Aus: Ausgabe vom 09.08.2018, Seite 15 / Medien

Gefährliche Recherche

Zu den Hintergründen der Ermordung dreier russischer Reporter in Zentralafrika

Von Reinhard Lauterbach
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Trauerfeier in Moskau am 7. August: Alexander Rastorgujew ist einer der ermordeten Journalisten

In Moskau sind am Dienstag drei Journalisten beerdigt worden. Sie waren Ende Juli in der Zentralafrikanischen Republik ermordet worden. Unbekannte stoppten ihr Fahrzeug nahe der Stadt Sibut, erschossen sie und raubten mehrere tausend US-Dollar und die technische Ausrüstung, darunter zwei Kameras. Den einheimischen Fahrer ließen die Täter laufen. Die Russen hatten sich entgegen dem Rat von Sicherheitskräften nachts auf den Weg gemacht und auch sonst gegen alles verstoßen, was man als Journalist über die Tätigkeit in Krisen- und Kriegsgebieten beigebracht bekommt. Sie kamen als angebliche Touristen ins Land, Ziel ihrer Recherche war die Tätigkeit der russischen Söldnerfirma »Wagner«. Beauftragt hatte sie das »Zentrum für Informationsmanagement«, ein Projekt des 2013 nach achtjähriger Lagerhaft in den Westen abgeschobenen Oligarchen und Putinkritikers Michail Chodorkowski. Man kann auch sagen: Die Journalisten wurden verheizt.

Chodorkowskis Interesse an »Wagner« ist leicht erklärt: Sie soll für Russland auch an anderen Krisenherden der Welt militärische Geheimaufträge erfüllt haben, bei denen die Verbindung nicht offen zutage treten sollte, nämlich in Syrien und der Ostukraine. Ihr Vorgehen in einem weiteren Land zu »enthüllen«, lässt sich also als »Tätigkeit hinter den Kulissen« oder »Geheimkrieg« skandalisieren.

Dass Söldner von »Wagner« in der Zentralafrikanischen Republik tätig sind, ist an sich kein Geheimnis: Sie sind vom Präsidenten des Landes als private Leibwache angeheuert worden. Aufgefallen waren sie zuerst französischen Reportern. Die wunderten sich letztes Jahr, dass sie in dem Land, das traditionell zur »Francophonie«, dem informellen Hinterhof Frankreichs in Afrika gehört, auf Uniformierte weißer Hautfarbe gestoßen waren, die weder Französisch noch Englisch sprachen. Ob »Wagner« außer dem Schutz des Präsidenten auch noch andere Aufgaben wahrnahm – die Ausbildung seiner Armee oder die Bewachung von russischen Bergbau- und Explorationsprojekten etwa –, ist nicht gesichert.

Die mysteriöse Söldnertruppe – dem Internet zufolge die russische Entsprechung der US-Firma »Academi«, vormals »Blackwater« – soll dem Petersburger Geschäftsmann Jewgenij Prigoschin gehören, der wegen seiner vielen Aufträge zum Catering auf russischen Staatsempfängen von der westlichen Presse auch gern als »Putins Leibkoch« bezeichnet wird. Derselbe Prigoschin soll auch eine »Trollfabrik« betreiben, die Postings im Zusammenhang mit dem US-Wahlkampf gemacht haben soll. Präsident Wladimir Putin hat dies in einem Interview mit dem österreichischen Fernsehsender ORF im Juni zumindest nicht bestritten, sondern – in gereiztem Ton – lediglich die Unterstellung, dass er dies im offiziellen Auftrag getan habe: »Herr Soros ist auch nicht als Beamter des State Department unterwegs«.

Der Tod des russischen Fernsehteams in Chodorkowskis Diensten hat in Russland beim liberalen Teil der Öffentlichkeit Bestürzung ausgelöst. Vor dem Sitz des Journalistenverbandes wurden Blumengebinde niedergelegt. Die Sprecherin des Außenamtes, Marija Sacharowa, verwies darauf, dass ihr Ministerium eine Reisewarnung für die Zentralafrikanische Republik ausgesprochen habe, an die sich die Journalisten leider nicht gehalten hätten. Chodorkowski sagte, er wolle »versuchen herauszufinden«, wer die Reporter umgebracht habe. Das klingt nicht danach, als verfüge er über Informationen. Wahrscheinlicher ist, dass er sich die Option offenhalten will, die Hypothese zu wälzen, es könne sich um einen Auftragsmord aus dem Umfeld der russischen Regierung gehandelt haben.

Bezeichnend waren die Reaktionen aus der Ukraine. Wie im Onlinejournalismus oft üblich, wurde erst einmal draufgehalten: Es seien »Kremlpropagandisten« gewesen, die in Afrika ihr gerechtes Los ereilt habe. Nachdem der Auftraggeber der Ermordeten bekannt wurde, hieß es dann: zurückrudern. Die Seite Obosrewatel beispielsweise schob nach, man habe sich geirrt: Die Toten seien doch des kollegialen Mitgefühls würdig.

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