Aus: Ausgabe vom 16.08.2018, Seite 10 / Feuilleton

Bomben gegen Hacker

Von Thomas Wagner
Kommando_Cyber_und_I_54620777.jpg
Digitales kann so konventionell sein. Abzeichen des Kommandos Cyber- und Informationsraum an einem Barett

Die Bundesregierung will potentielle Angriffe auf die digitale Infrastruktur durch Abschreckung verhindern. Deshalb droht sie mit Vergeltung: Sie behalte sich vor, mit einem Militärschlag auf einen Cyberangriff zu reagieren, berichtet das Handelsblatt (5.6.2018). In ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage des stellvertretenden Vorsitzenden der FDP-Bundestagsfraktion, Stephan Thomae, heißt es: »Auch eine Cyberoperation kann unter bestimmten Bedingungen einen ›bewaffneten Angriff‹ im Sinne von Artikel 51 VN-Charta darstellen. Hierauf könnte die Bundesrepublik Deutschland mit allen zulässigen militärischen Mitteln reagieren. Als eine mögliche Option kann auch der Einsatz der Bundeswehr im Rahmen des verfassungsrechtlichen Auftrages in Betracht gezogen werden.«

Die Aussagen stehen in Zusammenhang mit Veränderungen in der transatlantischen Sicherheitsstrategie. Im Jahr 2016 hatten die NATO-Staaten auf ihrem Gipfel den Cyberraum zum militärischen Operationsgebiet erklärt. Seitdem werden Angriffe auf Datennetze wie Aggressionen gewertet, die von Land-, See- oder Luftstreitkräften ausgehen. Wird ein Mitglied des Militärbündnisses von Hackern einer fremden Macht attackiert, kann der Bündnisfall ausgerufen werden. Noch im selben Jahr begannen die Armeen der NATO-Staaten, jeweils sogenannte Cybereinheiten aufzubauen. In der Bundesrepublik fungiert das »Kommando Cyber- und Informationsraum« (Kdo. CIR) neben Luftwaffe, Marine und Heer als eigenständige Teilstreitkraft. Vor diesem Hintergrund ist es nicht überraschend, dass sich die Bundesregierung eine militärische Antwort auf Cyberangriffe vorbehält. Neu ist in diesem Zusammenhang jedoch die Information, dass dafür auch der Einsatz konventioneller Streitkräfte in Erwägung gezogen wird. Künftig müssen Hacker unter bestimmten Umständen also damit rechnen, mit Fernlenkwaffen bombardiert oder von Spezialstreitkräften aufgespürt und getötet zu werden.

Doch ist die Vergeltungsdrohung geeignet, die erwünschte Abschreckungswirkung zu erzielen? Experten bezweifeln das. Zum einen wisse man manchmal nicht so genau, wer eigentlich angegriffen habe, sagte Ludwig Leinhos, der Inspekteur des Kdo. CIR. Zum anderen werden die Verursacher von Cyberattacken von der Bundesregierung selbst dann nicht öffentlich benannt, wenn man sie sicher identifiziert zu haben glaubt. »Die Bundesregierung muss sich fragen lassen, wie sie Cyberangriffe glaubhaft abschrecken will, wenn sie es scheut, Angreifer öffentlich zu benennen und konkrete Beweise vorzulegen«, wird die Bundesregierung von der Stiftung Wissenschaft und Politik kritisiert. Offenbar handelt es sich um ein höchst unsicheres Gelände mit vielen Unwägbarkeiten und nur schwer kalkulierbaren Folgen des jeweiligen Tuns.

Der bereits erwähnte FDP-Bundestagsabgeordnete Thomae sagte dem Handelsblatt: »Dass die Bundesregierung im Falle eines Cyberangriffs sämtliche militärischen Mittel, konventionell und digital, in Betracht zieht und nicht einmal vor einem Auslandseinsatz der Bundeswehr zurückschreckt, überrascht mich sehr.« Denn bei solchen Attacken gebe es »weder hundertprozentige Sicherheit darüber, wer den Cyberangriff tatsächlich ausgeführt hat, noch darüber, ob dabei im Auftrag einer Staatsregierung gehandelt wurde«. Im Zuge fortschreitender Digitalisierung und immer komplexerer Datennetze wird es schwieriger, zwischen Krieg und Frieden, Freund und Feind zu unterscheiden. Nur die potentiellen Opfer stehen fest: Das sind wir alle.

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Feuilleton
  • Benjamin von Stuckrad-Barres Debütroman »Soloalbum« wird nach zwanzig Jahren neu aufgelegt, im »weißen Jeanseinband«. Eine notwendige Relektüre
    Frank Schäfer
  • Arshbanane Zehntausend (2/9)
    Peter Wawerzinek
  • Forschung aktuell | Di., 16.40, DLF
  • Damit Ihnen das Hören und Sehen nicht vergeht
  • Immerhin Lust auf Grappa: Ferzan Ozpeteks Möchtegern-Thriller »Das Geheimnis von Neapel«
    Maximilian Schäffer