Aus: Ausgabe vom 14.08.2018, Seite 11 / Feuilleton

Bald in Ihrem Handykino!

Lieber senken wir den Blick: Rückblick aufs Autorenfilmfestival Locarno

Von Jochen Zimmer
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Die abendlichen Open-Air-Vorführungen auf der Piazza Grande sind das Publikumshighlight der Filmfestspiele von Locarno

Am Wochenende endete das 71. Filmfestival Locarno. Es war das letzte unter der künstlerischen Leitung Carlo Chatrians und wohl auch das letzte reine Autorenfilmfestival am Lago Maggiore. Chatrian wird zur Berlinale wechseln, seine Abschiedsworte waren deutlich. Zunächst bekam Leo McCarey sein Fett weg, Erfinder von »Laurel and Hardy«, Regisseur von »Die Marx Brothers im Krieg« und Star der diesjährigen Retrospektive. Statt McCarey etwa für sein veristisches Kino oder die geniale Führung der Schauspielkunst Cary Grants zu loben, sprach Chatrian im Rückgriff auf den spanischen Wirtschaftswissenschaftler und Filmkritiker Miguel Marìas über »die Schwierigkeit, McCarey zu schätzen«, die sich vor allem aus der Dummheit des Antikommunismus in Hollywood ergibt.

Was Chatrian im Alltag wohl noch mehr nervt, ist das Geflimmer auf dem Handy, dem »Natel«, wie man hier sagt: »Ich habe den Eindruck, dass wir noch nie so große Angst hatten wie heute, einander wirklich anzusehen, von Angesicht zu Angesicht. Lieber senken wir den Blick und starren auf diesen kleinen Bildschirm, der uns immer begleitet. Die große Leinwand im Kino hat wieder eine riesige Aufgabe. Meine letzte Ausgabe des Festivals erzählt, dass ein Film nichts anderes ist als ein Liebesbrief. Die Kamera wird zu einem Filter, der Schutz gewährt und große Freiheit einräumt. Die Freiheit, den Mann oder die Frau uns gegenüber ohne jegliche Missverständnisse anzusehen.«

Auf einiges ist Chatrian auch stolz. Er hat das Festival zum Zentrum des Autorenfilms gemacht, nie Horror- oder Fantasyfilme gezeigt, Regisseure wie Sandra Nettelbeck, Hong Sangsoo oder Bressane gewonnen. »Thomas Imbachs Film ›Glaubenberg‹ habe ich früh gesehen, und der Regisseur sagte mir, ›Carlo, wenn du ihn haben willst, halten wir ihn für dich zurück.‹ Das ist Wertschätzung.«

Zu den begehrtesten Auszeichnungen des Festivals zählt der Publikumspreis für einen Film, der außerhalb aller Wettbewerbe auf der Piazza Grande des kleinen Ortes gezeigt wurde. Regelmäßig sind die 8.000 Plätze hier ausverkauft. Die ersten Zuschauer kommen Stunden vorher zum Trinken, Essen, Kiffen (beliebteste Marke: »Heimat«, 20er Päckchen mit Filter für 19,90 Franken, Hanf und Tabak vom Bodensee). Neuerdings sind die Plätze numeriert, was die Zwanglosigkeit etwas einhegt, aber das Durchschnittsalter ist wohl auch leicht gestiegen. In diesem Jahr ging der Pu­blikumspreis an die antirassistische Satire »BlacKkKlans­man« von Regisseur Spike Lee (»Malcolm X«). Als Testlauf für die kommerzielle Auswertbarkeit ein schöner Erfolg.

Mein Lieblingsfilm auf der Piazza war »Birds of Passage« über die ursprüngliche Akkumulation des kolumbianischen Drogenkapitals Ende der 60er Jahre. Alerte junge Leute eines US-Friedenscorps sollen den heidnischen Indianern Freiheit und westliche Lebensart bringen, schaffen mit ihrem Hang zum Eskapismus aber vor allem einen lukrativen Marihuanamarkt. Der junge Wayuu Rapayet beginnt mit Kleinstverkäufen, steigt bald zum reichsten Mann der abgelegenen Steppenregion auf. Ein Familienkrieg könnte das Ende des Stammes bedeuten, dessen Traditionen ohnehin dem Untergang geweiht sind. Neben Ciro Guerra, der schon zweimal für den Oscar nominiert war, führte die bisherige Produzentin Cristina Gallego Regie bei diesem Werk des magischen Realismus über die Mythen der Wayuu und die Realitäten des Drogenhandels. Einen Preis bekam das Werk nicht.

Zu den spannendsten Reihen gehört der Dokfilmwettbewerb »Semaine de la critique« des Schweizer Filmjournalistenverbandes. In den knapp 30 Jahren seines Bestehens ist er größer geworden. Die von der Konsumgenossenschaft Coop gesponserte Konkurrenz ist aus einem recht kleinen Kursaal in die deutlich geräumigere Mehrzweckhalle einer Mittelschule umzogen. Sieben Filme wurden diskutiert, darunter wahrscheinlich zum ersten und letzten Mal auf der großen Leinwand zu sehen: »#Female Pleasure« von Barbara Miller. Ein deutsch-schweizerischer Film über fünf Frauen im Kampf für einen lustvollen, gleichberechtigten Umgang der Geschlechter. Klug wird gegen die Pornographisierung des Filmgeschäfts polemisiert. Die fünf porträtierten Frauen hängen großen Religionen an. Von der Praxis der Genitalverstümmlung über das orthodox-jüdische Morgengebet – »wir danken Dir, Herr, dass wir nicht als Frau geboren sind« –, bis zu »Frauen sind die Wurzel aller Sünden« im Mahabharata erfahren sie über alle kulturellen Schranken hinweg die gleiche Geringschätzung: Kontrollwut, Verteufelung selbstbestimmter weiblicher Sexualität, Negation des Rechts auf körperliche Unversehrtheit. Trotz oder wegen solch krasser Filme wurde Miller im vergangenen Jahr Vorsitzende des eidgenössischen Verbandes »Filmregie und Drehbuch«.

Im Rennen um den besten Erstlingsfilm war »Mudar la piel«, ein biographisch-dokumentarischer Film der deutsch-baskischen Fotografin Ana Schulz und des spanischen Musikers und Regisseurs Christóbal Fernández. Schulz’ Vater Juan Gutierrez wurde als Friedensunterhändler der ETA jahrelang von seinem engen Freund Roberto Diez ausgekundschaftet. Trotz des Verrats bestand die Freundschaft weiter. Als Diez später Anschuldigungen der Madrider Zentralregierung gegen die ETA nicht mittrug, ging er als angeblich russischer Spion in den Knast. Das Regieduo hinterfragt die eigene Arbeitsweise, nähert sich dem Verhältnis der beiden Alten immer wieder historisch, bemüht sich um Gerechtigkeit. Das Schönste, was ich je über betrogene Verräter sah. Nicht ETA-kritisch, kein Preis.

Die Sektion »Open Doors« fördert Filmemacher aus dem Trikont. Bis 2021 werden Projekte aus Laos, Thailand, Kambodscha, Vietnam, Myan­mar, Indonesien, Malaysia und den Philippinen ausgewählt. Die diesjährigen Hauptgewinner waren The Maw Naing aus Myanmar (35.000 Franken Produktionszuschuss für »The Women« ) und Sanjeewa Pushpakumara aus Sri Lanka (15.000 Franken Projektentwicklungszuschuss für »Mother«). Bald in Ihrem Handykino!

Die meisten Auszeichnungen waren nach dem Geschmack von Chatrian: »Die preisgekrönten Filme erzählen von einer Welt, in der noch immer der Mensch das Maß aller Dinge ist. Sie begeben sich dabei auf eine ästhetische Suche nach einer angemessenen Form für eine Realität, die sich rasch verändert, und in der die Bilder allgegenwärtig sind.« Zwölf von 25 Preisen gingen an Frauen; darunter der »Cineasti di presente« an die Syrerin Sara Fattahi, die zuvor nur an Seifenopern mitgearbeitet hatte. Ihr Film »Chaos« ist eine dichte, einfühlsame, aber völlig imaginäre Konversation dreier Frauen in Damaskus, Schweden und Österreich, die nichts gemein haben, außer unsäglicher Traurigkeit und einer ungewissen Zukunft. Gewiss ist nur der Termin von Locarno 72: vom 7. bis 17. August 2019, dann mit neuem künstlerischem Leiter. Die Auswahlkommission tagt schon.

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