Aus: Ausgabe vom 21.08.2018, Seite 11 / Feuilleton

Von Inseln, Grenzen, Fallen

Bloß nicht festlegen lassen: Gianna Molinaris vieldeutiger Debütroman »Hier ist noch alles möglich«

Von Katharina Bendixen
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Die Möglichkeit einer Insel: Geheimnisvolle Tiere, menschliches Versagen und jede Menge Geschichten

Es beginnt mit einer Insel. Dort lebt ein unbekanntes Tier, das von einer Forschergruppe eingefangen wird, und während die Forscher noch darüber streiten, wer diesem Tier seinen Namen geben darf, ist es auch schon wieder entwischt. Die erste Seite von Gianna Molinaris Debütroman »Hier ist noch alles möglich« enthält schon vieles von dem, was sich durch das schmale Buch ziehen wird: geheimnisvolle Tiere, menschliches Versagen, jede Menge Inseln und kleine Geschichten, die in viele Richtungen deuten.

Zusammengehalten werden diese Elemente durch die namenlose Ich-Erzählerin des Romans, eine junge Frau, die auf der zweiten Seite ihren Dienst als Nachtwächterin in einer Verpackungsfabrik antritt. Seltsam unbeteiligt beobachtet sie ihr Umfeld: die wenigen Mitarbeiter und deren Stimmung im Angesicht der bevorstehenden Schließung, die Löcher im Zaun, den Wolf, der auf dem Gelände gesichtet wurde, und den Chef, der diesen Wolf unbedingt fangen will. Einige Beobachtungen hält sie fest, indem sie die Einträge ihres Universal-General-Lexikons erweitert, andere malt sie auf – kleine Zeichnungen, die im Buch abgedruckt sind –, wieder andere fotografiert sie und druckt sie auf einem alten Kopierer aus. Wahrscheinlich fasst sie auch die Dokumentarfilme über die Hintergrundeigenschwingung der Erde oder die Schneeleoparden zusammen und berichtet von den vielen verschiedenen Inseln – der Insel mit dem unbekannten Tier, der Insel der Skiapoden, der Insel mit nur einem Menschen und einem Schaf. Die Erzählerin selbst ist im Grunde eine Insel, ein außenstehendes Wesen, das von nichts als klarem Wasser umgeben zu sein scheint und das die Kontaktversuche des durchaus sympathischen Kollegen Clemens konsequent abwehrt. An einer Stelle heißt es: »Ich möchte ihm gerne sagen, dass ich mich dafür entschieden habe, nicht an einem Ort zu verharren, mich nicht festzulegen, mich nicht an einen Lebenslauf zu halten, nicht Teil von einer einzigen Geschichte zu sein, sondern, wenn überhaupt, dann von vielen Geschichten gleichzeitig.«

Ganz unbeteiligt kann die Erzählerin in ihrem neuen Umfeld jedoch nicht bleiben. Im Auftrag des Chefs muss sie gemeinsam mit Clemens eine Fallgrube für einen Wolf ausheben, dabei spürt sie immer deutlicher, dass sie das Tier schützen will. Ein tiefergehendes Interesse entwickelt sie auch für die Obsession eines anderen Kollegen, der Zeitungsberichte über einen Mann sammelt, den er vom Himmel fallen gesehen hat. Molinari bezieht sich damit auf ein wahres Ereignis: 2010 fiel in der Schweizer Gemeinde Weisslingen beim Landeanflug auf den Flughafen Zürich ein dunkelhäutiger Mann aus dem Fahrwerkschacht eines Flugzeugs. Höchstwahrscheinlich hatte er auf diese Weise aus Kamerun in die Schweiz einreisen wollen und war bereits während des Flugs erfroren. Für ihre literarische Verarbeitung dieses Fluchtversuchs erhielt Gianna Molinari den 3sat-Preis bei den letztjährigen Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt, nun ist er Teil ihres Debütromans geworden.

Der Wolf und der Geflüchtete, der Zaun und die Fallen, die Insel und die Grenzen, die Filme und die Bilder: Gian­na Molinari verwebt ihre Motive auf eine zwingende Weise, mit einer äußerst präzisen Sprache, in einer klugen Dramaturgie, wobei sie dem Wolf als literarisches Motiv eine neue Facette hinzufügt als ein unschuldiges Wesen, das zu Unrecht gejagt wird. Vielleicht ist die eine oder andere Episode ein wenig zu deutungsoffen, weisen die vielen Geschichten manchmal in zu viele Richtungen. Auf den letzten Seiten des Romans führt Molinari jedoch alle Motive zusammen: In der nahegelegenen Stadt wurde eine Bank überfallen, und Clemens entdeckt eine frappierende Ähnlichkeit zwischen dem Phantombild und der Erzählerin. Nun fühlt sich die Erzählerin als Gejagte. Sie selbst ist zu einem Bild geworden, wie die Kleidung des Geflüchteten, wie ihre eigenen Aufzeichnungen oder wie die Elefanten – auch eine dieser Geschichten im Roman. Elefanten, die von Bildhauern gemeißelt wurden, die in ihrem Leben kein einziges der Tiere zu Gesicht bekommen haben. Ihnen wurde von deren langen Nasen und den stämmigen Beinen nur erzählt. Die Bilder, die sie daraufhin schufen, ähneln den wirklichen Elefanten nur sehr entfernt. Eigentlich sind es unbekannte Tiere, genau wie das Tier auf der ersten Seite des Romans.

Gianna Molinari: Hier ist noch alles möglich. Aufbau-Verlag, Berlin 2018, 192 Seiten, 18 Euro

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