Aus: Ausgabe vom 10.08.2018, Seite 15 / Feminismus

»Ohne Schminke nicht auszuhalten«

Von wegen »nur Unterhaltungsschriftstellerin«: Artikel und Roman von Vicki Baum neu aufgelegt

Von Christiana Puschak
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»Man kann auf die Frau von 1930 nicht die Mode von 1900 pfropfen. Ich mache da nicht mit«. Vicki Baum, geboren 1888 in Wien und eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen der Weimarer Republik, äußerte gern deutlich ihre Meinung. Über Mode und ein neues Rollenverständnis schrieb sie mit Seitenhieben auf den Leistungsdruck: Müde sein gilt nicht, notfalls muss im Schönheitssalon nachgebessert werden, denn »es gibt Dinge in unserer Zeit, die ohne Schminke nicht auszuhalten wären«. Immer wieder wird über sie geurteilt, sie sei »nur« eine Unterhaltungsschriftstellerin. Eine Diskreditierung, die sie mit vielen Autorinnen teilen muss, wie etwa Gina Kaus, Irmgard Keun oder Annemarie Selinko.

Weithin bekannt wurde Baum vor allem durch ihre Bestseller »Liebe und Tod auf Bali« und »Menschen im Hotel«. Doch sie war auch Drehbuchautorin und Verfasserin zahlreicher feuilletonistischer Texte. Diese Texte, geschrieben zwischen 1912 und 1941, hat nun die Wiener Germanistin Veronika Hofeneder unter dem Titel »Makkaroni in der Dämmerung« erstmals in Buchform veröffentlicht.

Im Feuilleton habe Vicki Baum die veränderte Rolle und das neue Selbstverständnis der Frauen in der Zwischenkriegszeit ins Visier genommen, so Hofeneder im Vorwort. Auch Baum, die 1960 in Los Angeles starb, hatte darunter gelitten, »nur ein Mädchen zu sein« und kämpfte zeitlebens gegen diese Diskriminierung. »Die Demokratie der Zeit bedingt eine Demokratie der Mode«, lobte sie die Funktionalität der kurzen, bequemen Kleider und Röcke für die Frau, die arbeitete, Sport trieb und sich draußen bewegte.

Die Rollenvielfalt wurde zum Markenzeichen Vicki Baums. Sie kritisierte den Schönheits- und Fitnesswahn der Frauen ebenso wie bei Männern ein nachlässiges Äußeres. Sie erzählte kleine Geschichten von der Eifersucht, missbilligte die »sinnlose Überschätzung der Jungfräulichkeit«, räsonierte über Psychoanalyse und Medizin und äußerte Bedenken in Sachen Liebe: »Es ist ein bisschen viel Betrieb rund um die Erotik, etwas Ernüchtertes und Geschäftsmäßiges«. In »Ein Wort wird gesucht« forderte sie auf, den Wandel moderner Beziehungen auch sprachlich zu vollziehen. Überschriften wie »Zwangsarbeit in Hollywood« oder »Unglücklich in Hollywood« sprechen für sich. Sie zeigen Erfahrungen mit dieser »Traumfabrik«, mit der Machtausübung der Regisseure und Produzenten. Positiv wertet sie den Wandel vom klassischen Ballett hin zum modernen Tanz, bei dem man lernen könne, »das Ernste so zu tun, als wenn es ein Spiel wäre«.

Publiziert wurden diese Artikel und Glossen überwiegend in den damals tonangebenden Zeitschriften: der Berliner Illustrierten, dem Uhu und der Dame. Prägnant fing sie den Zeitgeist und Atmosphäre der »Roaring Twenties« und die zeitgenössischen Diskurse der Weimarer Republik ein.

Neben dieser Textsammlung ist in diesem Jahr der Roman »Hotel Berlin« von Vicki Baum neu aufgelegt worden. Sie schildert darin 24 Stunden in einem Berliner Luxushotel im Frühsommer 1943. Atmosphärisch dicht erzählt Baum, wie ihre Protagonistin Lisa Dorn, eine bekannte Schauspielerin, bisher eher unkritisch und opportunistisch gegenüber dem Naziregime, Liebe und Mitmenschlichkeit entdeckt. In ihrem Hotelzimmer versteckt sich ein kurz vor seiner geplanten Hinrichtung aus den Fängen der Gestapo entflohener Student namens Martin Richter. Nichts bleibt wie vorher: Sie handelt widerständig, wie sie es nie von sich erwartet hätte. Eindrucksvoll widerlegt dieser Roman Baums ironische Bemerkung »Ich bin eine erstklassige Schriftstellerin zweiter Güte«.

Vicki Baum: Makkaroni in der Dämmerung, Feuilletons. Hrsg. von Veronika Hofeneder, Edition Atelier, Wien 2018, 320 Seiten, 25 Euro.

Vicki Baum: Hotel Berlin. Wagenbach, Berlin 2018, 288 Seiten, 14 Euro


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