Aus: Ausgabe vom 21.08.2018, Seite 10 / Feuilleton

Sinnliche Abstraktionen

Von Helmut Höge
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Ein Fall für Zeichendeuter, Wahrsager oder Analytiker: Himmel über dem Takhin-Tal-Nationalpark in der Mongolei

Es soll hier um die Übersetzung von Marx’ »Kapital« ins Mongolische gehen, da könnten einige Vorbemerkungen zu dieser Sprache hilfreich sein. Das Mongolisch-Russisch-Französisch-Wörterbuch des polnischen Mongolisten J. E. Kowalewski aus dem Jahr 1844 unterscheidet vier Sprachschichten : 1. ein nomadisches »Grundgewebe von Wörtern« (die Schnittmenge mit den benachbarten Tungusen und den Turkvölkern); 2. indotibetische Begriffe, die mit dem Buddhismus ins Land gelangten; 3. chinesische Terminologien, die mit dem altchinesischen Verwaltungsapparat sowie aus Werken über Philosophie und Ethik übernommen wurden; 4. Vokabeln, die auf den neueren europäischen Einfluss zurückgehen. Letzterer wurde mit der Sowjetifizierung ab 1921 enorm forciert, um in den 80er und 90er Jahren von Sprachelementen der globalisierten Konsum- und Medienkultur überlagert zu werden – mit weiterhin steigender Tendenz.

Vieles im Mongolischen wurde direkt aus fremden Sprachen entlehnt, z. B. stammt das Wort für Gaststätte (»Guanz«) aus dem Chinesischen, ebenso das für Fenster ( »Tsonh«). Aus dem Russischen wurden neben Polit- und Wissenschaftsjargon u. a. die Worte für Kasse (»Kaas«) und Eintrittskarte (»Bilet«) entlehnt, wobei letzteres zuvor aus dem Französischen ins Russische gelangt war. Umgekehrt waren – mit den Feldzügen Dschingis Khans und seiner Nachfolger – auch etliche mongolische Begriffe ins Russische gelangt: Geldschein, Kurierpost, Etiketten usw.

Im ersten Kapitel »Ware und Geld« von Band 1 des »Kapitals« heißt es im Original auf Seite 78: »Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt.«

Aus dem Mongolischen rückübersetzt lautet der Satz: »Es ist nur die bestimmte gesellschaftliche Beziehung der Menschen, die sich ihnen in magischer Form so widerspiegelt, als würden die Dinge miteinander kommunizieren.«

Gesellschaftlich heißt »niigmiin«, die Gesellschaft ist »Niigem«, vom Infinitiv »niileh«: sich vereinen. Das gilt ebenso für zwei Menschen, die heiraten, wie für Lämmer, die gegen den Willen der Hirten zu den Muttertieren laufen, um zu trinken.

Bei Marx heißt es fünf Sätze weiter: »Dieser Fetischcharakter der Warenwelt entspringt, wie die vorhergehende Analyse bereits gezeigt hat, aus dem eigentümlichen Charakter der Arbeit, welche Waren produziert«. Rückübersetzt lautet der Satz: »Der Fetischcharakter der Warenwelt stammt aus der besonderen Form der gesellschaftlichen Arbeit, die Waren produziert, wie die vorherige Analyse schon gezeigt hat«.

Fetischcharakter wurde hier mit »Shütegdeh shinj« übersetzt, wobei »Shinj« Symptom, Erscheinung, Qualität und Eigenart bedeutet und »Shütegdeh« eine grammatikalische Form von »Shüteh« (Glaube) ist. Warenwelt heißt auf mongolisch »Tavaariin jertönz«, zusammengesetzt aus »Tavaar« (Ware) und »Jertönz« (Welt), wobei »Tavaar« ein Lehnswort aus dem Slawischen ist: von »Towar« – das Gut, im Russischen heißt z. B. der Güterwaggon »Towarnij wagon«, »Towarka« ist die Gütige und »Towarischtsch« der Genosse, im Polnischen nennt man das Warenhaus »Dom towarowy«. Das Wort Analyse wurde mit »Shinjilgee« übersetzt, was »Erforschung« heißt und die Tätigkeit eines »Shinjeech« – Zeichendeuters oder Wahrsagers – bezeichnet.

»Kapital«-Übersetzer Buren Birvaa, Jahrgang 1930, hatte in der DDR über »Die Ökonomie in der Landwirtschaft« promoviert und war danach am Institut für Gesellschaftswissenschaften der Mongolischen Revolutionären Volkspartei angestellt. Er begann die Übersetzungsarbeit 1973 und kam Ende der 80er Jahre zum Abschluss, wobei er das Ergebnis noch laufend mit der russischen Übersetzung abglich. Als er das Manuskript der Partei zum Druck vorlegte, hatte die andere Probleme: Die Menschen gingen auf die Straße, forderten demokratische Wahlen, die Sowjetunion löste sich langsam auf, 1990 trat das gesamte ZK zurück.

2003 verfasste Birvaa einen Aufsatz über die »Marx-Rezeption in der Mongolei«. In diesem heißt es an einer Stelle: »Das Drucken der Bände verzögerte sich wegen der sich verschärfenden finanziellen Probleme der Partei. Endlich fand man einen Weg: 1999 sponserte die US-Stiftung von George Soros die Herausgabe des 1. Bandes. Der 2. Band erschien im Jahr 2000 und der erste Teil des 3. Bandes 2001, beide auf Kosten des Übersetzers, also von mir bezahlt.«

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