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Aus: Ausgabe vom 16.08.2018, Seite 11 / Feuilleton
Droste

Prämortal

Von Wiglaf Droste

Im Laufe einer ärztlichen Generaluntersuchung, vom Volksmund als »Alles mal richtig durchchecken lassen« bezeichnet, teilte mir die Ärztin mit, dass sie mir in den Kopf kucken wolle, mit Hilfe einer Computertomographie, dem Drang nach Verkürzung und Verstümmlung der Sprache nachgebend meist CT genannt. Ich hatte nichts dagegen und willigte ein. »Wir kommen dann auf Sie zu«, floskelte sie weiter und ergänzte noch: »Sie haben eine prämortale Intelligenz.«

Ich stutzte kurz: eine prämortale Intelligenz, also eine Intelligenz vor dem Tod? – Nach dem Tod würde sie mir ja auch nichts mehr nützen, oder? Möglicherweise zielte die Behauptung der Medizinerin aber auf etwas Tieferes, nämlich darauf, dass was wir »Leben« zu nennen uns angewöhnt haben, nur die Zeit vor dem Tod ist, man dieses prämortale Leben also vom einzig Sicheren und Gewissen her zu betrachten habe, dem Tod?

Das klang ein bisschen existentialistisch und war mir entsprechend sympathisch, wenn auch in der Diktion etwas arg fachmedizinisch gestelzt. Ich lächelte ihr zu und sang ihr eine Zeile von Bob Dylan: »People don’t live or die, People just float«, und dann ging ich und zog meinen langen schwarzen Sommermantel an, denn es war ein wenig frisch geworden im Lande Prämortalien.

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