Aus: Ausgabe vom 16.08.2018, Seite 11 / Feuilleton

Ab zum Partyservice

Benjamin von Stuckrad-Barres Debütroman »Soloalbum« wird nach zwanzig Jahren neu aufgelegt, im »weißen Jeanseinband«. Eine notwendige Relektüre

Von Frank Schäfer
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Und danach ab zur Schaumparty: »Stuckrad Late Night!« mit Thilo Sarrazin (Dezember 2010)

Katharina ist weg. Und der junge Musikkritiker und Ich-Erzähler, der genug hat vom Schweinejournalismus und bei einer Plattenfirma anfängt und später bei einer Agentur, wie der Autor ja auch, kommt nicht so recht über sie hinweg. Erst im Verlust zeigt sich, wie immer, der wahre Wert – und so braucht es eine ganze Menge Kompensation, um halbwegs bei Sinnen zu bleiben. Rausch in unterschiedlicher Form – selbstredend wird in so einem Szenebuch wie Benjamin von Stuckrad-Barres 1998 erschienenem Debütroman »Soloalbum« auch eine ganze Menge Marschierpulver weggeschnuppert –, eine fulminante Hasslatte auf die Welt, die eine oder andere Küsserei und vor allem Pop halten den Mann in Bewegung. Blur, Pulp und Oasis, immer wieder Oasis. Ohne diese Band, deren Songs auch die Überschriften der einzelnen Kapitel liefern – ohne dass dies literarisch irgend etwas zu sagen hätte –, wäre für den Protagonisten das Leben nach Katharina gar nicht zu ertragen. So immerhin macht er weiter, hat aber ziemlich schlechte Laune dabei und nutzt auch jede Möglichkeit, sich bei seiner alten Flamme mit kläglicher Bittstellerei unmöglich zu machen.

Einen Plot hat dieses Buch nicht, es ist eher ein Journal. Der Erzähler assoziiert sich so durch die Tage und Nächte dieses einen Jahres nach Katharina. Dabei bleibt das erzählende Ich auf dem Niveau eines guten Rockjournalisten. Mit ein paar Sätzen aus dem Handgelenk werden da Szenen entworfen, die das paradigmatische Yuppie-Alltagsleben in den späten Neunzigern einfangen sollen. Nur sprachlich ist das nicht weiter von Belang. Es scheint dem Autor rhetorisch nur eine einzige Figur zu Gebote zu stehen, das Zeugma, und das ist ohnehin mehr so ein Jokus aus dem Schlussverkauf, eins dieser Sonderangebote, die eigens dafür hergestellt werden. Stuckrad-Barre indessen gefällt es so ausnehmend, dass er es in einer Häufigkeit probiert, die ihm auch noch das letzte bisschen Effekt austreibt. »Das trifft sich ja gut und mich in der Mitte, voll in die Eier« – »Ich (...) gucke voll Verachtung und voll Abendessen auf meinen Bauch« – »Kopf und Wasser rauschen« – »Sie tut so, als fühle sie sich unbeobachtet. Und führt vor: uns und ein paar Kunststücke« – »Gorny ist Beisitzer von ungefähr 120 Ausschüssen und bewegt ganz schön was. Jetzt gerade sich selbst« – »Und lege irgendwann auf und lege mich auch auf – nämlich das Bett und denke nach«. Man könnte noch weitermachen, wenn diese Erbsenzählerei nicht so albern wäre. Aber das fällt einem eben auf, weil der ganze Rest sprachlich so karg und dürftig ist, vor allem aber weil diese sprachliche Naivität in solch einem derben Kontrast steht zur bohemistischen Rotz- und Protzattitüde, dieser dicklippigen, so ziemlich alles verachtenden und runterputzenden Billigpolemik, die sich überdies so etwas Profanes wie ein Argument oft erspart. Klar hat er oft recht, aber auch schon vor zwanzig Jahren konnte man über Kuschelrockhörer, Peter Hahne, die Lady-Di-Trauergemeinde, die Volvo-Werbung, Wirtschaftsberater, Studentenpartys, schlagende Verbindungen, Fury in the Slaughterhouse, Heinz Rudolf Kunze, Pur und so weiter nicht anders als polemisch schreiben.

Der Mann ist ein Papiertiger. Er erhofft sich einen Distinktionsgewinn durch ein fulminantes Dagegen, aber man versteht kaum einmal, warum jetzt wieder soviel Gewese um sowenig Substanz gemacht wird. Einmal besucht der Erzähler eine Schaum­party, und sofort denkt man: Da gehört er hin! Überdies wird dieser Furor bald unansehnlich, weil Stuckrad-Barre sein forciertes Checkertum, das man bei Nick Hornby charmanter und ironischer haben kann, mit dem hier reichlich aufgesetzten Zynismus eines Bret Easton Ellis kreuzt, dessen versteckten Moralismus er jedoch einfach kappt. Angesichts des Bild-Terrors mit möglichst detailreichen Schilderungen der gerade kurrenten Gewaltverbrechen winkt er ab: »Man kommt ja nur auf dumme Gedanken. Oder man wird moralisch. Beides ist nicht gut.« Von »eigentlicher Bedeutung« ist ihm und seinesgleichen nur: »Sex, Liebe, Kleidung, Frisuren und Gewicht.« Es war eben wieder einmal Fin de ­Siècle – und dazu gehörte schon immer dieser Scharfmachercocktail aus Weltekel, Dekadenz, Kaltschnäuzigkeit und, Teufel noch eins, provozierender Amoralität.

Wie so einer Jörg Fauser lesen und verehren kann, bleibt schwer verständlich. Fauser taucht in diesem Buch mehrmals als literarische Referenzgröße auf. Und im richtigen Leben zitiert Stuckrad-Barre sogar dessen schönes, pathetisches, ja unveräußerliches Diktum: »Wenn Literatur nicht bei denen bleibt, die unten sind, kann sie gleich als Partyservice anheuern.« Schon, schon, gelegentlich ist er sogar mal bei denen, sonntags am Hauptbahnhof etwa, aber er tritt dann auch nur noch einmal nach, stößt sie in den Dreck, in dem sie schon längst liegen, weil der Anblick seinen verwöhnten Augen wehtut. Was für ein Missverständnis!

Aber diese Selbsttäuschung ist bezeichnend für Stuckrad-Barre bzw. seinen Ich-Erzähler, der hier weitaus mehr ist als sein Alter ego. Am Ende mörtelt er den Graben zwischen Ich und Autor ganz zu, indem er einen Faxwechsel mit einem etwas tolldreisten Journalisten zitiert, der von ihm Stichworte verlangt für einen zu schreibenden Artikel zum Thema »Kein Kult ohne Koks«. Stuckrad-Barre wird ein bisschen frech und schließt mit den Worten: »Als Symbol für ein Lebensgefühl stehe ich nicht zu Verfügung.« Eben doch. Ständig.

Benjamin von Stuckrad-Barre: Soloalbum. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2018, 272 Seiten, 25 Euro

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