Aus: Ausgabe vom 09.08.2018, Seite 5 / Inland

Das Maß ist voll

Vereinigung Cockpit: Ryanair hat Mehrausgaben für Personal ausgeschlossen. Streik am Freitag

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»Keine Landeerlaubnis für irisches Sozialdumping«: Die Gewerkschaft Vereinigung Cockpit zeigte sich am Mittwoch in Frankfurt am Main kämpferisch

Passagiere der Billigfluglinie Ryan­air müssen sich am Freitag auch in der Bundesrepublik auf Flugausfälle und -verspätungen einstellen. Die Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) rief am Mittwoch alle angestellten Piloten an den deutschen Ryan­air-Basen für den 10. August zu einem 24stündigen Streik auf. Ryanair sagte deshalb 250 für Freitag geplante Flüge an deutschen Flughäfen ab. Von den Streichungen betroffene Kunden sollten noch am Mittwoch informiert werden und ihre Flüge kostenlos umbuchen können, wie die Fluglinie am Mittwoch mitteilte.

Laut VC können alle Verbindungen von und nach Deutschland betroffen sein, auch wenn Ryanair zweifelsfrei Flüge in die Luft bringen werde. Der Arbeitskampf beginne am Freitag um 3.01 Uhr und ende am Samstag um 2.59 Uhr. Die VC schließt sich den bereits für diesen Freitag angekündigten Streiks ihrer Kollegen in Irland, Schweden und Belgien an. Dem Umfang nach wäre das der größte Pilotenstreik in der Geschichte von Ryanair.

Von den rund 400 an den zehn deutschen Basen eingesetzten Piloten ist laut VC die Mehrzahl bei dem Unternehmen angestellt. Exakte Zahlen kenne man nicht, Schätzungen schwanken zwischen 67 und 90 Prozent Festangestellter. Die übrigen Piloten arbeiten über Personaldienstleister bei der Airline. Unter den europäischen Piloten haben bisher einzig die Iren an vier einzelnen Tagen die Arbeit niedergelegt. Ryanair hatte daraufhin den Abzug von sechs Jets nach Polen angekündigt.

Ein Warnstreik der Gewerkschaft in Deutschland war im vergangenen Dezember ohne Flugausfälle geblieben, weil Ryanair ausreichend Ersatzpiloten mobilisieren konnte. VC-Chef Martin Locher warf der Fluggesellschaft vor, eine Lösung am Verhandlungstisch zu blockieren und für die Eskalation die Verantwortung zu tragen. »Ryanair hat in den Verhandlungen jedwede Personalkostenerhöhung kategorisch ausgeschlossen. Gleichzeitig hat Ryan­air zu keinem Zeitpunkt erkennen lassen, an welchen Stellen Spielräume zur Lösungsfindung bestehen«, erklärte der Gewerkschafter. Ihm fehle die Phantasie, wie Verbesserungen für das Personal ohne Kostensteigerungen erreicht werden könnten.

Die VC hat nach Angaben ihres Tarifexperten Ingolf Schumacher keine konkrete Geldforderung gestellt: »Wir wollen eine feste Struktur zu zahlreichen Einzelthemen erreichen und darüber mit Ryanair verhandeln.« Als Maßstab zieht die Gewerkschaft Tarifverträge von deutschen Fluggesellschaften wie der TUI fly heran, ohne auf den dort genannten Gehaltsstufen zu beharren. Vorhaltungen des Managements, man verlange Gehaltserhöhungen von mehr als 60 Prozent, wies Schumacher als falsch zurück. Ryanair müsse sich vom bisherigen Umgang mit den Beschäftigten verabschieden, meinte VC-Vize Markus Wahl: »Sie machen jedes Jahr Milliardengewinne, und das Durchschnittsticket kostet um die 40 Euro. Irgendwer muss dafür bezahlen. Das Personal wird es nicht mehr tun.«

Unterstützung für die Streikenden kam am Mittwoch von der Linkspartei. Der Bundestagsabgeordnete ­Alexander Ulrich sagte: »Die Forderungen der Piloten sind absolut legitim. Ryanair kann sich fairen Verhandlungen, Tarifverträgen und transparenten Gehaltsstrukturen nicht länger verschließen.« Inge Höger, die Landessprecherin der NRW-Linken, unterstrich, dass »Scheinselbständigkeit, Leiharbeit, Befristungen, Ausgliederung in unterschiedliche Subunternehmen« bei Ryan­air enden müssten. Im Zweifelsfall solle die Landesregierung erneut über die Vergabe von Start- und Landerechten an die Fluggesellschaft nachdenken. (dpa/jW)

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