Aus: Ausgabe vom 08.08.2018, Seite 8 / Ausland

»Sie wollen nicht nur ›Hummus und Spaß‹«

»Ferien vom Krieg«: Projekt bringt junge Israelis und Palästinenser in BRD zusammen. Gespräch mit Barbara Esser

Interview: Gitta Düperthal
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Für Frieden in Nahost: Nahe Köln wird im Rahmen eines Projekts versucht, junge Israelis und Palästinenser miteinander ins Gespräch zu bringen

Das Komitee für Grundrechte und Demokratie hat knapp 90 junge Menschen aus Israel und Palästina eingeladen, um in zwei Seminaren bei Köln jeweils zwei Wochen lang über ihre Erfahrungen zu diskutieren. In dem Projekt »Ferien vom Krieg« sollen die Geschichten der »anderen« das eigene Weltbild in Frage stellen. Am Donnerstag ging es los. Handelt es sich bei den Beteiligten um bereits kritisch eingestellte Menschen?

Unsere Partner suchen nicht gezielt Friedensaktivisten aus, wenn Sie das meinen. Zu uns kommen ganz normale Leute, darunter Studierende. Wir achten darauf, dass auch Interessierte aus ärmeren Verhältnissen kommen können. Einzige Voraussetzung: Alle sollten zum Gespräch mit der jeweils anderen Seite bereit sein. Wir bestehen nicht darauf, dass es am Ende zu einer Vereinbarung untereinander kommt oder etwa Freundschaften geschlossen werden.

Welche Erwartungen artikulieren die Teilnehmer?

Es wäre falsch zu sagen: Alle wünschen sich Frieden. Viele Israelis hoffen, unter den Palästinensern Freunde zu finden – auch um den Konflikt ein Stück weit ausblenden zu können. Das wollen letztere aber oft nicht. Vielmehr wünschen sie sich vor allem Gerechtigkeit und versuchen, die verzweifelte Lage in der Westbank darstellen. Sie kommen häufig in der Erwartung, es mit Feindbildern zu tun zu bekommen.

Seit 2002 gibt es die Seminare. Hat sich die Stimmung seitdem geändert?

In der Westbank ist eine Zusammenarbeit mit Israelis verpönt. Palästinensische Teilnehmer sagen uns: Man gilt dort als Kollaborateur, wenn sich das Verhältnis zu Israelis »normalisiert« – sei es nur auf der persönlichen Ebene. Erwartet wird von ihnen, Machtverhältnisse seit der Besatzung zu thematisieren. Der Druck hat sich mit der politischen Zuspitzung der vergangenen Jahre verstärkt. Auch für Israelis ist es nicht einfach. Deren Familie und Freunde sind oft skeptisch. Wer an Seminaren dieser Art teilnimmt, dem wird oft Naivität nachgesagt, oder er gilt als Vaterlandsverräter.

Wenn es also Ärger von allen Seiten gibt, wieso beteiligen sich dennoch viele?

Manche freuen sich, nach Deutschland zu kommen. Andere sind interessiert, die andere Seite kennenzulernen. Einige Palästinenser wollen ihren Alltag unter der Besatzung schildern: etwa, dass ihre Familien ihr Land und ihren Besitz verloren haben oder Angehörige lange in Haft waren. Als Kinder haben viele die Gewalt der zweiten Intifada erfahren. Junge Israelis erleben, dass sich der Konflikt aktuell verschärft: Es ist ihnen verboten, in die Westbank zu fahren.

An ein Treffen in ihrer Heimat ist also nicht zu denken?

Seit dem Bau der Sperranlage müssen die Palästinenser eine Erlaubnis beantragen, um nach Israel einzureisen: Gibt es dann einen Anschlag, wird die zurückgenommen, und es klappt doch nicht. Treffen kann man sich nur an wenigen Orten, zum Beispiel in Beit Dschala nahe Jerusalem. Das ist also mit hohem Aufwand verbunden.

Das erste der beiden Seminare ist ein reines Frauenseminar. ­Worum geht es da?

In den Dialoggruppen sprechen die Teilnehmerinnen über weibliche Vorbilder und über die Emanzipation von Männern. Es gibt dabei genauso viele Konflikte wie in gemischten Seminaren. Aber manches ist lockerer, wenn etwa die muslimischen Frauen ihre Kopftücher ausziehen.

Wird Ihnen vorgeworfen, Konflikte zu verharmlosen?

Viele palästinensische Teilnehmer beharren darauf, keinen Kontakt zu den jungen Israelis haben zu wollen. Manche kritisieren uns, weil sie vermuten, dass wir das von ihnen verlangen. Sie sagen, sie wollen nicht nur »Hummus und Spaß«. Andere sind überrascht zu erfahren, dass sich junge Israelis in ihrem eigenen Land für die Rechte von Palästinensern einsetzen – und deshalb gar Anfeindungen hinnehmen. Viele sind in der Lage, das zu reflektieren und anzuerkennen. Eine vorher sehr kritische Palästinenserin etwa hat sich dann doch entschieden, sich zu den Israelis an den Tisch zu setzen. Dazu gehört Mut.

Barbara Esser engagiert sich seit 2009 ehrenamtlich im Projekt »Ferien vom Krieg« und ist seit 2013 dessen hauptamtliche Koordinatorin


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