Aus: Ausgabe vom 25.08.2018, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

Stolz und Demut

Kleine Völker Russlands. Die Komi ringen um die Bewahrung des Reichtums ihrer Sprache und Kultur

Von Alexandre Sladkevich
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Skulptur in Syktywkar, der Hauptstadt der Taiga- und Tundrarepublik Komi. Die Volksgruppe bildet hier nur noch eine Minderheit

Das finnougrische Volk der Komi ist namensgebend für drei Regionen Russlands: für die im äußersten Nordosten des europäischen Teils gelegene Republik Komi, für den Ischemskij Rajon und für den Komi-permjakischen Kreis der südlich angrenzenden Region Perm. Die Komi werden in drei Hauptgruppen unterteilt: die Syrjanen, die Komi-Permjaken und die Ischemzen. Neben den drei Hauptdialekten ihrer Sprache sind bis heute noch etwa zwanzig weitere Mundarten erhalten geblieben. Die im Norden lebenden Syrjanen werden einfach nur Komi genannt. Im eigenen Land mittlerweile eine Minderheit, stellen sie die Titularnation der Republik Komi dar. Eine besondere Volksgruppe der nördlichen Komi sind die Ischemzen, deren Rajon sich innerhalb der Republik befindet. Die Permjaken, die südlichen Komi, stellen auf ihrem Siedlungsgebiet westlich des Uralgebirges die Bevölkerungsmehrheit. Insgesamt ist die Zahl der Komi rückläufig und wird auf noch etwa 340.000 Köpfe geschätzt. Die meisten von ihnen verständigen sich allerdings auf Russisch.

Kudymkar unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht von anderen kleinen Städten Russlands. Sie ist der Sitz der Verwaltung des Kreises der Komi-Permjaken, der 2005 in die Region Perm eingegliedert wurde. Bereits im 15. Jahrhundert gerieten die Permjaken unter russischen Einfluss. Die Mehrzahl der religiösen Komi stellen russisch-orthodoxe Christen. Es gibt auch Altgläubige unter ihnen. Eine Plastik und die Malerei an der Fassade eines Hauses geben einen Hinweis auf die ursprüngliche ethnische Identität. Sie zeigen Kudym-Osch, den mythischen Helden eines Nationalepos. Er soll der Sohn einer Zauberin gewesen sein, gezeugt mit dem Samen eines Bären.

Mit dem Nationalen Komi-Permjakischen Theater verfügt Kudymkar über eine der besten Spielstätten des Landes außerhalb der Metropolen. Hier treffe ich bei einer Besichtigung die Schauspielerin Nina Golewa. Die Mittfünfzigerin erzählt stolz von den vielen Theaterpreisen, die das Ensemble bereits gewonnen hat. Gegründet wurde das Haus 1931. Seitdem werden hier Vorstellungen sowohl auf Russisch als auch auf Komi-Permjakisch aufgeführt. »Mindestens eine Aufführung pro Saison muss auf Komi-Permjakisch sein«, betont Nina. Obwohl das Bewusstsein für die komi-permjakische Identität auf dem Rückzug sei, wachse gerade das Interesse für das nationale Repertoire. »Es kommen nicht nur Komi, sondern auch die Russen, um sich die Aufführungen ohne Übersetzung anzuschauen.« Und stolz fügt sie hinzu: »Wir sehen uns als Träger, Bewahrer und Verbreiter der komi-permjakischen Sprache und Kultur. Das ist unsere Mission.«

Eine waschechte Komi-Permjakin sei sie, betont die Schauspielerin. »Unsere typischen Eigenschaften sind grandioser Fleiß, Geduld und Duldsamkeit.« Das sei nicht immer von Vorteil. Einerseits helfe dies dabei, Not so besser zu ertragen. Andererseits führe das zur Unterwerfung und Unterordnung unter die dominante Kultur, sei mitverantwortlich für das Verschwinden der eigenen Identität. Nina fängt an zu singen. Sie trägt mir ein traditionelles Lied auf Komi-Permjakisch vor. Nach ihrem Vortrag klagt sie: »Man kommt an einen abgelegenen Ort und hört dort die kleinen Kinder nur Russisch sprechen. Wo bleibt da unsere Sprache? Unsere Kultur stirbt aus!« So ergehe es heute wohl allen kleinen Völkern, meint Nina. Zwar gebe es eine nationale Zeitung und eine Organisation der Komi-Permjaken, doch diese könnten nur wenig bewirken.« Zum Bedeutungsverlust der Sprache der Komi trage bei, dass sie hier keinen offiziellen Status besitze.

Über ihre Muttersprache weiß Nina zu berichten: »Sie ist bewundernswert bildhaft, man kann richtig mit ihr spielen.« Und immerhin besitzt sie siebzehn Fälle. Nina ist sehr glücklich darüber, dass ihre beiden Söhne die Sprache beherrschen. Und obwohl man im Alltag überwiegend Russisch spreche, sei das Komi-Permjakische in ihrer Familie die Umgangssprache geblieben. Neben der Arbeit am Theater unterrichtet Nina auch Kinder an der örtlichen Kunstschule. »Sie vermischen die Sprachen. Manchmal bemerke ich dies auch bei mir selbst. Das ist schon traurig.« Ein richtiger Komi-Permjak, meint Nina, sei nur, wer die eigene Sprache beherrsche.

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Eine Fassade in Syktywkar zeigt Szenen des traditionellen Lebens der Komi. Die Rentierhaltung nimmt darin einen zentralen Platz ein

Kulturträger Küche

Zu unserem Gespräch hinzu kommt Ninas Kollegin, die Russin Ljubow Melechina. Die Enddreißigerin ist die Malerin und Bühnenbildnerin des Theaters. Parallel dazu, so erfahre ich, arbeitet sie mit traditionellen komi-permjakischen Motiven. So gestaltete Ljubow für das lokale Teehaus Verpackungen, auf denen das Schmalblättrige Weidenröschen zu sehen ist. Auch Nina kennt sich mit Pflanzen aus. Zwei gelten als Markenzeichen der Region, erfahre ich von ihr. Es sind Pekan (deutsch Giersch) und Pistiki (Acker-Schachtelhalm). »Von alters her wurden diese von den Komi-Permjaken gegessen. Von meiner Großmutter weiß ich, dass Pistiki während der harten Nachkriegszeit wichtig zum Überleben war.«

Nina empfiehlt, unbedingt das Café Nazionalnöj und dort dessen Chefkoch Konstantin Mechonoschin aufzusuchen. Das Café gehört zu einer kleinen Kette von Lokalen in der Stadt. Ljubow ruft dort an und erklärt sich bereit, mich zum Nazionalnöj zu begleiten. Als wir dort ankommen, ist bereits ein Tisch für uns gedeckt. Mors, ein Fruchtsaftgetränk aus Beeren, steht bereit, leckere Suppen aus Pekan und Pistiki, Teigtaschen und Piroggen mit Pistiki, eingelegte Reizker (eine Pilzart) werden aufgetragen. Auf der Karte stehen auch Gerichte aus Bären-, Wildschwein- und Elchfleisch, gelegentlich gibt es Sur, das traditionelle selbstgemachte Bier.

Konstantin, erst 25, nimmt sich einen Augenblick Zeit, um zu erzählen: »Klar wollen wir einheimische Gerichte anbieten. Ich bin ein echter Komi-Permjak und darauf stolz. Die Nationalküche ist ein unverzichtbarer Teil unserer Kultur, zeigt unsere Traditionen und Bräuche.« Sein Kochteam habe bereits an mehreren internationalen Wettbewerben teilgenommen. »Dank Pistiki und Pekan gewannen wir etliche Preise. Sie sind ein echtes Markenzeichen.« Konstantin berichtet auch vom Projekt »Schyschybar« – benannt nach den Fruchtständen der Großen Klette, eines Wildgemüses –, an dem sich verschiedene Restaurants aus der Region Perm beteiligten. Dabei wurden Gerichte der Nationalküche zu Street Food – kleinen Mahlzeiten – abgewandelt. »Wir präsentierten Sandwiches mit Elchfleisch und Steinpilzen, Waldschnepfenbällchen und Wildschweinwürstchen. Das erregte großes Aufsehen!« Konstantin zeigt uns ein Kochbuch. Dessen zweisprachiger Titel lautet übersetzt: »Die Küche unserer Ahnen«. Ein Wort besitzt den Buchstaben »ö«, der ja auch im Namen des Cafés auftaucht. Auf dem Rückumschlag sind Konstantin und sein Team abgebildet, geschmückt mit Medaillen.

Sprache als Schlüssel

Ö ist der achtzehnte Buchstabe des Komi-Alphabets aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Eine Plastik dieses Buchstabens findet sich in Syktywkar vor dem Komi-Kulturzentrum. Syktywkar ist die Hauptstadt der Taiga- und Tundrarepublik Komi. Im späten Mittelalter begann die Besiedelung dieses Gebietes durch Russen. Im 14. Jahrhundert erfolgte unter dem Heiligen Stefan von Perm die christliche Missionierung der hier ursprünglich ansässigen Syrjanen, der nördlichen Komi. Die fortschreitende Assimilierung, Mischehen, bei denen die Kinder meist russischsprachig aufwachsen, die ehemals hierher Verbannten und deren Nachfahren haben in den vergangenen Jahrzehnten den Anteil der ethnischen Komi-Syrjanen an der Bevölkerung immer weiter schrumpfen lassen. Doch neben Russisch gilt Komi-Syrjänisch in der Republik weiterhin als offizielle Amtssprache.

Als ich mich im Zentrum für Komi-Kultur vorstelle, führt man mich ohne Umstände zu Olga Iwanowa-Awerina, der 27jährigen Leiterin. Sie sei in einem authentischen Komi-Dorf geboren, erfahre ich. Mütterlicherseits gehöre sie zu den Werchnewytschegodsy, einer Untergruppe der Komi-Syrjanen. Olga berichtet: »Komi wird an den Schulen unterrichtet, und in unserer Stadt gibt es komisprachige Kindergärten. Es gibt eine Kindersendung in der Nationalsprache im Fernsehen, einen Komi-Radiosender und ein Jugendmagazin.« Ihre Organisation beschäftige sich vor allem mit der Popularisierung der Sprache. »Wir organisieren Projekte für Kinder und Jugendliche und Veranstaltungen zu den Volksfesten Masleniza, Mariä Schutz und Fürbitte, Elija-Tag und Swjatki.« Es sind die christlichen Feiertage. Auch Olga ist russisch-orthodox.

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Von diesem Haus in Kudymkar blickt Kudym-Osch. Der mythische Held soll der Sohn einer Zauberin gewesen sein, in seinen Adern floss Bärenblut

Dann kommt Olga auf die berühmte Bescheidenheit der Komi zu sprechen. Kämen Jugendliche aus dem Dorf in die Stadt, trauten sie sich nicht, weiter ihre Sprache zu sprechen, und wechselten sogleich zu Russisch. »Wir wollen sie dazu motivieren, weiter Komi zu sein. Eine eigene Sprache und Kultur zu besitzen ist ein Reichtum. Dieses Bewusstsein wollen wir ihnen mit auf den Weg geben.« Das bekannteste Projekt des Zentrums sei das Musikfestival Kojtasch. »Jugendliche aus der Provinz bekommen einen Ort, um sich selbst zu verwirklichen.« Es geht allerdings nicht um Volksmusik, sondern um Rock, Pop, Ethnofolk und Jazz. »So lernen sie, dass es cool ist, eine eigene Sprache zu beherrschen und in dieser zu singen.« Auch ihrem russischsprachigen Ehemann versucht Muttersprachlerin Olga nach und nach Komi beizubringen. »Es ist schön, dass er mir bereits morgens eine Liebeserklärung auf Komi liefert«, lacht sie. Das Komi der Syrjanen kennt nur sechzehn Fälle, jeweils mit einer Nebenform.

Obdach in Syktywkar geben mir die komi-syrjanischen Couchsurferinnen Walentina Cholopowa und Anastasija Maschkaljowa, beide 26. Walentina, die als Buchhalterin tätig ist, bestätigt, dass sich viele Jugendliche für ihre Muttersprache schämten: »Die Russen lachen diejenigen aus, die Komi sprechen. Sie nennen sie Komjaki.« Das klingt wie Chomjaki – Hamster. »Da zögert man, seine Muttersprache zu benutzen. Das ist schon so etwas wie Unterdrückung.« Einmal kam Walentinas Mutter aus der Provinz nach Syktywkar, erzählt sie. Im Taxi unterhielten die beiden sich auf Komi. Der Taxifahrer, selbst ein Komi, war sehr überrascht, dass die junge Walentina nicht verlegen war, die eigene Sprache zu benutzen. Das sei eher untypisch. »Wenn ich im Bus telefoniere«, fährt sie fort, spreche ich Komi. »Ich rechne damit, dass mich dann alle anstarren.« Es sei wichtig, dass die Sprache an den Schulen gelehrt werde, hebt Walentina hervor. »Damit sie und damit unsere Kultur nicht ausstirbt.«

Auch Anastasija sorgt sich um diese Entwicklung. Die junge Journalistin ist stolz darauf, eine Komi zu sein: »Außerhalb der Republik komme ich mir zwar wie ein Alien vor. Doch eine nationale Sprache und eine eigene Republik zu besitzen macht meine Welt reicher und interessanter.« Sie berichtet mir von ihrer Zeit mit einem Jugendprojekt in Sibirien. »Ich schwärmte dort von unserem Land und brachte anderen einzelne Wörter auf Komi bei. Natürlich habe ich auch von unserer schönen Natur, besonders unseren Wäldern, erzählt. Ich habe meinen Teil getan«, lacht sie. Die Urwälder in der Republik Komi bilden das größte zusammenhängende Urwaldgebiet Europas. Seit 1995 zählen sie zum UNESCO-Weltnaturerbe. Anastasija bedauert, dass man hier in der Hauptstadt Syktywkar auf der Straße fast nichts von der Nationalität der Republik hört oder sieht. Mir fallen die zweisprachigen Schilder auf, eine Handvoll an Nationalplastiken und Wandmalereien, die auch Rentiere zeigen. Vereinzelt ist auch die Nationalküche anzutreffen. Dazu zählen Elchfleisch, Kartupelja tschak, d. h. eingelegte Wimpernmilchlinge (Pilze) mit Kartoffeln und Zwiebeln, und Komi-Schanga, ein traditionelles rundes Gebäck mit Kartoffeln oder Preiselbeeren.

Weit verstreut

Das Dorf Ischma würde wie viele andere Dörfer Russlands wirken, wären da nicht die zweisprachigen Straßenschilder. Es ist Verwaltungszentrum im Ischemskij Rajon und liegt noch etwa 400 Kilometer weiter nördlich als Syktywkar. Die Flagge des Rajons ziert das Rentier, welches den hier lebenden Ischemzen Fleisch und Fell für ihre Kleidung und Jurten – die Tschums – liefert, das ihnen als Last- und Zugtier dient. Aus dem Geweih gewinnen sie sogar Medizin. Im 17. Jahrhundert übernahmen die Komi von den samojedischen Nenzen die Rentierhaltung, dazugehörige Begriffe fanden Eingang in ihre Sprache. Die Gruppe der Komi-Ischemzen entwickelte sich aus der Vermischung von Komi, Nenzen und Ostslawen. Ihr Anteil an den Einwohnern des Ischemski Rajons liegt heute bei etwa 80 Prozent.

Komi findet man auch in anderen Teilen des Riesenlandes. In Narjan-Mar, der Hauptstadt des nordwestrussischen Autonomen Kreises der Nenzen, wohnt Nina Dreswjankina (57). Die Musiklehrerin unterrichtet dort das Liedgut der Komi und der Nenzen. Mit einem entsprechenden Repertoire tritt sie auch mit dem Ensemble Sewerjana auf. Auch hier wird ein Stück traditioneller Kultur bewahrt. In der Oblast Murmansk an der Barentssee traf ich auf den Rentner Nikolai Filipow. Mit seiner saamischen Frau Marija lebte der Komi eine Zeit lang sogar auf einer einsamen Insel. Die beiden wohnten in einem Tschum und hielten natürlich Rentiere. »Das können wir am besten, so haben wir immer gelebt«, sagte er dazu nur.

Die Ausstellung »Antifaschistische Denkmale in Osteuropa« mit Fotografien von Gabriele Senft, Ernest Kaltenegger, Benjamin Renter, Dagmar Rubisch, Alexandre Sladkevich, Andrea Kähler und Jens Schulze wird am Dienstag, dem 11. September, um 19 Uhr in der jW-Ladengalerie

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