Aus: Ausgabe vom 15.08.2018, Seite 10 / Feuilleton

Dein Vietnam, mein Irak, unser Zuhause

Milieu-Marker und Wackelkamera: »In the Middle of the River« über den White Trash im Südwesten der USA

Von André Weikard
Kinostart_In_The_Mid_58314306.jpg
»Dieser ganze Ort hier ist ein Kriegsgebiet« – Gabriel (Eric Hunter) und sein Großvater (Max Thayer)

Filmemacher Damian John Harper ist gelernter Völkerkundler. Er lebte eine Zeitlang im Süden Mexikos und studierte die Kultur der Zapoteken. Seinem Film »In the Middle of the River« merkt man das an. Das Ethnologen-Auge richtet sich auf die weiße Unterschicht, auf Säufer, Kriegsversehrte, Knastbrüder. Antiheld Gabriel, dicht tätowiert, schleppt sich im Army-Shirt auf einem Bein vom Sofa zum Kühlschrank, raucht Pot, schmeißt Pillen ein – und ist noch der sympathischste von allen. Sein kleiner Bruder, 14, vielleicht 15 Jahre alt, macht Jagd auf »Bush-Nigger« und setzt die geklaute Waffe einem Gleichaltrigen an die Stirn. Im Gegenzug ritzen Mitglieder einer verfeindeten Gang ihm schon Mal mit dem Teppichmesser Narben in die Wange. Sein Großvater, der nachts volltrunken heimkommt, um seine Frau zu verprügeln, hat seine Tochter geschwängert und dann umgebracht, glaubt Gabriel. Den Alten zu killen, bringt er dann aber doch nicht fertig. Wie Hamlet steht er mit gezückter Waffe hinter ihm – mehr als einmal.

Im Gespräch mit dem verhassten Alten geht Gabriel auf, was für Autorenfilmer Harper die Essenz seines Films sein dürfte: »Dieser ganze Ort hier ist ein Kriegsgebiet. Wie dein Vietnam und mein Irak, nur schlimmer. Weil es unser Zuhause ist.« Körperliche Gewalt prägt das Leben des White Trash im Trailerpark. Das geht von prügelnden Eltern über die Senge der Mitschüler bis zu den Messerstichen im Knast. Eine Generation gibt Gewalterfahrungen an die nächste weiter. »In the Middle of the River« spielt irgendwo im ländlichen New Mexico am Rande eines Navajo-Reservats. Dort ist die Erinnerung an die Ursünden der US-Nation, Landraub und Mord an der indigenen Bevölkerung, besonders präsent.

Für Gabriel, der wegen Drogendelikten einsaß, unterscheiden sich Armeedienst und Gefängnisaufenthalt nicht groß voneinander. »Es geht um Struktur und Disziplin. Wenn du machst, was sie dir sagen, kommst du klar«, sagt er seinem kleinen Bruder. Obamacare zahlt die Schmerzmittel für den Kriegskrüppel, aber keine Reha. Es geht ums Ruhigstellen, nicht ums Heilen.

Harpers Hauptdarsteller sind zum großen Teil Laien. Vor allem Nikki Lowe macht als stolz-trotzige Ex Gabriels, Alleinerziehende, Aushilfe in einem Diner und Preisboxerin einen guten Job. Der Südstaatenslang mit aneinandergereihten Hassrede-Versatzstücken von »Go home to yo tippi, Nigger« über KKK-Codes wie »1488« bis zum Trump-Slogan »Make America great again« geht allen locker von der Zunge. Omnipräsent sind Milieu-Marker wie »La Familia«-Tattoos, das Stars-and-Stripes-Banner als Türschmuck in Herzchenform am Hauseingang oder der Weißkopfseeadler-Aufnäher auf der Jeansjacke.

Bei allem Willen zu Authentizität ist die permanent wackelnde Handkamera eine echte Zumutung für den Zuschauer. Schon der zweiminütige Trailer lässt sich kaum anschauen, ohne erste Anzeichen einer Seekrankheit zu entwickeln. Harper hält immer voll drauf, rennt mit, schwenkt von einem wütenden Gesicht aufs nächste. Die Gewaltexzesse sind dabei derart überdosiert, dass sie den Zuschauer bald nicht mehr kratzen und statt dessen lethargisch werden lassen. Filmisch leidet die Erzählung darunter, dass die vielen Nebenstränge bis zum Schluss nicht recht zusammenlaufen wollen und selbst ein halbherziges Happyend einigermaßen unglaubwürdig wirkt nach all den Erfahrungen mit entsicherten Waffen, durchs Autofenster verkauften Pillen und cholerischen Weißen.

Was bleibt, sind ein wenig ermutigender Blick auf den Bodensatz der US-Gesellschaft, eine vage Antwort auf die Frage, wer einen milliardenschweren Lügner zum US-Präsidenten gewählt haben könnte und die Befürchtung, dass der Filmemacher Gewalt für einen fundamentalen Wesenszug des Menschen hält.

Harper, in Colorado geboren und selbst aufgewachsen mit den Vietnam-Erzählungen seines Vaters, studierte an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen und gewann auf dem Filmfest der Stadt in Bayern den »Förderpreis Neues Deutsches Kino« für sein Drehbuch. Das enthält reihenweise Szenen wie die mit dem Cop, der nicht dazu kommt, wegen einer Vergewaltigung auch nur zu ermitteln. »Da sind noch 92 Fälle vor Ihnen«, sagt er entschuldigend. »Sie müssen verstehen, wir sind nur drei hier.« In dem Moment rauscht sein Funkgerät. Ein Schusswechsel. Der Polizist wendet sich wortlos ab, spurtet zu seinem Einsatzwagen. Er ist kein Berufsschauspieler, sondern ein echter Sheriff; die Szene soll auch nicht ausgedacht sein, sondern Alltag in New Mexico. Aber wie auch immer: Den Zuschauer lässt dieser davonlaufende Cop hilflos zurück.

»In the Middle of the River«, Regie: Damian John Harper, BRD/USA 2018, 113 min, Kinostart: 16.8.

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Regio:

Mehr aus: Feuilleton