Aus: Ausgabe vom 20.08.2018, Seite 12 / Thema

Krieg ohne Sieger

Vor 30 Jahren endete die bewaffnete Konfrontation zwischen Irak und Iran. Die Auseinandersetzung forderte bis zu einer Million Tote

Von Knut Mellenthin
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Feind im Visier. Ein iranischer Kämpfer mit einer Fliegerfaust zum Abschuss von Hubschraubern nördlich der Stadt Mundali am 5. Oktober 1982

Am 20. August 1988 trat zwischen Irak und Iran ein von der UNO vermittelter und überwachter Waffenstillstand in Kraft. Vorausgegangen war ein Krieg, der praktisch ohne Unterbrechungen sieben Jahre, zehn Monate, vier Wochen und einen Tag gedauert hatte. Es war bei weitem der längste und schlimmste Krieg, der jemals zwischen zwei Staaten der sogenannten dritten Welt geführt wurde.

Wie viele Menschen bei dieser militärischen Konfrontation getötet oder – oft mit schweren Folgen für ihr ganzes weiteres Leben – verletzt wurden, wird wohl nie auch nur annähernd genau zu ermitteln sein. Beide Seiten spielten aus propagandistischen Erwägungen die eigenen Verluste herunter und übertrieben die der feindlichen Seite. Dass der Iran aufgrund seiner waffentechnischen Unterlegenheit erheblich mehr Menschen verlor als der Irak, scheint gesichert. Allein die Gesamtzahl der Toten beider Seiten wird auf zwischen 500.000 und einer Million geschätzt. Überwiegend handelte es sich dabei um Soldaten und andere Kombattanten. Hinzu kamen insgesamt mindestens 100.000 getötete Zivilisten, die in der Mehrzahl Opfer von beiderseitigen rücksichtslosen, aber mit relativ schwachen Kräften durchgeführten Luftangriffen auf Städte des Gegners geworden waren.

Noch kurz vor dem Ende des Krieges hatte ein US-amerikanisches Kriegsschiff am 3. Juli 1988 ein iranisches Passagierflugzeug abgeschossen, das sich auf seiner planmäßigen, angemeldeten Route befand. Beim Absturz starben alle 290 Passagiere und Crewmitglieder. Die offizielle Ausrede der Navy, die Besatzung des Kreuzers »Vincennes« habe den 54 Meter langen Airbus mit einem nur 19 Meter langen, viel schmaleren Düsenjäger des Typs »F-14 Tomcat« verwechselt, von dem die USA zur Zeit der Schah-Herrschaft eine erhebliche Zahl an Teheran verkauft hatten, mutete nachgerade lächerlich an. Im Iran stärkte dieses »Versehen« aber die Argumente derjenigen, die einen direkten Kriegseintritt der USA an der Seite Iraks befürchteten.

Teheran lenkt ein

Zwei Wochen nach dem Abschuss des Airbus, am 17. Juli 1988, teilten Vertreter des Iran dem Generalsekretär der Vereinten Nationen, Javier Pérez de Cuéllar, die förmliche Annahme der Sicherheitsratsresolution 598 mit, die fast auf den Tag genau ein Jahr zuvor, am 20. Juli 1987, einstimmig verabschiedet worden war. Irak hatte die Entschließung damals sofort »grundsätzlich« begrüßt und seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der UNO bei deren Umsetzung bekundet. Iran hatte die Forderungen des Sicherheitsrats zwar nicht rundum abgelehnt, aber »wesentliche Mängel und Unstimmigkeiten« beanstandet.

Am 20. Juli 1988 wurde im iranischen Rundfunk ein Kommuniqué des »oberstem Revolutionsführers« Ruhollah Musawi Khomeini zur Beendigung des Kriegs verlesen, die er bis dahin entschieden und scheinbar bedingungslos abgelehnt hatte. Die Forderung der UNO nach einem Waffenstillstand anzunehmen, sei für ihn »schlimmer als das Trinken eines Giftbechers«, sagte der damals 87jährige, aber er folge damit den Empfehlungen der politischen Führer des Landes. Die Gründe dafür könne er nicht mitteilen, er bitte aber alle Iraner, seine Entscheidung zu akzeptieren. Die Annahme der UN-Resolution bedeute jedoch nicht, dass alle Probleme des Krieges bereits gelöst seien, setzte der Ajatollah hinzu, ohne diese Aussage zu vertiefen.

Die Resolution 598 sah als ersten Schritt einen sofortigen Waffenstillstand und die Einstellung aller Kampfhandlungen vor. »Ohne Verzögerung« sollte darauf der Rückzug beider Seiten auf die international anerkannte Grenze folgen, wie sie vor der irakischen Kriegseröffnung am 22. September 1980 bestanden hatten. Im Anschluss daran sollten alle Kriegsgefangenen freigelassen werden. An der bisherigen Front sollte eine Beobachtermission der Vereinten Nationen stationiert werden.

Die Umsetzung dieses Plans stieß jedoch auf einige Hindernisse. Zunächst versuchten die iranischen »Volksmudschaheddin«, die sich auf seiten Iraks am Krieg beteiligt hatten, die instabile Lage nach der Annahme der Resolution 598 durch Teheran für Bodengewinne auszunutzen. So begannen sie am 26. Juli 1988 mit Unterstützung irakischer Streitkräfte eine Offensive im zentralen Frontabschnitt, mussten diese aber fünf Tage später unter schweren eigenen Verlusten einstellen, was sie als »freiwilligen Rückzug« deklarierten. Iran verlor nach eigenen Angaben während dieser letzten Kämpfe des Krieges 400 Soldaten, während 4.500 Angehörige der »Volksmudschaheddin« getötet worden seien.

Gegen die Kurden

Nach dem Inkrafttreten des Waffenstillstands unternahmen die irakischen Streitkräfte noch einen kurzen, aber vernichtenden Feldzug gegen den bewaffneten kurdischen Widerstand, der während des Krieges vom Iran unterstützt worden war. Erneut setzten die Truppen Giftgas ein, ohne dass sich die »internationale Gemeinschaft« zu einer eindeutigen Verurteilung aufraffen konnte. Als diese letzte Phase des Krieges am 3. September 1988 zu Ende ging, waren angeblich 400 irakische Soldaten und 50.000 kurdische Kämpfer oder Zivilisten getötet worden.

Unter Missachtung der Resolution 598 zogen sich die Iraker nach dem Krieg nicht vollständig auf die international anerkannte Vorkriegsgrenze zurück, sondern hielten weiter 7.800 Quadratkilometer iranisches Territorium besetzt. Das werde so bleiben, kündigte Iraks Präsident und Regierungschef Saddam Hussein an, bis Iran den Anspruch des Irak auf den Schatt Al-Arab anerkennen würde. Auch der Austausch der Kriegsgefangenen, der etwa 40.000 iranische und 60.000 irakische Soldaten betraf, kam nicht in Gang.

Die Situation änderte sich erst 1990, nachdem Saddam Hussein seinen Streitkräften am 2. August die Besetzung des benachbarten Fürstentums Kuwait befohlen hatte und die US-Regierung unter George H. W. Bush mit Sanktionen und Kriegsdrohungen reagiert hatte. Am 15. August 1990 bot Saddam Hussein den Iranern den vollständigen Rückzug seiner Truppen aus ihrem Land und die Anerkennung der Vorkriegsgrenzen an. Auf dieser Grundlage kam es zügig zur Normalisierung der diplomatischen Beziehungen und zum Abschluss eines Friedensabkommens. Die meisten Kriegsgefangenen konnten 1990 endlich in ihre Heimat zurückkehren. Manche mussten darauf allerdings noch bis 2003 warten.

Grenzstreitigkeiten

Mit seiner Entscheidung im September 1980, den Iran anzugreifen, hatte Saddam Hussein hauptsächlich das Ziel verfolgt, die Kontrolle über den gesamten Verlauf des im Irak Schatt Al-Arab, im Iran Arvand Rud genannten Grenzflusses zu gewinnen, der die Hafenstadt Basra mit dem Persischen Golf verbindet. Ebenfalls an diesem Wasserlauf liegen auf iranischer Seite die Hafenstadt Chorramschar und die Erdölraffinerien von Abadan. Solange das Gebiet des späteren Irak zum Osmanischen Reich gehörte, also bis 1918, hatten dessen Herrscher eine Festlegung der Grenze in diesem Gebiet abgelehnt. Im Vertrag von Saadabad einigten sich Iran und Irak 1937 erstmals über die Festlegung der gemeinsamen Grenze. Diese verlief nun rechtlich, wie praktisch auch schon vorher, auf der Ostseite des Flusses, so dass der Schatt Al-Arab insgesamt unter irakischer Verwaltung stand, aber von beiden Staaten genutzt werden konnte.

Im April 1969 kündigte Schah Reza ­Pahlavi das Abkommen von Saadabad und erzwang neue Verhandlungen, bei denen Algerien eine vermittelnde Rolle übernahm. Als Ergebnis dieser Gespräche unterzeichneten die Vertreter der beiden Staaten schließlich am 6. März 1975 das Abkommen von Algier. Demzufolge verlief die Grenze von da an in der Flussmitte. Teil der umfangreichen Vereinbarungen war außerdem die Zusage Irans, seine frühere Unterstützung für die bewaffneten kurdischen Organisationen auf irakischem Gebiet dauerhaft zu unterlassen. Generell sicherten sich die beiden Nachbarstaaten gegenseitig Nichteinmischung in innere Angelegenheiten zu.

Am 17. September 1980 kündigte Saddam das Algier-Abkommen auf. Fünf Tage später traten die irakischen Truppen in großer Stärke an mehreren Abschnitten im Norden, im Zentrum und im Süden der Grenze, insgesamt an einer 640 Kilometer langen Front, zum Angriff an. Bedeutende Erfolge erreichten sie zunächst vor allem im Süden, wo das Gelände flach war und keine Berge überwunden werden mussten. Chorramschar befand sich Ende Oktober 1980 weitgehend in irakischer Hand, und Saddam Husseins Truppen setzten ihren Vormarsch auf das wegen seiner Raffinerien strategisch wichtige Abadan fort, das sie aber nicht vollständig einschließen konnten. Die Rückeroberung Chorramschars gelang den Iranern erst im Mai 1982. Zu diesem Zeitpunkt war im Grunde schon offensichtlich, dass keiner der beiden kriegführenden Staaten realistische Aussichten auf einen militärischen Sieg hatte.

Damit war die Hoffnung der irakischen Führung gescheitert, die Schwäche Irans, dessen militärisches Potential sich aufgrund der sogenannten Islamischen Revolution in einem zerrütteten, unorganisierten Zustand befand, ausnutzen zu können, um in kurzer Zeit mit verhältnismäßig geringen eigenen Verlusten entscheidende Erfolge zu erringen.

Waffen für beide Seiten

Im Verlauf des Jahres 1978 war im Iran eine Massenbewegung gegen das damalige Schah-Regime entstanden. Die blutigen Einsätze des Militärs gegen die Demonstrationen vermochten den wachsenden Widerstand nicht zu brechen, sondern heizten ihn nur weiter an. Im November und Dezember 1978 waren landesweit bis zu 17 Millionen Menschen auf den Straßen, um den Sturz des Schahs zu fordern. Dass dieser am 29. Dezember den Oppositionspolitiker Schapur Bachtiar zum Regierungschef ernannte, brachte keine Entspannung der Lage. Am 16. Januar 1979 verließen der Monarch und seine Familie das Land. Am 1. Februar 1979 kehrte der religiöse Führer Ajatollah Khomeini aus dem Exil nach Teheran zurück, wo er von fünf Millionen jubelnden Menschen begrüßt wurde. In den unmittelbar darauffolgenden Wochen brachen die regulären Streitkräfte, auf die sich Bachtiar gestützt hatte, weitgehend zusammen. Ein Referendum Ende März 1979 brachte eine Phantasiemehrheit von 98 Prozent für die Umwandlung Irans in eine Islamische Republik.

Die Besetzung der US-amerikanischen Botschaft am 4. November 1979 machte den vollständigen Bruch zwischen Teheran und Washington, der zunächst trotz der Entmachtung des Schahs noch nicht zwangsläufig schien, unvermeidlich. Zehn Tage später beschlagnahmte die US-Administration die Guthaben der iranischen Regierung und der Zentralbank des Iran in den Vereinigten Staaten. Am 7. April 1980 brachen die USA die diplomatischen Beziehungen ab und verhängten ein Wirtschaftsembargo gegen Iran. Am 25. April 1980 musste eine Militäroperation zur Befreiung der in der US-Botschaft festgehaltenen 52 Geiseln aufgrund eines Sandsturms abgebrochen werden.

Die Botschaftsbesetzung wurde erst am 20. Januar 1981, 20 Minuten vor der Vereidigung Ronald Reagans als neuen US-Präsidenten, beendet. Grundlage dafür war eine am Vortag von der algerischen Regierung vermittelte Einigung zwischen Washington und Teheran. Welche Gegenleistungen die USA erbrachten, ist nicht im Einzelnen bekannt. Angeblich gehörte dazu die Freigabe von acht Milliarden Dollar auf iranischen Konten, die im Vorjahr »eingefroren« worden waren. Sehr viel wichtiger für den Verlauf des Abwehrkrieges gegen den Irak war jedoch ein anderer Vorgang, der vermutlich ebenfalls mit dem Botschaftsdeal in Zusammenhang stand: Israel lieferte dem Iran in den ersten Kriegsjahren US-amerikanische Waffen und Ersatzteile aus eigenen Beständen. Die US-Regierung, die ein Waffenembargo gegen Iran verhängt hatte, stimmte diesem Geschäft wahrscheinlich insgeheim zu und füllte das israelische Waffenarsenal durch neue Lieferungen wieder auf. Insgesamt soll Israel dem Iran in den Jahren 1980 bis 1983 nach Angaben des Jaffee Institute for Strategic Studies an der Universität von Tel Aviv Waffen im Wert von 500 Millionen Dollar verkauft haben, was zu einem großen Teil durch Öllieferungen ausgeglichen wurde.

Aus israelischer Sicht gab es für dieses Geschäft hauptsächlich zwei Gründe: Erstens galt Irak als der militärisch sehr viel gefährlichere der beiden Staaten. Zweitens schien ein Interesse daran zu bestehen, ein Gleichgewicht zwischen den Kriegführenden herzustellen und aufrechtzuerhalten, um deren militärischen Konflikt in die Länge zu ziehen. Dieses verhältnismäßig wenig bekannte Geschäft sollte nicht mit der sogenannten Contra-Affäre verwechselt werden, in deren Verlauf Israel zwischen August 1985 und Oktober 1986 erneut US-amerikanische Waffen – hauptsächlich »TOW«-Raketen zur Panzerbekämpfung und »Hawk«-Raketen für die Luftabwehr – an den Iran verkaufte.

Ein bedeutender Teil des irakischen Waffenarsenals, insbesondere dessen modernste Bestandteile, stammte zu dieser Zeit aus Frankreich und wurde während des gesamten Krieges fortwährend ersetzt. Darunter waren Düsenjäger, die mit äußerst effektiven Raketen zur Schiffsbekämpfung vom Typ »Exocet« ausgestattet waren, wie sie auch von der argentinischen Luftwaffe im Falkland- bzw. Malvinas-Krieg (1982) eingesetzt wurden.

Hinzu kamen seit 1982 US-amerikanische Waffen, die zuerst mit Duldung oder im Auftrag Washingtons von Saudi-Arabien und anderen Ölmonarchien, später aber auch direkt von den USA geliefert wurden. Auch die Sowjetunion, der traditionelle Waffenlieferant des Irak seit dem Sturz der Monarchie im Juli 1958, sorgte dafür, dass dessen Kriegsmaschine in Gang gehalten wurde. Im UN-Sicherheitsrat führte die Interessengemeinschaft zwischen Washington und Moskau dazu, dass der Irak weder wegen der Führung eines Angriffskrieges noch wegen seiner zahlreichen massiven Giftgaseinsätze jemals verurteilt wurde. Die Bezahlung der umfangreichen und teuren Waffenlieferungen übernahmen größtenteils die konservativen Ölmonarchien, aber nur auf Darlehensbasis. Allein die irakischen Kriegsschulden bei Saudi-Arabien sollen zwischen 15 und 18 Milliarden Dollar gelegen haben.

Überzogene Forderungen

1982 hatte Iran unter sehr hohen eigenen Verlusten an Getöteten und Verletzten die militärische Lage weitgehend stabilisiert und ging an einigen Frontabschnitten zu Gegenoffensiven über. Das veranlasste die Regierung in Bagdad, am 10. Juni 1982 eine Beendigung des Krieges anzubieten. Als propagandistischer Vorwand diente die Ankündigung, Irak wolle den Libanon unterstützen, in den vier Tage zuvor israelische Streitkräfte einmarschiert waren. Teil des irakischen Friedensvorschlags war das Angebot, sich innerhalb von maximal zwei Wochen auf die international anerkannte Vorkriegsgrenze zurückzuziehen. Iran lehnte jedoch ab und verlangte zusätzlich die Ablösung von Saddam Hussein sowie die Zahlung von 150 Milliarden Dollar Entschädigung durch die Ölmonarchien.

Berichten zufolge war die iranische Führung hinsichtlich ihres damaligen Vorgehens gespalten. Es soll Khomeini gewesen sein, der sich gegen realistischere Einschätzungen durchsetzte. Zu den Realisten sollen damals viele Mitglieder der militärischen Führung, Präsident Ali Khamenei – nach Khomeinis Tod im Juni 1989 dessen Nachfolger als »Revolutionsführer« – und Parlamentssprecher Ali Akbar Haschemi Rafsandschani gehört haben. Die falsche Einschätzung der Situation brachte dem Iran sechs weitere Kriegsjahre, aber nicht den geringsten Vorteil ein.

In Wirklichkeit waren Irans militärische Vorteile auch 1982 nicht so erheblich, dass sie Teheran den Sieg hätten bringen können. Für die US-Regierung galt aber seit diesem Zeitpunkt erklärtermaßen die Devise, dass eine Niederlage Iraks mit allen Mitteln verhindert werden müsse. Im Zuge einer demonstrativen diplomatischen Annäherung zwischen beiden Staaten strich das US-Außenministerium den Irak im Februar 1982 von der Liste der »Terrorunterstützer«. Seit Juli 1982 versorgte die Reagan-Administration die irakische Führung mit kriegswichtigen Satellitenfotos der CIA. Im Dezember 1983 und März 1984 flog der spätere Verteidigungsminister Donald Rumsfeld als Sonderbeauftragter Reagans zu Gesprächen mit Saddam Hussein nach Bagdad. Im November 1984 nahmen die beiden Staaten ihre diplomatischen Beziehungen auch offiziell wieder auf.

Agonie und Ende

Später griffen die USA sogar direkt zugunsten Iraks in den Krieg ein. Der herausragende Vorgang war dabei die »Operation Praying Mantis« (Gottesanbeterin) am 18. April 1988. Die US-Marine griff in ihrem Verlauf zwei iranische Bohrinseln im Persischen Golf an, zerstörte deren Luftabwehr und ließ dann eine der Plattformen durch ein abgesetztes Kommando sprengen, während die zweite bereits durch die Luftangriffe hinreichend beschädigt erschien. Außerdem zerstörten Kampfflugzeuge der Navy mehrere iranische Schnellboote, die zur Abwehr der Aggression eingesetzt worden waren, versenkten eine Fregatte der iranischen Kriegsmarine und beschädigten eine zweite schwer.

Die US-Regierung rechtfertigte diese Operation, die in den iranischen Territorialgewässern stattfand, damit, dass zuvor ein amerikanisches Kriegsschiff durch eine von den Iranern im Persischen Golf verlegte Mine beschädigt worden war. Die mit Lenkraketen bestückte Fregatte war Teil des Marineeinsatzes »Earnest Will« (Ernsthafter Wille), der unter Leitung des Central Commands der US-Streitkräfte am 24. Juli 1987 begonnen worden war und bis zum 26. September 1988, also einige Wochen über das Kriegsende hinaus, aufrechterhalten wurde. Als offizieller Zweck dieser Mission galt der Schutz kuwaitischer Öltanker während ihrer Fahrt durch den Persischen Golf.

Hintergrund war der zunächst vom Irak eröffnete »Tankerkrieg« gegen Schiffe, die iranisches Öl transportierten. Zahlen der U. S. Navy zufolge war dieser Teil des Krieges in den Jahren 1981 bis 1983 eine völlig einseitige Angelegenheit: Die Iraker griffen in dieser Zeit 43 Öltanker an, die Iraner nicht einen einzigen. Erst seit 1984 attackierten auch die Iraner Schiffe, die Öl aus dem Irak oder dem mit ihm verbündeten Kuwait an Bord hatten. Mit Ausnahme des Jahres 1987 war die Zahl der irakischen Angriffe aber stets höher als die der iranischen. Insgesamt verzeichnet die Statistik der US-Marine während der Kriegsjahre 283 irakische und 168 iranische Angriffe im Persischen Golf.

Ob die Reagan-Administration und die US-Streitkräfte wirklich in Erwägung gezogen hatten, sich in großem Umfang am Krieg des Irak gegen Iran zu beteiligen, ist ungewiss und eher zweifelhaft. Sicher ist aber, dass vor allem die »Operation Praying Mantis« denjenigen in der iranischen Führung, die den Krieg beenden wollten, als wichtiges, vielleicht sogar als entscheidendes Argument diente. Zu diesem Zeitpunkt war Iran nach fast acht Kriegsjahren wirtschaftlich erschöpft, der größere Teil der iranischen Bevölkerung war ausgesprochen kriegsmüde, und die Zahl der Demonstrationen gegen die Fortsetzung der offensichtlich aussichtslosen militärischen Konfrontation nahm 1988 stetig zu.

Knut Mellenthin schrieb auf diesen Seiten zuletzt am 14. Mai unter dem Titel »Mit Unterstützung Moskaus« über die israelische Staatsgründung vor 70 Jahren.

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