Aus: Ausgabe vom 28.08.2018, Seite 6 / Ausland

Kein Unfall, sondern Mord

In Argentinien hat die konservative Regierung die Mittel für öffentliche Schulen gekürzt. Zwei Menschen starben jüngst durch eine Gasexplosion

Von Leon Willner, Buenos Aires
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Leere Bänke: In Argentinien bleiben viele Schulen wegen des schlechten Zustands geschlossen (Buenos Aires, 3.7.2018)

»Wo ist Sandra?« hallte es durch die Straßen. »Vor der Schule – sie ist vor der Schule«, schallte es zurück. Am 2. August explodierte um kurz nach 8 Uhr morgens in Moreno, einem Vorort im Großraum Buenos Aires, das Lehrerzimmer einer Grundschule. Die Vizedirektorin Sandra Calamano und der Hausmeister Rubén Rodríguez wurden getötet. Hernán Pustilnik, Lehrer der dritten Klasse, schildert die Szene wie einen Alptraum: Er deutet auf den Ort, an dem Calamano entdeckt wurde. Mit dem Gesicht auf dem Boden. Die Explosion hatte sie durch das Dach hindurch und über die Straße hinweg auf ein gegenüberliegendes Grundstück geschleudert – mehr als 100 Meter weit. Rodríguez fand man auf der anderen Seite im Pausenhof. Die meisten Schüler war da noch auf dem Weg zu Schule.

Drei Wochen ist es nun her. »Die Schulen in der ganzen Provinz, sind eine tickende Zeitbombe«, sagt Pustilnik. Nach der Explosion wurden im Großraum Buenos Aires mehr als 800 Schulen geschlossen, alle wegen Problemen mit der Gasversorgung.

In Moreno mit seinen rund 200.000 Einwohnern sind 278 von 280 Schulen betroffen. Der Austritt von Gas ist längst nicht das einzige Problem. Erst Mitte August musste eine Lehrerin in Villa Luzuriaga im Osten der Stadt wegen eines Schlags mit Starkstrom ins Krankenhaus gebracht werden. Probleme mit Elektroleitungen, der Abdichtung gegen Regenwasser und dem Abfluss sind mittlerweile Normalität. Mitten im Winter mangelt es an Glas, um zerbrochene Fenster zu reparieren. Die Probleme nehmen zu. Vor allem Schulen bekommen die drastische Kürzung von öffentlichen Geldern durch die konservative Regierung zu spüren.

»Seit ich denken kann, findet man in Argentinien alle paar hundert Meter eine Schule. Das Schulsystem, einst der ganze Stolz unseres Landes, geht vor die Hunde«, sagt Pustilnik. Die Schulen spielten in der Entwicklung des Landes seit der Unabhängigkeit eine entscheidende Rolle. Ein breitgefächertes Bildungssystem mit drei Grundsätzen – staatlich, säkular und umsonst – prägte Generationen. Ärmere Familien beziehen ihre Verpflegung während der Arbeitswoche fast ausschließlich über die Schulen. »Die Politik ist auf dem Irrweg«, sagt Hernán, »sie wissen nicht, dass die Schule heute die einzige staatliche Präsenz in den armen Vierteln ist.«

»Das Gas war seit Wochen zu riechen gewesen. Mein Sohn ist immer wieder mit starken Kopfschmerzen nach Hause gekommen«, erzählt Gabriela Cardozo, die zwei ihrer Kinder auf die Schule schickt. »Achtmal haben wir den Gasgeruch im Aufsichtsrat gemeldet. Aber es wurde nicht reagiert.«

Vor zehn Monaten intervenierte das Kultusministerium: Es entfernte die Lehrer aus dem Schulrat und besetzte das Gremium mit eigenen Leuten. Der Consejo Escolar, der für die Überwachung der Infrastruktur zuständig ist, war der Regierung zu eigenständig geworden. Mittlerweile ist auch der neue Präsident des Gremiums zurückgetreten. »Wir hatten bereits über 500 Unterschriften für die Wartung der Gasanlagen gesammelt«, sagt Daiana Alzamendi, Mutter von zwei Kindern, die auf die Schule gehen: »Das ist kein Unfall, das ist Mord.«

In Moreno findet der Unterricht seit drei Wochen außerhalb der Klassenzimmer statt. In einer Kirche, auf einem Sportplatz – wo immer gerade Platz ist, organisieren die Lehrer Aktivitäten für die Schüler. »Am 21. August hätten wir wieder zum normalen Schulbetrieb zurückkehren sollen, teilte uns der Staat mit. In eine halbzerstörte Schule mit mobilen Toilettenhäuschen im Pausenhof, bei vier Grad Celsius am Morgen ohne Heizung. Fast 160 Schüler hätten sie zum Unterricht in den Speisesaal gesteckt«, sagt Pustilnik. »In Absprache mit allen Eltern haben wir das abgelehnt.«

Alle öffentlichen Schulen haben sich der Entscheidung angeschlossen. »Wir sind die Spitze dieses Kampfes, weil bei uns zwei Kollegen gestorben sind. Ihr Tod soll nicht umsonst sein. Sandra hat mir immer gesagt: ›Siehst du, wie schlecht sie uns behandeln? Sie sollten hierher kommen und es mit eigenen Augen sehen‹«, erzählt Pustilnik. Am vergangenen Donnerstag besuchte Kulturminister Gabriel Sánchez Zinny den Ort der Tragödie, schoss ein Foto und verließ mit seiner verdunkelten Limousine wieder die Vorstadt. Seine Kinder schickt er auf eine Privatschule.


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