Aus: Ausgabe vom 21.08.2018, Seite 12 / Thema

Keine angenehme Wahl

Die »Reformer« in der CSSR wollten den Sozialismus überwinden. Das militärische Eingreifen der UdSSR und ihrer Verbündeten am 21. August 1968 war der Versuch, einer Konterrevolution zuvorzukommen

Von Klaus Kukuk
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Soldaten der Sowjetarmee am 21. August 1968 vor dem Gebäude des tschechoslowakischen Rundfunks in Prag

Unermüdlich wird seit 1968 die These kolportiert, dass der in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre sich anbahnende internationale Entspannungsprozess durch die militärische Intervention der Staaten des Warschauer Vertrags am 21. August 1968 in der CSSR einen Rückschlag erlitten habe. Wenn man von der anfänglichen, zweifellos eingetretenen Schockwirkung auf die internationalen Beziehungen absieht, die das militärische Eingreifen ausgelöst haben mag, legt allein die Kontinuität der Verhandlungen zwischen Ost und West – angefangen vom sogenannten Bahr-Papier über die KSZE-Verhandlungen bis zur Unterzeichnung der Schlussakte von Helsinki 1975 – gegenteilige Schlussfolgerungen nahe. Die Klarstellung des damaligen internationalen Kräfteverhältnisses in der Ost-West-Auseinandersetzung hat offenbar dazu geführt, dass Illusionen innerhalb der NATO auch als solche erkannt wurden, und trug dazu bei, sich auf westlicher Seite friedlicher Kooperation nicht weiter zu verschließen.

Die gewöhnlich gut informierten Zeitungen Sunday Times und Washington Post wussten im August 1968 zu berichten: Von der CIA und dem BND gesteuerte Agenten sollen bei der Einrichtung subversiver Klubs und Vereine in der Tschechoslowakei ab dem Februar 1968 eine entscheidende Rolle gespielt haben. Monatelang seien speziell ausgebildete Geheimdienstleute beschäftigt gewesen, Schwachstellen zu ermitteln, die für Aktionen psychologischer Kriegführung geeignet gewesen wären. Es seien Pläne für kriegerische Auseinandersetzungen erarbeitet worden, Provokationen sollten den Vorwand für eine Intervention der NATO liefern. Eine aus ca. 40.000 Mitgliedern bestehende, mit automatischen Waffen ausgerüstete Organisation soll bestanden haben. Geheime Druckereien, Waffenlager und Funkausrüstungen seien in Prag, Plzen, Brno, Bratislava und Karlovy Vary einsatzbereit gewesen.1

Beeinflussung von außen

Auch bundesdeutsche Medien mischten zeitig mit: Am 8. September 1968 berichtete der Stern über Aktivitäten des Rundfunkbatallions 701 für ideologische Kampfführung der Bundeswehr. Auf Frequenzen von CSSR-Sendern seien von verschiedenen Einheiten des Batallions über ein Netz von Amateursendern Falschmeldungen abgesetzt worden, etwa über die angebliche Ermordung des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KPTsch) Alexander Dubcek oder die Beschießung eines Kinderkrankenhauses durch sowjetische Soldaten. Der Stern hat diese Meldung später dementiert. In einem 1977 erschienen Buch veröffentlichte der französische Journalist Patrice Chairoff eine Liste der in der BRD aktiven Sender. Dieses Netzwerk wurde Monate vor der innenpolitischen Eskalation in der CSSR installiert. Fritz Fechner, zweiter Befehlshaber der 12. Panzerdivision der Bundeswehr, reiste Anfang Mai 1968 mit gefälschten Papieren in das südöstliche Nachbarland, um die Einrichtung der Sender sicherzustellen.2

Bei vielen tschechoslowakischen Bürgern mag der »Prager Frühling« Hoffnungen geweckt haben. Für Menschen wie Ota Sik, Zdenek Mlynar, Eduard Goldstücker, Ludvic Vaculik, Jiri Pelikan und andere war der populäre Begriff lediglich eine Tarnung für ihre wahren Ziele. Inwieweit Dubcek dieser Gruppe zuzurechnen ist oder ihre Zielstellungen kannte, bleibt Spekulation.

Die von Ota Siks Team in der Akademie der Wissenschaften konzipierte Wirtschaftsreform ist am stärksten ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen. Der 1968 in die Schweiz emigrierte Sik erklärte Jahre später freimütig, dass das Ziel dieser Reform von Anfang an die Restauration des Kapitalismus in der Tschechoslowakei gewesen sei: »Wir, der Kern der ökonomischen Reformer, versuchten in Prag damals eben nicht, den Kommunismus zu reformieren. Unser eigentliches Ziel war, ihn abzuschaffen und ein neues System aufzubauen. Man hat zwar immer von der Reform hin zu einer sozialistischen Demokratie oder sozialistischen Marktwirtschaft sprechen müssen, weil man sonst überhaupt nicht an die Öffentlichkeit gelangt wäre. (…) Wir konnten nicht öffentlich von der Notwendigkeit großer privater Unternehmungen sprechen. Auch während des Prager Frühlings ließ die damalige politische Führung das nicht zu.«3

Wirklich taugliche Konzepte sind von den »Reformern« auch später nicht vorgelegt worden. Das einzige Konzept, das ein solches Urteil verdient, war das Projekt einer föderalen Umgestaltung der CSSR, das seit 1966 von einer Kommission unter Leitung des damaligen Stellvertreters des Vorsitzenden der Regierung, Gustav Husak, ausgearbeitet worden war. Dieses war aber explizit kein Projekt der Urheber der »Reformpolitik«.

Mannigfaltige Probleme

Innerhalb eines Jahrzehnts waren in der Wirtschafts- und Innenpolitik zahlreiche Konflikte und politische Streitpunkte aufgetreten, die auf eine Lösung drängten. Das gesellschaftliche Klima wurde in erheblichem Maße durch die schmerzhaften Folgen der schwerwiegenden Verletzungen der sozialistischen Rechtsprechung (1949–1962) belastet, die mit den Slansky-Prozessen des Jahres 1952 ihren tragischen Höhepunkt fanden. (Die Namen Goldstücker und Husak stehen als Opfer dieser Prozesse auch für unterschiedliche politische Entwicklungswege). Die Wirtschaft stagnierte, es gab Konflikte im Zusammenleben von Tschechen und Slowaken, die insgesamt die gesellschaftliche Entwicklung hemmten. Hinzu kamen Spannungen zwischen Schriftstellern und der Partei- und Staatsführung, Probleme in der Jugendpolitik, allgemeine Defizite in der staatsrechtlichen Ausgestaltung der Beziehungen zwischen Bürger, Staat und Partei und außerdem Kompetenzprobleme zwischen den gewählten Organen und der Exekutive, besonders auf den mittleren und unteren Ebenen.

Die Probleme wurden erkannt, analysiert und ihre Lösung in Angriff genommen: 1963 begann die Rehabilitierung der in den Slansky-Prozessen Verurteilten, 1964/65 erfolgte eine Analyse der Wirtschaftsprobleme, 1966 erging der Beschluss über »Grundsätze zur Vervollkommnung des Planungssystems der Volkswirtschaft«, zudem wurde ein Gesetz über die Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit und ein Gesetz über die örtlichen Volksvertretungen (Nationalausschüsse) verabschiedet sowie die erwähnte Kommission zur Vorbereitung einer föderativen staatsrechtlichen Umgestaltung gebildet.

Weniger Aufmerksamkeit wurde den Problemen der Kultur- und Jugendpolitik gewidmet. Die KPTsch vermochte die Signale, die von der von Eduard Goldstücker initiierten Kafka-Konferenz (27./28. Mai 1963) in Liblice ausgingen, nur ungenügend zu deuten. Das war der Nährboden für die Herausbildung oppositioneller Strömungen innerhalb der kunstschaffenden Intelligenz.

Im Auftrag des ZK der KPTsch waren in Vorbereitung des XIII. Parteitages der KPTsch (31. Mai–4. Juni 1966) Analysen eines Forscherteams von Soziologen, Philosophen, Ökonomen und Gesellschaftswissenschaftlern unter Leitung des Akademiemitglieds Radovan Richta erarbeitet worden. Diese Arbeiten, publiziert unter dem Titel »Zivilisation am Scheideweg«, bekannt geworden als »Richta-Report«, wurden als Dokumente den Delegierten des Parteitages zugänglich gemacht (Walter Ulbricht hatte sich 1966 eigens eine Übersetzung des Reports anfertigen lassen und daraus Anregungen erhalten). Radovan Richta hatte in der Einleitung klar formuliert: »Diese Studie hat theoretischen, konzeptionellen Charakter und bewegt sich auf der Ebene akademischer Forschung. Tiefe und Inhalt der wissenschaftlich-technischen Revolution und ihre gesellschaftlichen und menschlichen Zusammenhänge gestatten es beim derzeitigen Wissensstand nicht, detailliert einen fertigen, praktisch anwendbaren Komplex von Maßnahmen festzulegen, um so weniger irgendein Rezept zu verabreichen; jeder Schritt in der angedeuteten Richtung erfordert eine selbständige schöpferische Umsetzung durch die leitenden Organe.«

Führung ausgewechselt

Eine zweigeteilte ZK-Tagung im Dezember 1967 und im Januar 1968, später als »Januarplenum« bezeichnet, fand auf Initiative einer Mehrheit von ZK-Mitgliedern statt, die auf Absetzung Antonin Novotnys als Generalsekretär der KPTsch und auf weitreichende Reformen drängten. Sie fanden unerwartet Verbündete unter reformistischen Kräften, die einen Silberstreif am Horizont für ihre eigenen Vorhaben sahen. Die beim Januarplenum verabschiedete Resolution wurde später als Initialzündung für den »Prager Frühling« bezeichnet. Darin wurde über die Entbindung Novotnys und die Wahl Dubceks zu seinem Nachfolger informiert. Zudem enthielt sie eine Reihe von Absichtserklärungen bezüglich der Demokratisierung der Gesellschaft und der grundsätzlichen Orientierungen für die Arbeits- und Leitungsmethoden in den Partei- und Staatsorganen. Diese bedeuteten aber keineswegs das, was ihnen im Nachgang zugeschrieben wurde, und wurden der Öffentlichkeit nur referierend und kommentiert, also selektiv, bekanntgegeben.

Das bereits seit Februar 1968 ausformuliert vorliegende, aber erst im April vom ZK der KPTsch beschlossene »Aktionsprogramm« wich deutlich von der grundsätzlichen Orientierung vom Januar ab. Damit wurden Weichen gestellt. Es enthielt die von Sik, Mlynar und auch Richta hineinformulierten Denkansätze für prinzipielle Änderungen des Gesellschaftssystems. Die Stichworte für Reformen waren im Aktionsprogramm der KPTsch vom April 1968, besonders in den Teilen, die von Mlynar und Richta formuliert worden waren, sparsam dosiert und im Kontext sorgfältig verteilt enthalten. Ihre konzeptionelle Ausarbeitung hätte die eigentliche Zielstellung offengelegt. Die Wiederherstellung der Verhältnisse von 1945 bis 1948 wäre 1968 weder in der KPTsch noch in der tschechoslowakischen Gesellschaft mehrheitsfähig gewesen.

Vom ZK beschlossen, stellte das »Aktionsprogramm« die legale Basis für tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen dar. Insofern ist verständlich, dass sich nicht an der »Januarresolution«, sondern am »Aktionsprogramm« die Geister schieden.

Die Opposition

Die sich herausbildende Opposition sah ihre Stunde gekommen. Sie plazierte ihre Protagonisten in Printmedien wie Literarni listy, der Gewerkschaftszeitung Prace, dem nach Spiegel-Vorbild neu entstandenen Magazin Reporter sowie in Rundfunk und Fernsehen. Fast zeitgleich, aber durchaus nicht zufällig, wurden der »Klub der engagierten Parteilosen« sowie ein Zusammenschluss von aus politischen Gründen verurteilten Straftätern, der »Klub 231«, gegründet. Es begannen die Sondierungen der ehemaligen Sozialdemokratie mit Vertretern der KPTsch, auch entstand ein reaktionärer, militanter Studentenverband. Parallel formierten sich in den bestehenden Blockparteien, der Sozialistischen Partei und der christlichen Volkspartei, antikommunistische Kräfte. Auch in der KPTsch bildeten sich – besonders unter hauptamtlichen Funktionären des Apparates auf allen Ebenen – Gruppierungen, die voll der Linie des Aktionsprogramms folgten. Gleichzeitig gab es Umschichtungen der Leitungskader in staatlichen Institutionen, insbesondere im Innenministerium und der ihm unterstellten Staatssicherheit, der Armee, der Polizei und dem Außenministerium. Die Leitungen verfassten – zum Teil mit kuriosen Forderungen – eigene Aktionsprogramme zum Zeichen ihrer Loyalität mit der Dubcek-Parteiführung. Politischer Pluralismus war nicht mehr nur Programm, sondern geübte und geduldete Praxis. Bereits im Frühsommer wurden sogenannte Dogmatiker verfolgt und attackiert.

Begleitet wurden diese Entwicklungen von zahllosen Demonstrationen in Ballungszentren wie Prag und Brno, aber auch in Bratislava. In den ländlichen Gebieten herrschte zur Erntezeit relative Ruhe.

So vollzog sich im Laufe des ersten Halbjahres ein Differenzierungsprozess in Partei und Gesellschaft. Die rechtsopportunistischen Kräfte fanden zügig zueinander, und ein großer Teil von Journalisten testete in den Print- und Elektronikmedien, wie weit man inzwischen gehen konnte, ohne Konfrontationen mit der Staatsmacht zu riskieren. Sie prägten gegen Ende des ersten Halbjahres die öffentliche Meinung.

Es war ganz sicher kein Zufall, dass am 21. Juni 1968, einen Tag nachdem die Pressezensur abgeschafft worden war, in der Literarni listy, der Gewerkschaftszeitung Prace, der Zeitung des Jugendverbandes Mlada fronta sowie der Landwirtschaftszeitung Zemedelske noviny und natürlich im Rundfunk das von der Führung der Akademie der Wissenschaften initiierte und vom Schriftsteller Ludvik Vaculik verfasste »Manifest der 2.000 Worte« veröffentlicht wurde. Dieses Pamphlet rief selbst bei solchen »Reformern« wie Josef Smrkovsky gespieltes oder echtes Entsetzen hervor, und die Dubcek-Führung distanzierte sich – allerdings ohne Wirkung in der Öffentlichkeit. Sie zeigte auch jetzt noch keine Neigung, vom Machtmonopol des Staates Gebrauch zu machen und gegen die Manipulation der öffentlichen Meinung vorzugehen.

Gefahr eines Bürgerkrieges

In dieser Situation unternahm die KPdSU Anstrengungen, die KPTsch-Führung zu bilateralen Gesprächen zu veranlassen. Die Dubcek-Führung stimmte solchen unter der Bedingung zu, dass sie auf dem Territorium der CSSR stattfinden. So kam es zu der kuriosen Situation, dass auf dem Gelände des ostslowakischen Grenzbahnhofs Cierna nad Tisou vom 29. Juli bis zum 1. August 1968 tschechoslowakische und sowjetische Schlafwagen standen, die nach den Verhandlungen des Tages auf das eigene Territorium zurückgeführt wurden. Die wie vereinbart nicht protokollierten Absprachen und Zusagen wurden wiederum von tschechoslowakischer Seite nicht eingehalten, insbesondere was das Wirken der Massenmedien betraf.

Darauf folgte am 3. August 1968 das Treffen der Mitglieder des Warschauer Vertrages (Bulgarien, DDR, Ungarn, Polen, CSSR und UdSSR) in Bratislava, auf dem die »Deklaration von Bratislava« ausgearbeitet und unterzeichnet wurde. (Das ist das einzige mir bekannte völkerrechtliche Dokument, das von den Delegationsleitern im Laufe des Tages persönlich formuliert wurde. Die Dolmetscher und die Delegationsmitglieder waren auf Wunsch Leonid Breshnews aus dem Verhandlungsraum geschickt worden).

Am 12. August fand in Karlovy Vary das letzte bilaterale Treffen zwischen Delegationen der DDR und der CSSR statt. Es sollte eine Art politischer Lackmustest für die Bereitschaft der CSSR-Führung werden, die Deklaration von Bratislava nicht nur verbal anzuerkennen. Dubcek versuchte erfolglos, eine Pressekonferenz mit tschechoslowakischen und DDR-Journalisten, wie es Vertreter der DDR gefordert hatten, zu verhindern. Ein Indiz dafür, dass auch er bereit war, bis zum äußersten zu gehen.

Am 18. August 1968 stimmten auf einem Treffen in Moskau die Ersten Sekretäre der fünf Verbündeten dem militärischen Eingreifen zu. Der Beschluss des Politbüros des ZK der KPdSU vom 13. August 1968 soll nach langer Diskussion und nicht einstimmig gefasst worden sein. So soll sich Ministerpräsident Alexej Kossygin gegen die militärische Intervention ausgesprochen, den Beschluss später aber mitgetragen haben. Bedenken scheint es auch bei anderen Mitgliedern der sowjetischen Parteiführung gegeben zu haben. Während eines Arbeitsbesuchs des KGB-Vorsitzenden Juri Andropow auf Einladung von Erich Mielke im September 1968 in Berlin antwortete der Gast auf die Bemerkung des Ministers für Staatssicherheit, in der DDR werde er keine ideologischen Aufweichungserscheinungen zulassen, wie sie »Prag zugrunde gerichtet hätten«: »Das ist aber nur eine Seite der Geschichte. Wir hatten zwei Möglichkeiten: militärisch einzugreifen, auf die Gefahr hin, unseren Ruf zu schädigen, oder die CSSR aufzugeben und zwar mit allen Konsequenzen, die das für die sozialistischen Staaten Europas mit sich gebracht hätte. Es war keine angenehme Wahl. (…) Man muss in jedem Land sorgfältig abwägen, wie die innenpolitische Lage beschaffen ist. Die neue Regierung in der CSSR wird es nicht leicht haben. Im übrigen wären wir gut beraten, die Gründe für das, was in der CSSR geschehen ist, bei uns selbst zu suchen, in der inneren Entwicklung unserer Staaten, in der kommunistischen Bewegung. Ich glaube auch, dass es unabdingbar ist, über den Leninschen Weg zum Sozialismus und über den sozialdemokratischen Weg neu nachzudenken und zu diskutieren.«4

Inzwischen vorliegende Archivmaterialien belegen, dass die Anwendung des staatlichen Gewaltmonopols zur Unterbindung der konterrevolutionären Bestrebungen in der Gesellschaft im August 1968 für die tschechoslowakische Partei- und Staatsführung ausdrücklich keine Option war. Der sogenannte Reformprozess in der sozialistischen Tschechoslowakei war folglich eine von vornherein geplante Konterrevolution, an deren Ende der Zusammenbruch des europäischen sozialistischen Gesellschaftssystems stand.

Die sogenannte samtene Revolution vom November 1989 war die Fortsetzung der konterrevolutionären Komponenten des »Prager Frühlings« – darüber bestehen im Kern kaum Meinungsverschiedenheiten unter tschechischen Politologen und Politikern. Die 1968/69 hoch gelobten »sozialistischen Reformer« waren 1989/90 nicht mehr gefragt.

Der Nachweis, dass das restaurative Konzept »die Meinung eines bedeutenden Teils der Bevölkerung zum Ausdruck brachte und beeinflusste«, so der Prager Historiker Karel Hruby 2003, wird schwerlich zu erbringen sein. Selbst Präsident Vaclav Klaus räumte im Januar 2006 ein, dass 1989 die Mehrheit der Bevölkerung keine Wiederherstellung des Kapitalismus gewollt habe: »Der Zusammenbruch des Kommunismus rief eine Euphorie und nationale Einheit hervor, die jedoch ausschließlich negativ war. Die Alternative zum Kommunismus war damals für die Mehrheit der Menschen nicht der Kapitalismus. Man fuhr im Träumen und Suchen nach utopischen dritten Wegen in der Ökonomie, in der Innen- und Außenpolitik fort.«5

Michail Gorbatschows Studienfreund aus den 1950er Jahren, Zdenek Mlynar, war seit Mitte der 1960er Jahre der Spiritus rector des Konzepts von der Transformation des sozialistischen Gesellschaftssystems in eine parlamentarische Demokratie westlichen Typs. Unter »demokratischen« Vorwänden sollten vollendete Tatsachen geschaffen werden, um die Machtmechanismen des sozialistischen Staates lahmzulegen, ohne dabei den Einsatz des staatlichen Gewaltmonopols zu provozieren. Das war Konterrevolution auf leisen Sohlen und von populistischer Demagogie begleitet. »Es handelte sich im Grunde um den Versuch, die kommunistische Partei zwar nicht dem politischen Druck auszusetzen, der sie von der Macht vertreiben könnte, aber gleichzeitig bis zu dieser Grenze den Druck auch opponierender sozialer Kräfte zuzulassen. Es handelte sich also um keine pluralistische politische Demokratie westeuropäischen Typs, aber es war gleichzeitig nicht mehr das sowjetische politische System.«6

Mlynar hat während seiner Tätigkeit als Leiter der Rechtskommission im ZK der KPTsch nach eigenem Bekunden jahrelang Vorarbeiten geleistet, indem er die bürgerliche staatsrechtliche Terminologie über das Schulungssystem der Partei und die einschlägigen Hochschulen in die Schulungs- und Seminarpläne lancierte und damit in die politische Terminologie implementierte.

Gorbatschow und Mlynar haben 1996 – als man endlich die Katze aus dem Sack lassen konnte – ein Buch mit dem Titel »Reformer pflegen nicht glücklich zu sein« verfasst, dem sie den Untertitel »Dialog über Perestroika, Prager Frühling und den Sozialismus« gaben.7 Es enthält eine Reihe aufschlussreicher Aussagen, die in dieser Klarheit nirgendwo zu finden sind. »In acht bis zehn Jahren sollte politischer Wettbewerb verschiedener politischer Parteien in einer grundsätzlichen Veränderung des Systems enden. Ziel, Mittel und Instrument demokratischer Reformen sollte politischer Pluralismus werden. In der ersten Etappe bedeutete das, alle möglichen Formen weltanschaulichen Meinungsstreits zuzulassen, verschiedenen sozialen Gruppen zu ermöglichen, sich zu äußern und am politischen Entscheidungsprozess teilzunehmen (…) die Freiheit der Meinung und der Versammlung usw. zu garantieren. Und erst danach, nachdem diese Formen des Pluralismus die angehäuften Widersprüche abgeschwächt hätten, die Gesellschaft sich daran gewöhnt hätte, in der politischen Praxis demokratisch zu handeln, d. h. für die Zeit von ungefähr zwei Legislaturperioden wurde es für möglich gehalten, freie Wahlen unter den herrschenden und oppositionellen politischen Parteien durchzuführen. Bis zu diesem Zeitpunkt würden sich innerhalb der KPTsch verschiedene ideologische Strömungen, Plattformen oder Fraktionen herausbilden; die Grundsätze des sogegannten Demokratischen Zentralismus würden außer Kraft gesetzt. Die Partei würde sich zu einem Organismus sozialdemokratischen Typs entwickeln, wäre aber eingebunden in den Rahmen des anerkannten Reformprogramms, wie vorhandene, eventuell neu entstandene nichtkommunistische Parteien politisch und organisatorisch in den Rahmen der Nationalen Front und ihres Reformprogramms eingebunden sein müssten. Das sollte im wesentlichen die Erneuerung des Modells des politischen Systems in der Tschechoslowakei aus den Jahren 1945 bis 1948 werden.«8

Ein totales Missverständnis

50 Jahre nach 1968 konnte man im Deutschlandfunk hören: »Das Jahr 1968 wurde in West und Ost vollkommen unterschiedlich wahrgenommen. (…) Aus der sich seit Januar 1968 vollziehenden gesellschaftlichen Entwicklung gelangte Rudi Dutschke bereits im April 1968 zu einer nachgerade prophetisch anmutenden, aber weitgehend realistischen Analyse. In seiner Rede am 9. April 1968 im Audimax der Karls-Universität führt er aus: ›Was hier in der Tschechoslowakei geschieht, ist meiner Ansicht nach der erste notwendige Schritt, und es ist überreif gewesen, dass es geschieht. Auf der anderen Seite möchte ich meinen, dass damit auch Gefahren gegeben sind, Gefahren, dass es eine Palastrevolution ist, eine Palastrevolution, die von oben initiiert ist, die von unten nur in manchen Sphären der Gesellschaft Widerhall findet, und so die Spezialisten der Macht innerhalb des Zentralkomitees den Revolutionsprozess allein lenken ohne eine schöpferische Wechselwirkung mit einer bewusst gewordenen Massentätigkeit in allen Sphären der Gesellschaft von unten. Die Frage ist also, ob es gelingt, den Demokratisierungsprozess als Bewusstwerdungsprozess in den verschiedensten Institutionen der Gesellschaft so zu gestalten, dass es nicht zu einer Übernahme bürgerlicher demokratischer Modelle kommt, bestimmter Oppositionsmodelle, Mehrparteiensystem, vielleicht eine christliche und eine andere Partei, sondern dass es dazu kommt, eine Demokratisierung durchzuführen‹.

Ein tschechischer Zeitzeuge erinnert sich: ›Ich war Augenzeuge eines totalen Missverständnisses zwischen den Hörern im überfüllten Audimax der Karls-Universität und Dutschke. (…) Und Dutschke hat wiederum festgestellt, dass diese Leute, die über eine Revolution sprachen, überhaupt keine Revolution wollen, dass es hier um einen Prozess der Restauration geht. Dass sie nicht etwas schaffen wollen, sondern dass sie das zurückhaben wollen, was hier schon mal war: die Verhältnisse der Ersten Republik.‹«9

Damit muss man Rudi Dutschke bescheinigen, dass er einer der wenigen Zeitzeugen im Westen war, der zu einem frühen Zeitpunkt klar erkannt hatte, worum es in der Tschechoslowakei im Jahre 1968 ging. Es ging schlicht um Regime-Change, wie man es heute nennen würde.

Bis hierher und nicht weiter war folglich das unmissverständliche Signal, das der sowjetische Botschafter in den USA, Anatoli Fjodorowitsch Dobrynin, am 20. August 1968 im Auftrage seiner Regierung und namens des Warschauer Vertrages an den Präsidenten der USA, Lyndon B. Johnson, übermittelt hatte. Auf dem Spiel stand nicht mehr und nicht weniger als der Bestand oder der Niedergang der sozialistischen Gesellschaftsordnung in der Tschechoslowakei.

Anmerkungen:

1 Sunday Times, 25.8.1968 u. Washington Post, 26.8.1968. Die Quellen sind der Materialsammlung von Klaus von Raussendorff mit dessen freundlicher Genehmigung entnommen.

2 Patrice Chairoff: Dossier Néo-Nacisme, Paris 1977

3 Interview mit Ota Sik »Wer will denn heute den Mischmasch aus Plan und Markt?«, Die Welt, 5.11.1990

4 Markus Wolf: Spionagechef im geheimen Krieg. Erinnerungen, List-Verlag, 1997, S. 230

5 Centrum für Europäische Politik-Newsletter, Januar 2006

6 Zdenek Mlynar: Krisen und Krisenbewältigung im Sowjetblock, Österreichisches Institut für Internationale Politik, Köln 1983, S. 59

7 Zdenek Mlynar/Michail Gorbatschow: Reformatori nebyvaji stastni, Praha 1996, S. 94. Es existiert eine englischsprachige Übersetzung: Conversations with Gorbachew on Perestoika, The Prague Spring an the crossroads of Socialism, New York 2004

8 Ebd., S. 111

9 Ingeborg Breuer: Dutsche und die Reformkommunisten, DLF, 4.1.2018, http://t1p.de/k3kc

Alle Übersetzungen aus dem Tschechischen von Klaus Kukuk.

Klaus Kukuk war langjähriger Mitarbeiter des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten der DDR und unmittelbarer Zeitzeuge während seiner achtjährigen Tätigkeit als Diplomat in der Botschaft der DDR in Prag.

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