Aus: Ausgabe vom 23.08.2018, Seite 12 / Thema

Apokalypse in Graubünden

Vor 400 Jahren starb der katholische Priester Nicolò Rusca. Sein Tod erregt noch heute die Gemüter in der Schweiz

Von Arnd Beise
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Massenmord an den Protestanten der Untertanenlande – Darstellung des Veltliner Mords vom 18./19. Juli 1620, Holzschnitt eines anonymen Künstlers (Kantonsbibliothek von Chur)

Am 21. April 2013 war es soweit. Nach rund hundert Jahren kam mit einer Zeremonie auf der Piazza Garibaldi im lombardischen Sondrio der Seligsprechungsprozess für Nicolò Rusca an sein Ende. Normalerweise interessiert sich außerhalb der katholischen Kirche kaum jemand für Seligsprechungen, zumal sie seit dem Pontifikat von Johannes Paul II. inflationär zugenommen haben. In diesem Fall aber meldete das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), diese Seligsprechung sei eine »Provokation« für die Protestanten in Graubünden. Die katholische Kirche habe bewusst »in Kauf genommen, dass sich viele Protestanten beleidigt fühlen«, hieß es aus Kreisen der dortigen evangelisch-reformierten Landeskirche. Es sei zu befürchten, dass »das Feuer des Kulturkampfes zwischen den Konfessionen nach langen Jahren« wieder angefacht werden könnte.

Um zu verstehen, was an dieser Seligsprechung so provokativ war, muss man vierhundert Jahre zurückschauen. Der Grund dafür war nämlich Ruscas Tod (nach dem lokal damals gültigen Kalender) am 23. August 1618.

Der am 20. April 1563 im Tessin geborene Nicolò Rusca war 1590 vom Bischof in Como als Erzpriester, also ranghöchster Geistlicher nächst dem Bischof, nach Sondrio im Veltlin entsandt worden, um der Reformation in dieser Gegend entgegenzuarbeiten. Das Veltlin war Teil der lombardischen Untertanenlande, die unter der gemeinsamen Verwaltung der Drei Bünde standen. Drei Bünde war der Name eines aus 48 autonomen Gemeinden bzw. Tälern bestehenden Freistaats fast ohne übergemeindliche Strukturen, dessen Gebiet in etwa dem des heutigen Schweizer Kantons Graubünden entsprach. Sie hatten besagte Untertanenlande 1512 erobert, aber nicht, um sie als gleichberechtigte Talschaften in den eigenen Verbund einzugliedern, sondern um sie auszubeuten. Da die Gemeinden in den Drei Bünden im Verlauf des 16. Jahrhunderts zu zwei Dritteln protestantisch geworden waren, standen sich in besagten Untertanenlanden also tendenziell eine protestantisch-reformierte Obrigkeit und katholische Untertanen gegenüber.

Politische Kämpfe

Explosiv wurde dieser soziale und konfessionelle Gegensatz aber letztlich durch die Überlagerung mit politischen Kämpfen – ein Kennzeichen der allgemeinen Situation um 1600 in ganz Europa. Die Verquickung politischer und religiöser Interessen stürzte den Kontinent im 17. Jahrhundert in eine ganze Reihe von sogenannten Religionskriegen, von denen der »Teutsche« oder »Dreißigjährige Krieg« der bekannteste ist.

Innerhalb der Drei Bünde mit ihrer labilen konfessionellen Balance kam erschwerend dazu, dass hier außerdem verschiedene Adelsfamilien um Macht und Einfluss konkurrierten und auswärtige Großmächte mitmischten, weil die Bünde sämtliche Alpenpässe kontrollierten, die für den europaweiten Krieg zwischen den Habsburgern und ihren Gegnern von entscheidender Bedeutung waren. Denn die Verbindung zwischen dem damals spanischen Herzogtum Mailand und dem österreichischen Tirol lief durch das Gebiet der Drei Bünde; südlich davon sperrte die Repu­blik Venedig (Haupt der Anti-Habsburg-Koalition in Italien), nördlich die traditionell antihabsburgische Eidgenossenschaft (zu der die Drei Bünde damals noch nicht zählten) und westlich Frankreich die Verbindungswege zwischen den habsburgischen Staaten Österreich und Spanien bzw. in die umkämpften deutschen Territorien des Heiligen Römischen Reichs.

Schon vor dem Dreißigjährigen Krieg buhlten Habsburg (vertreten durch den spanischen Gouverneur von Mailand, später durch den Erzherzog von Tirol) und seine Gegner (Venedig, später Frankreich) um die Drei Bünde. Da dieser Freistaat im Grunde basisdemokratisch organisiert war, galt es – mit einer heutigen Vokabel gesprochen –, »Influencer« zu gewinnen. Das machte manches Adelsgeschlecht reich, denn es flossen üppige »Pensionen«, wie die geregelten Bestechungsgelder hießen. Aber nicht nur Adlige, deren Einfluss auf das gemeine Volk begrenzt war, profitierten. Die wahrhaft einflussreichen Ideologen waren die, die die »Wahrheit« von der Kanzel predigten.

Dass den meisten führenden Politikern der damaligen Zeit die Religion relativ egal bzw. ein Mittel zum Zweck war, kann man schon daran sehen, dass die katholischen Staaten Venedig und Frankreich in dem angeblichen Religionskrieg, der als Dreißigjähriger in die Geschichtsbücher einging, auf der Seite der protestantischen Reichsfürsten standen. Und dass Gustaf Adolf von Schweden aus altruistischen Gründen die Glaubensbrüder im Heiligen Römischen Reich unterstützte, darf füglich bezweifelt werden. Auch in den Bünden war die Religion für die Oberschicht zweitrangig. Die Führer der spanischen Partei waren die Herren von Planta, gebürtige Protestanten (allerdings später konvertiert); die Führer der venezianischen Partei waren die Herren von Salis, ebenfalls Protestanten.

Der 1603 geschlossene Vertrag zwischen den Drei Bünden und Venedig lief 1617 aus und musste verlängert werden – oder sollte man mit Spanien abschließen? Für die Bünde insgesamt war aus den geschilderten Ursachen fast jeder Vertrag von Vorteil. Die Großmächte bezahlten gut, die Frage war nur: wen? Jetzt schlug die Stunde der Ideologen.

Der Bergeller Giovanni Battista Prevosti als Sprecher der Passgemeinden argumentierte, es sei für alle besser, von dem regeren Handel zwischen Österreich und Mailand als von dem schwächeren zwischen Venedig und dem Norden zu profitieren; die Herren von Planta argumentierten, man solle es im eigenen Interesse mit der mächtigeren Partei halten. Die Herren von Salis argumentierten nicht, sondern nutzten die Gunst der Stunde und ließen die protestantischen Prediger an ihrer Statt agieren. Zufrieden meldete der Botschafter Venedigs an seine Regierung: »Von den protestantischen Pfarrern darf ich erleben, dass sie überall mit Begeisterung dem Volke predigen und lebhafter als je zugunsten der Serenissima (Venedigs; jW) lärmen.« Auf dem Bundestag im Mai 1617 entschied sich das Bündner Volk mit Mehrheit für den gut dotierten Vorschlag Venedigs.

Die Gegenpartei verstärkte nun ihre Bemühungen und knüpfte ein enges Netz zwischen den Passgemeinden, den ausgebeuteten Untertanen im Veltlin und dem spanischen Statthalter in Mailand. Das Bündnis mit Venedig wurde als Landesverrat interpretiert. Die Unterstützer des Bündnisses holten ihrerseits zum Gegenschlag aus. Auf beiden Seiten war man darauf aus, dem Feind den Garaus zu machen. Auf einer außerordentlichen Synode im April 1618 beschlossen die evangelischen Geistlichen, den Hispanismus in den Drei Bünden und die Widersacher der reformierten Schule in Sondrio zu »vernichten«.

Strafgericht gegen die »Spanier«

Die reformierte Schule in Sondrio war der zentrale Streitpunkt im Veltlin. Von hier aus sollte die Reformation in den Untertanenlanden ausgebreitet werden. Hauptsächlich bekämpft wurde sie von Nicolò Rusca, der die Schule für eine Pflanzstätte der Ketzerei hielt. An der Spitze der gegenreformatorischen Partei stehend, hatte er sich den Spitznamen »Martello degli eretici« (Ketzerhammer) erworben. Der martialische Übername zeigt, dass Ruscas Arbeit effektiv war. Die Reformatoren hatten in den Bündner Untertanenlanden kaum Erfolge vorzuweisen. Welcher Art Ruscas Hämmereien waren, lässt sich heute kaum rekonstruieren; vermutlich war er eher Ideologe als Täter im eigentlichen Wortsinn.

Seine Gegner waren von anderem Kaliber. Das gilt vor allem für die Adepten des calvinistischen Theologen Kaspar Alexius, der 1616 nach Sondrio in die bündnerischen Untertanenlande berufen worden war. Diese sehr jungen und radikalen Pfarrer und Prediger, Prädikanten genannt, fühlten sich zu Führern in einem apokalyptischen Finale berufen. »Die Entscheidung steht bevor, um Christus und die Kirche, ums Vaterland geht es«, soll der 22jährige Prädikant Georg (Jörg) Jenatsch ausgerufen haben.

In der Folge der Synode von 1618 wanderten die Prädikanten von Gemeinde zu Gemeinde und warben für ein sogenanntes Strafgericht gegen die »Spanier« in den Bünden. Dabei benutzten sie auch gefälschte Dokumente, welche die Korruption der Gegenseite belegen sollten. Im Endkampf war jedes Mittel recht.

An der Spitze bewaffneter Truppen (»Fähnlilupf«) von bis zu 1.200 Mann zogen die Prädikanten durchs Land. Die wichtigsten Führer der spanischen Partei in den Bünden, die Brüder Rudolf und Pompejus Planta, konnten sich durch Flucht einer Verhaftung entziehen. Nun ging man mit weniger Lärm machenden Stoßtrupps gegen die Feinde vor. In der Nacht vom 25. Juli 1618 wurde in Sondrio Nicolò Rusca gefangengenommen; kurz darauf in der Ortschaft Vicosoprano auch Giovanni Battista Prevosti. Mit diesen prominenten Gefangenen setzten sich die Aufständischen in Thusis zu einem Strafgericht nieder. Alle Gemeinden der Drei Bünde wurden eingeladen, Abordnungen zum Gericht zu entsenden.

Das Strafgericht bestand aus je zwei oder drei Männern aus jeder der autonomen Gerichtsgemeinden, die von zwei Kommissionen beraten wurden: einer weltlichen und einer geistlichen. Von Bedeutung war ausschließlich die geistliche Kommission, die aus neun Prädikanten bestand, darunter Kaspar Alexius, der die Drei Bünde in einen von der calvinistischen Kirche geführten Gottesstaat umwandeln wollte, ferner Blasius Alexander, der die Gefangennahme von Rusca geleitet hatte, und dessen Freund, der erwähnte Georg Jenatsch. Die neun Prädikanten, als »Ufseher verordnet«, führten die Verhöre, fälschten Zeugenaussagen, dominierten die Verhandlungen und drohten den Richtern. Das gesamte Anklagematerial war von ihnen zusammengetragen worden, und sie sorgten dafür, dass die Urteile in ihrem Sinn ausfielen. Hinterher formulierten sie eine apologetische Prozesschronik, die das Strafgericht als notwendigen Tyrannenmord legitimieren sollte. Besonders Jenatsch bewies sich bei diesen Vorgängen als Scharfmacher.

Die flüchtigen Brüder Planta wurden verbannt, ihre Güter eingezogen, ihre Schlösser zerstört; bei Rückkehr nach Bünden sollten sie ergriffen und gevierteilt werden. Prevosti wurde Verrat an bündnerischen Interessen vorgeworfen. Außerdem habe er gedroht, den Prädikanten »das Maul zu stopfen«. Geld aus dem Ausland bezogen zu haben konnte er nicht bestreiten: ergo Hinrichtung.

Nicolò Rusca wurde ebenfalls des Landesverrats (Behinderung einer Lehranstalt im Sinn der reformierten Herrschaft und Kollaboration mit ausländischen Mächten) bezichtigt sowie der Teilnahme an einem Komplott gegen einen reformierten Prediger knapp dreißig Jahre zuvor. Da in der Frühen Neuzeit niemand hingerichtet wurde, der seine Verfehlungen nicht bekannt hatte, Rusca aber alles bestritt, versuchten die Richter und Prädikanten, das Geständnis zu erzwingen. Am 23. August, einem Sonntag, wie die katholische Überlieferung nie zu erwähnen vergisst, wurde Rusca zwei- bis viermal »an Seilen hochgezogen«: eine ebenso einfache wie effektive Foltermethode, bei der die angeblichen Delinquenten an den hinter dem Rücken zusammengebundenen Händen an einem Kran ruckartig in die Höhe befördert wurden. Der körperlich geschwächte Rusca starb unter der Folter, ohne irgend etwas zugegeben zu haben (angeblich mit durchgebissener Zunge). Man verscharrte seine Leiche am 25. August unter dem Galgen von Thusis.

Märtyrer des Glaubens

Für ein politisches Strafgericht war ein nicht legitimierter Tod während eines laufenden Verfahrens in der Frühen Neuzeit ein Desaster. Ohne dass ein Schuldspruch ergangen war, hatte die Gegenseite ein Justizopfer vorzuweisen. Daneben spielten die mehr als 150 anderen Urteile, ob gerecht oder nicht, die das Strafgericht bis zum Jahreswechsel 1618/19 noch fällte, kaum mehr eine Rolle.

Die spanische Partei konnte einen Justizmord in eigentlichem Sinn ausschlachten. Das tat sie auch. Schon 1619 erschien in Como ein 599 achtzeilige Stanzen umfassendes Memorialepos aus der Feder von Cesare Grassi unter dem Titel »Sopra la vita, costumi, e morte del Sig. Arciprete Nicolò Rusca di felice memoria« im Druck. In kaum einem Heiligenkalender des 17. Jahrhunderts fehlt am 23. August älteren Stils bzw. am 2. September neueren Stils (in den Bünden galt der gregorianische Kalender im 17. Jahrhundert noch nicht) ein Eintrag zum Tod Ruscas durch die »tyrannische Marter in Graubündten«, wie es in Heinrich Murers »Helvetia sancta« (1648) heißt.

Im Laufe der Zeit verschärfte sich der Ton seitens der Katholiken. Friedrich Mibes formuliert zu Anfang des 18. Jahrhunderts: »Von den Ketzern bis zum Tod gefoltert«; im katholischen Kirchenlexikon von 1848 heißt es: »Zu Todt gefoltert von den Fanatikern.« Der Gipfel wurde jedoch mit dem Seligsprechungsverfahren erreicht. Es definierte Ruscas Tod als vorbildlich erlitten »in odio alla fede«, also wegen des Hasses gegen den Glauben, und machte Rusca damit zu einem rein religiösen Helden, seine Widersacher aber zu Heiden.

Das erregt die Protestanten noch heute. Ein evangelischer Kommentator der Seligsprechung Ruscas betonte 2013: »Nicolò Rusca stand aus politischen Gründen vor dem Strafgericht in Thusis. (…) Mit der Seligsprechung (…) stellt die katholische Kirche die Behauptung auf, dass es sich bei dem Tod Ruscas um ein Geschehen mit religiösem Charakter gehandelt habe (…). Die Seligsprechung Ruscas projiziert die Geschehnisse auf eine Dimension außerhalb der Geschichte. Sie hebt ein einzelnes Individuum einseitig hervor, aber lässt das allgemeine Umfeld im dunkeln. Das dürfte kaum einen positiven Beitrag dazu leisten, die Vergangenheit kritisch aufzuarbeiten und sie für die Gegenwart konstruktiv und ökumenisch zu öffnen.« Einen anderen störte, dass ein Priester »zum Vorbild im Glauben« ernannt wurde, dessen »Verdienste (…) darin bestanden, dass er den Protestantismus bekämpfte«.

Das heilige Gemetzel

Das tat Rusca nicht nur zu Lebzeiten, dafür stand sein Name auch nach seinem Ableben. Der Tod ihres geistlichen Oberhaupts erbitterte die Katholiken im Veltlin derart, dass sie sich leicht einspannen ließen in eine konzertierte Aktion der oppositionellen Führungsschicht in den Bündner Untertanenlanden, der Österreicher und der Spanier aus Mailand. In der Nacht vom 18. zum 19. Juli 1620 kam es zum sogenannten Veltliner Mord, auf italienisch »Sacro macello« (heiliges Gemetzel) genannt, neben der französischen Bartholomäusnacht 1572 der berüchtigtste Massenmord der Frühen Neuzeit. Bei dem Aufstand gegen die Bündner Herrschaft wurden alle Protestanten, derer man habhaft werden konnte, umgebracht. Die Prädikanten konnten entkommen.

Zum Teil kämpften sie weiter, offen oder im Untergrund. So ermordeten Blasius und Jenatsch am 25. Februar 1621 kurzerhand Pompejus Planta auf Schloss Riedberg, das Urteil des Thusner Strafgerichts von 1618, welches die weltliche Obrigkeit nicht durchgesetzt hatte, auf eigene Faust vollstreckend. Rudolf von Planta entzog sich dem Mordanschlag abermals durch Flucht.

Alexius gab nach zweijähriger Haft in Habsburger Kerkern das Prädikantendasein auf und lehrte, nach Genf zurückgekehrt, bis zu seinem Tod 1626 im Alter von nur 45 Jahren an der dortigen Universität Philosophie. Die Untertanenlande wurden von Spanien und Österreich besetzt; angrenzende Gebiete der Bünde, zum Beispiel das Bergell (Val Bergaglia), wo die Herren von Salis heimisch waren, wurden gebrandschatzt.

Das war der Auftakt zu den sogenannten Bündner Wirren, in deren Verlauf der Freistaat quasi zu einem Protektorat mal unter österreichisch-spanischer, mal unter französischer Hoheit degradiert wurde. Erst 1638 gelang es Georg Jenatsch, der unterdessen umgesattelt hatte und ein erfolgreicher, nun katholischer »Warlord« geworden war, mit den Spaniern ein Abkommen zu treffen, das die Vertreibung der Franzosen vorsah, die Eigenständigkeit der Drei Bünde wiederherstellte und die Untertanenlande restituierte. Fazit nach zwanzig Jahren blutigster »Wirren«: Es blieb alles beim Alten. Nur dass Jenatsch zu mächtig geworden war und die Machtbalance von Gemeindeherrschaft und Aristokratie störte; also ließ ihn die Bündner Führungsschicht am 24. Januar 1639 ermorden.

Conrad Ferdinand Meyer setzte in seinem Roman »Jürg Jenatsch. Eine Bündnergeschichte« (1876) dem militärischen Abenteurer ein literarisches Denkmal, in welchem Jenatsch als Befreier des Vaterlands und Begründer von Graubündens Unabhängigkeit figuriert. Voraussetzung dafür war, dass seine Prädikantenzeit so gut wie ganz ausgespart blieb. Das Strafgericht von Thusis wird nur in einem Gespräch kurz gestreift, in dem Jürg zugibt, dass Rusca wohl »unschuldig« gewesen sei, und sogar behauptet, er habe ihn »retten« wollen. Andere Frevel sühnt er in dem Roman mit Selbstaufopferung im Dienst des Vaterlands und Verzicht auf seine Lebensliebe.

Der Tod Ruscas, der den Bündner Parteienhader zu einem internationalen Konflikt werden ließ, irritiert die Reformierten in Graubünden wohl nicht nur wegen seiner einseitigen Interpretation durch den Vatikan als Glaubensmartyrium, sondern auch, weil das Gedenken daran die Erinnerung an den blutigen Fanatismus des protestantischen Prädikanten Georg Jenatsch wiederbelebt, die C. F. Meyer in seinem Roman, der bis vor kurzem noch Pflichtlektüre in den Bündner Schulen war, erfolgreich verdrängt hatte. Das seligmachende Martyrium des Rusca verträgt sich nicht mit dem – allerdings nur fiktiven – weltlichen Martyrium des literarischen Nationalhelden.

Dass man die Ereignisse auch anders, nicht heroisch verklärend, erzählen konnte, bewies übrigens rund dreißig Jahre nach Erscheinen von Meyers Roman die erst in jüngster Zeit wiederentdeckte Bündner Autorin Silvia Andrea. In ihrem historischen Roman »Violanta Prevosti« (1905; neu herausgegeben von Maya Widmer 1996 und 2014) schildert sie die Ereignisse vor allem der Jahre 1618–1621 aus einer randständigen und opfernahen Perspektive. Anders als bei Meyer, der Männer, die Geschichte machen, in den Vordergrund stellte, wird Geschichte bei Andrea eher »von unten« sowie geschlechterübergreifend dargestellt und der Anteil des Volks betont – eine lohnende Lektüre.

Verbrechen auf beiden Seiten

Zurück zur Seligsprechung Ruscas vor fünf Jahren: Schon im Vorfeld der Feier, als Papst Benedikt XVI. den Abschluss des Verfahrens verkündete, war dem – keinerlei ökumenischer Neigungen verdächtigen – katholischen Bischof von Chur Vitus Huonder klar, dass die Angelegenheit heikel ist. Daher bot er dem obersten Repräsentanten der evangelisch-reformierten Landeskirche in Graubünden eine gemeinsame Erklärung zu diesem Vorgang an. Der seinerzeitige Dekan Thomas Gottschall nahm das Angebot an.

In der Erklärung wurde festgehalten, dass Ru sca während des Thusner Strafgerichts zu Tode gefoltert worden und sein Tod »einer der wesentlichen Auslöser für den Veltliner Mord von 1620« war. Ruscas Seligsprechung bringe »diese schrecklichen Ereignisse wieder in Erinnerung. Aus katholischer wie aus reformierter Sicht ist heute unbestritten, dass sowohl der im Zuge eines Willkürgerichts erfolgte Tod Ruscas wie auch die Ermordung reformierter Christen Verbrechen waren. Im Zuge der ökumenischen Bewegung ist die Erkenntnis gereift, dass gegenseitiges Verstehen, die Suche nach Einheit und das gemeinsame Zeugnis der Botschaft Christi entsprechen. In diesem Geist gilt es weiterhin, die Wege der Versöhnung zu gehen.«

Dergestalt wollten die beiden Schweizer Kirchenmänner die Erinnerung an den 23. August 1618 alten Kalenderstils befrieden. Ob das mit der offiziellen Seligsprechungserklärung des Vatikans und den historischen Fakten zusammenpasst, sei dahingestellt.

Arnd Beise schrieb an dieser Stelle zuletzt am 20. Januar 2018 über den Mitbegründer der Kritischen Theorie Leo Löwenthal.

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