzeiten im Zuge der Massenalphabetisierung eingeführt worden war. Gleichzeitig zeigte das Abitur dieses Jahres katastrophale Lücken der Mathematikkenntnisse der ukrainischen Absolventen. Das passt. Rechnen muss ein Nationalist nicht können. Heil-Schreien reicht.

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