Aus: Ausgabe vom 17.08.2018, Seite 11 / Feuilleton

Divers geschlechtsneutral. Wenn schon pillepalle ...

Von Wiglaf Droste
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Kurze Zeit später kam der 15. August 2018 ...

Für eine in Berlin ansässige Behörde hatte ich einen Antrag auszufüllen. Unter der Rubrik »Geschlecht« bestand die Auswahl zwischen »männlich«, »weiblich« und »geschlechtsneutral«; unter letzterem vermochte ich mir außer Neutralseife nichts vorzustellen. Kurze Zeit später kam der 15. August 2018 und brachte ein drittes, offiziell gültiges Geschlecht mit sich: »divers«.

Selbstverständlich lachten alle über den Firlefanz; ich ging der Sache auf den Grund und stellte fest, dass »divers« diverses bedeuten kann: »verschieden« (nicht im Sinne von verscheiden), aber auch »mehrere«, »allerlei« und »einige«, was nach sich einigen oder nach sich einigeln klingt. »Divergierend« heißt abweichend, auch von der Norm. Aber wie stand es um das Adjektiv »geschlechtsneutral«, das ich erst wenige Tage zuvor kennengelernt hatte? Ging es in »divers« ein, über oder unter, ging es da »mit rein« oder »mit bei«, wie man in Westfalen sagt?

Hätte man diese beiden entrückt sinnfreien Wörter nicht koppeln können wie zwei Zugwaggons: »divers geschlechtsneutral«? Wenn schon pillepalle, dann aber richtig. Wie anders als durch doch eher ridiküle Sprachregelungen ließe sich die Welt verbessern? Indem man sie, die Welt, in »männlich«, »weiblich« und »weiß nicht« einteilt? Den doch eher geschlechtsneutral wirkenden Mitgliedern / Mitglieder_innen des deutschen Bundestags ist der Coup gelungen, den ohnehin divers ignorierten oder missliebigen Parlamentarismus endgültig der Lachhaftigkeit preiszugeben.

Ich wandte mich wieder meinem Antrag zu, strich »männlich«, »weiblich« und »geschlechtsneutral« durch und schrieb an ihrer Statt: »Mir doch egal! Hauptsache Muttersprache statt Vaterland!« Und ließ Stift und Hoffnung sinken, was mir diverse Freuden des Lebens zuteil werden ließ.

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