Aus: Ausgabe vom 20.08.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Ortskundige Besatzung

Heute endet das »Hilfsprogramm« für Griechenland. Der Zweite Weltkrieg war dabei kein Thema

Von Elisabeth Heinze, Thessaloniki
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Athen, 5. Juni 2015: Einwohner von Distomo demonstrieren vor dem griechischen Parlament für Entschädigungen. Am 10. Juni 1944 hatte die Wehrmacht in dem Dorf ein Massaker verübt

Nach dreieinhalb Jahren voller Schrecken und Gewalt hinterließen die Nazibesatzer ein blutgetränktes Trümmerfeld. Zwischen April 1941 und Oktober 1944 führten sie ihren Vernichtungskrieg in Griechenland. »Das größte Trauma der neueren griechischen Geschichte«, so die Historikerin Anna Droumpouki Anfang August im Gespräch mit jW. Fast 800 Kleinstädte wurden dem Erdboden gleichgemacht. Im Widerstand verloren 30.000 bis 50.000 Menschen ihr Leben. Auch Zivilisten, die bei gezielten »Vergeltungsaktionen« in den Märtyrerdörfern ermordet oder hingerichtet wurden, sind unter den Opfern. Die Infrastruktur war teils vollständig zerstört worden. An die Massaker erinnern heutige Bewohner von Hunderten betroffenen Dörfern jährlich in Gedenkfeiern.

Mitten in der Besatzungszone lag Thessaloniki. Die jüdische Gemeinde zählte zu der größten sephardischen der Welt, bis 96 Prozent von ihr systematisch vernichtet wurden. Der erste Zug mit 2.600 Menschen ging am 15. März 1943 nach Auschwitz. Zügigen Tempos organisierten die SS-Hauptsturmführer Dieter Wisliceny und Alois Brunner mit Wehrmachtsbefehlshaber Max Merten bis zum August den Massenmord an 50.000 jüdischen Griechen. Zeitweise war auch der spätere UN-Generalsekretär und österreichische Bundespräsident Kurt Waldheim in Thessaloniki stationiert.

Täterschuld ist stets schwer nachweisbar. Aber es gab auch vermeintlich »unsichtbare Hilfe«, auf welche die deutschen Besatzer zurückgreifen konnten. So wie die anderen Okkupationsmächte Italien und Bulgarien waren sie ortskundig. Bereits mit der Eröffnung der Deutschen Schule in Thessaloniki (1886–1888) war eine Verquickung von wirtschaftlichem und kulturellem Einfluss sichtbar geworden. Die Schulgründung ging auf deutschsprachige Mitarbeiter der Orientalischen Eisenbahn, die seit 1870 Strecken im europäischen Teil des Osmanischen Reiches baute, zurück. Das deutsche Konsulat wurde 1887 errichtet. Ab 1907 wurden Deutschkurse am Athener Polytechnikum angeboten. Die Gründung der Akademie zur Wissenschaftlichen Erforschung und Pflege des Deutschtums, kurz Deutsche Akademie (DA), 1925 in München bildete eine entscheidende Grundlage für die Balkanpolitik des Auswärtigen Amtes. Mit der Machtübergabe an die Faschisten 1933 wurde die Region zu einem vorrangigen Ziel. Man verband deutlicher als zuvor die wirtschaftliche mit der kulturellen Durchdringung des Landes. Die Lehre der deutschen Sprache richtete sich nicht mehr nur an Auslandsdeutsche und Repräsentanten. Ging es vorher um Spracherhalt, um eigene Minderheiten vor fremdem, als schädlich verstandenem Einfluss zu schützen, stand nun die Verbreitung der deutschen Sprache im Mittelpunkt. Als die griechische Regierung zu Beginn der 1930er Jahre verbot, ausländische Schulen zu besuchen, steuerte die DA-Zentrale durch den Ausbau von Sprachkursen gegen. 1933 existierte in Thessaloniki eine von 17 Außenstellen der DA. 1934 waren von insgesamt 20 Lehrern sechs, zwischen 1938 und 1945 von insgesamt 57 Lehrerinnen zwölf in Griechenland stationiert.

»Wir sind nicht mehr die mehr oder weniger ungern geduldeten Ausländer, sondern die Herren des Landes«, so kommentierte der Germanist Otto Kielmeyer, der am 9. April 1941 die Lektoratsleitung in Thessaloniki übernahm, den Einmarsch der Wehrmacht. Dokumentiert ist, dass sich Konsul Fritz Schönberg, der seit Juni 1939 in Saloniki eingesetzt war, entschiedener für die Deportation der griechischen Juden engagierte als sein Athener Kollege Günther Altenburg. Die Besatzer forderten Unterwerfung. Mit ihrer Vorherrschaft setzten sie auch kulturpolitische Ziele durch. So verdoppelte sich die Zahl der Sprachinteressenten von 1941 bis 1942 und sank nach Besatzungsende wieder.

Während des Abzugs der Wehrmacht wurden die verbliebenen Reste, wie Brücken, systematisch zerstört, so Droumpouki gegenüber jW. Griechenland lag nicht nur brach. Nicht nur seine natürlichen Ressourcen waren ausgebeutet worden, es hatte aufgrund von Hungersnot und Infektionskrankheiten eine weitere große Sterbewelle zu ertragen. Schon 1952, ein Jahr nach der Neugründung des Goethe-Instituts (GI) in München, eröffnete der einstige DA-Lektor Werner Günther das GI in Athen als das erste Nachkriegsinstitut, gefolgt vom GI in Thessaloniki 1955. Obwohl die BRD auf Neuanfang setzte, wies der Betrieb in Griechenland personelle Kontinuitäten auf und stand nicht lange still. Das Auswärtige Amt in Bonn beabsichtigte zudem laut dem Historiker Hagen Fleischer schon früh die »Liquidierung der Kriegserinnerung« in den ehemals besetzten Ländern. In Griechenland war diese Strategie erfolgreich. »Unter den Vorzeichen des Kalten Krieges trafen sich Bonn und Athen im gleichen ideologischen Schützengraben. Die Griechen gaben dem diplomatischen und ökonomischen Druck des großen Partners nach«, erklärte die Geschichtswissenschaftlerin Droumpouki im jW-Gespräch. Selbst die rechtliche Verfolgung deutscher Kriegsverbrecher vertrauten sie »dem Partner« an, was »de facto einer Amnestierung gleichkam«.

Hintergrund: Schuld und Schulden

»Die deutsche Besatzung in Griechenland ist eine Wunde, die beide Länder nicht behandelt haben«, sagte Babis Karpouchtsis am 21. Juni im Gespräch mit jW. Er ist Politikberater, der mit den Märtyrerdörfern und dem entstehenden Deutsch-Griechischen Jugendwerk (DGJW) kooperiert. »Offene Wunden kann man nicht sich selbst überlassen, denn sie sind nicht überwunden.« Ähnlich wie in Frankreich und Polen soll das Jugendwerk zur Versöhnung beitragen. Die Gründung ist für 2019 anberaumt, doch die griechische Seite sorgt für Verzögerungen. Die skeptische Haltung seitens der Athener Regierung resultiert aus der Befürchtung, »dass durch diesen Versöhnungsprozess der Gedanke an Entschädigungen in ein, zwei Jahrzehnten erlöschen könnte«, so Karpouchtsis. »Wie der Deutsch-Griechische Zukunftsfonds, der eigentlich deutsch ist, weil er nur über deutsche Gelder verfügt, wird das Jugendwerk als trojanisches Pferd verstanden.«

Seit der Pleite Griechenlands stehe das Land vermeintlich in der Schuld der BRD. In diesem Zusammenhang wurde das politische Personal Deutschlands in den griechischen Medien mit Nazivergleichen überzogen. Ausgerechnet während der Schuldenkrise wurden die Rufe nach Reparationszahlungen für Griechenland in der deutschen Öffentlichkeit vernommen. Und dass, obwohl »diese Naziverbrechen bisher kaum ins Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit gedrungen waren«, so die Historikerin Anna Droumpouki gegenüber jW Anfang August. Dabei versuchte die griechische Seite, sich in der Reparationsfrage sowohl vor als auch nach 1990 Gehör zu verschaffen. Durch das Londoner Schuldenabkommen von 1953 erhielt Griechenland 25 Millionen Dollar von der Alliierten Reparationsagentur, mit Verweis auf weitere Klärung bei einer »Wiedervereinigung«. Angesichts der deutschen Teilung kam Griechenland aber anscheinend stets zu früh oder zu spät. In den 1960er Jahren erhielt der griechische Staat 115 Millionen D-Mark.

Für die deutsche Seite ist die Reparationsfrage juristisch abgeschlossen. Weicht sie von diesem Kurs ab, entstünde ein Präzedenzfall mit internationaler Wirkung. »Nicht nur andere Länder kämen auf Deutschland zu, ein internationales Gericht könnte sagen: Jetzt muss die USA den Irak entschädigen«, meint Karpouchtsis. Da die BRD niemals die Reparationsforderungen begleichen werde, so Hagen Fleischer gegenüber dem Standard im September 2012, solle die Athener Regierung sich darauf konzentrieren, die Rückzahlung der im Kriegsverlauf einmaligen Zwangsdarlehen der griechischen Staatsbank an Nazideutschland zu fordern. Die deutsche Wiedergutmachungspolitik kennt Spielräume: So wie israelische Überlebende könnten auch griechische Opferdörfer eine Art Rente erhalten, schlägt Karpouchtsis vor. (eh)


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