Aus: Ausgabe vom 25.08.2018, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Zukunft der Gesamtbewegung

Friedrich Engels äußerte sich 1894 zur »allgemeinen Taktik« von Sozialisten bei der Erkämpfung der bürgerlich-demokratischen Republik

Von Friedrich Engels
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»Und die bürgerliche Republik, hat Marx gesagt, ist die politische Form, worin der Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie allein seine Lösung finden kann.« – Karikatur des : »Huldigung der Freiheit. Zur Erinnerung an die Reichstagswahl 1893«

Seit 1848 ist die Taktik, die den Sozialisten am häufigsten Erfolge gebracht hat, die des »Kommunistischen Manifests«: Die Sozialisten vertreten »in den verschiedenen Entwicklungsstufen, welche der Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie durchläuft, stets das Interesse der Gesamtbewegung (…) Sie kämpfen für die Erreichung der unmittelbar vorliegenden Zwecke und Interessen der Arbeiterklasse, aber sie vertreten in der gegenwärtigen Bewegung zugleich die Zukunft der Bewegung.« Sie nehmen mithin aktiven Anteil an allen Entwicklungsphasen des Kampfes der beiden Klassen, ohne dabei jemals aus dem Auge zu verlieren, dass diese Phasen nur ebenso viele Etappen sind, die zu dem höchsten großen Ziele führen: der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat als Mittel zur gesellschaftlichen Umgestaltung. Ihr Platz ist in den Reihen der Kämpfer für jeden unmittelbaren Erfolg, der im Interesse der Arbeiterklasse zu erzielen ist; alle diese politischen oder sozialen Erfolge akzeptieren sie, aber nur als Abschlagszahlungen. Darum betrachten sie jede revolutionäre oder progressive Bewegung als einen Schritt vorwärts auf ihrem eigenen Wege, und ihre besondere Aufgabe ist es, die anderen revolutionären Parteien vorwärtszudrängen und, falls eine von diesen Parteien siegen sollte, die Interessen des Proletariats zu wahren. Diese Taktik, welche das große Ziel nie aus dem Auge verliert, bewahrt die Sozialisten vor den Enttäuschungen, denen die anderen, weniger klarblickenden Parteien – ob reine Republikaner oder Gefühlssozialisten – unweigerlich unterliegen, da sie eine bloße Etappe für das Endziel des Vormarsches halten.

Wenden wir all das auf Italien an.

Der Sieg des in Auflösung begriffenen Kleinbürgertums und der Bauern wird also möglicherweise zur Bildung eines Ministeriums von »bekehrten« Republikanern führen. Das wird uns das allgemeine Wahlrecht und eine erheblich größere Bewegungsfreiheit (…) verschaffen – neue, nicht zu verachtende Waffen.

Oder es kommt zur Gründung der bürgerlichen Republik, mit denselben Leuten (…). Das würde unsere Freiheit und unser Aktionsfeld noch weit mehr ausdehnen, zumindest für den Augenblick. Und die bürgerliche Republik, hat Marx gesagt, ist die politische Form, worin der Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie allein seine Lösung finden kann. Ganz zu schweigen von der Rückwirkung, die das in Europa hervorriefe.

Der Sieg der jetzigen revolutionären Bewegung kann uns also nur stärker machen und uns eine günstigere ambiente (Atmosphäre) schaffen. Wir würden somit den allergrößten Fehler begehen, wollten wir Abstention üben und unser Verhalten zu den »affini« (verwandten) Parteien auf eine rein negative Kritik beschränken. Es kann der Augenblick kommen, da wir positiv mit ihnen zusammenarbeiten müssen, und wer weiß, wann dieser Augenblick kommen wird?

Selbstredend ist es nicht unsere Sache, eine Bewegung direkt vorzubereiten, welche nicht präzise die Bewegung der von uns vertretnen Klasse ist. Wenn die Radikalen und Republikaner glauben, es sei der Zeitpunkt gekommen, auf die Straße zu gehen, so mögen sie ihrem Ungestüm freien Lauf lassen. Was uns anbetrifft, so sind wir zu oft von den großen Versprechungen dieser Herren getäuscht worden, als dass wir noch einmal in die Falle gingen. Weder ihre Proklamationen noch ihre Verschwörungen dürfen uns berühren. Wenn wir gehalten sind, jede wirkliche Volksbewegung zu unterstützen, so sind wir gleichfalls gehalten, den kaum formierten Kern unserer proletarischen Partei nicht zwecklos zu opfern und das Proletariat nicht in fruchtlosen lokalen Aufständen dezimieren zu lassen.

Wenn dagegen die Bewegung wirklich national ist, werden unsere Leute dabei sein, ohne dass sie dazu aufgerufen werden brauchen, und unsere Teilnahme an einer solchen Bewegung versteht sich von selbst. Dann aber muss man sich darüber im klaren sein, und wir müssen es offen verkünden, dass wir als unabhängige Partei teilnehmen, für den Augenblick mit den Radikalen und Republikanern verbündet, aber völlig von ihnen unterschieden; dass wir uns im Falle eines Sieges keine Illusionen über das Resultat des Kampfes machen; dass ein solches Resultat, weit entfernt, uns zu befriedigen, für uns nur eine gewonnene Etappe, eine neue Operationsbasis für weitere Eroberungen sein wird; dass sich noch am Tage des Sieges unsere Wege trennen; dass wir von diesem Tage an der neuen Regierung gegenüber die neue Opposition bilden werden, keine reaktionäre, sondern eine fortschrittliche Opposition, eine Opposition der äußersten Linken, die zu neuen Eroberungen vorstoßen wird, über das gewonnene Terrain hinaus.

Nach dem gemeinsamen Siege bietet man uns vielleicht einige Sitze in der neuen Regierung an – aber immer so, dass wir in der Minderheit sind. Das ist die größte Gefahr.

Engels: Die künftige italienische Revolution und die Sozialistische Partei. In: Critica Sociale, Nr. 3, 1. 2. 1894. Zitiert nach: Marx/Engels: Werke, Band 22. Dietz Verlag, Berlin 1974, Seiten 440–442

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