Aus: Ausgabe vom 07.08.2018, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft

Schaffner im Streik

Großbritannien: Bahnbetreiber wollen Zugbegleiter abschaffen. Gewerkschaft sieht Sicherheit der Fahrgäste gefährdet

Von Christian Bunke, Manchester
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Kämpfen um ihre Existenz und gegen das Privatisierungschaos: die britischen Schaffner (Streikkundgebung am 28. Juli vor dem Fernbahnhof St Pancras in London)

Der bevorstehende »Brexit« hält die in Großbritannien regierenden Konservativen ganz schön auf Trab. Doch zwischen all den gegenseitigen Attacken, Putschversuchen und verbalen Sticheleien finden die Tories immer noch genügend Zeit, um sich mit ihrem Lieblingsgegner, nämlich der britischen Gewerkschaftsbewegung, auseinanderzusetzen. Diesen kleinsten gemeinsamen Nenner kriegt die Partei gerade noch so hin.

Waren in den 1980er Jahren die Bergleute noch der Hauptfeind, sind es heute die in der Transportarbeitergewerkschaft National Union of Rail, Maritime and Transport Workers (RMT) organisierten Eisenbahner und die Beschäftigten der Londoner U-Bahn. Kaum eine andere Gewerkschaft Großbritanniens legt eine derartige Streikbereitschaft an den Tag, um die Interessen ihrer Mitglieder und im erweiterten Sinne auch die Interessen der Bevölkerungsmehrheit zu verteidigen.

Unter anderem tobt derzeit ein Arbeitskampf bei den Linien der »South West Railway« (SWR). Dabei handelt es sich um jene Routen, welche die Hauptstadt London mit dem Südwesten der Insel verbinden. Bis Ende August sind hier eine Reihe von Streikterminen angesetzt, es sei denn, es kommt in der Zwischenzeit zu einer Einigung bei der Schlichtungsstelle »Advisory, Conciliation and Arbitration Service« (ACAS).

Konkret geht es in dem Konflikt um die Frage der »Driver Only Operated Trains« (DOO). Hinter dieser Bezeichnung verbirgt sich das Vorhaben der britischen Bahnbetreibergesellschaften, das Zugbegleiterpersonal ersatzlos abzuschaffen. Die RMT kritisiert das als einen von Profitstreben geleiteten Anschlag auf die Sicherheit der Fahrgäste. Denn Zugbegleiter haben eine Ausbildung in Erster Hilfe, sind im Umgang mit Rollstuhlfahrern geschult und können Züge im Notfall so sicher wie möglich evakuieren. Sie sind außerdem zunehmend die einzigen Bahnmitarbeiter, welche die Fahrgäste noch zu Gesicht bekommen. Allein auf den Linien der SWR gibt es laut Angaben der Transportarbeitergewerkschaft auf 70 Prozent aller Bahnhöfe kein Personal mehr. Die allermeisten Kartenschalter wurden in den vergangenen Jahren geschlossen.

Seit dem 27. Juli rollt nun schon die Streikwelle im Südwesten des Landes und RMT-Aktivisten haben während dieser Zeit bereits zahlreiche sicherheitsrelevante Vorfälle gesammelt und an die Aufsichtsbehörden weitergegeben. So sollen Schienenfahrzeuge, die trotz streikender Zugbegleiter auf die Reise geschickt wurden, trotz roter Haltesignale vom Bahnsteig abgefahren sein. Beobachtet wurde außerdem, dass bei einer Reihe von Zügen die Türverriegelungen geöffnet wurden, obwohl der Zug noch nicht am Bahnsteig angekommen war. Es liegen außerdem Berichte von Menschen mit Behinderungen vor, die während der Ausstände nicht in ihren Zug einsteigen konnten, weil kein Fachpersonal anwesend war, um ihnen zu helfen. Für die Gewerkschaft ist das ein Vorgeschmack von dem, was eine Einführung der DOO-Züge bedeuten würde.

SWR befindet sich zu 70 Prozent im Eigentum des schottischen multinationalen Transportunternehmens »First«. Weitere 30 Prozent gehören »Mass Transit Railway« (MTR). MTR ist ein international tätiger Eisenbahnkonzern, der außerdem in Immobilien investiert und zu den größten Grundbesitzern in Hong Kong gehört. Eigentümer von MTR ist wiederum der chinesische Staat.

Das ist ein inzwischen weitverbreitetes Phänomen im seit 1994 privatisierten britischen Eisenbahnwesen. Viele Betreibergesellschaften gehören ausländischen Staatsunternehmen. Ein weiteres Beispiel ist der Arriva-Konzern, welcher die Linien der »Northern Rail« betreibt. Diese verbinden sowohl die Großstädte Liverpool, Manchester und Leeds als auch Nordengland mit Schottland. Bei Arriva handelt es sich um ein Tochterunternehmen der Deutschen Bahn AG.

Wenn Verspätungen und Zugausfälle zu den »Tugenden« der Deutschen Bahn gehören, hat sie sich reichlich bemüht, diese nach Großbritannien zu exportieren. Allein am 30. Juli fielen im Großraum Manchester bis zehn Uhr vormittags 53 Züge aus. Im Mai wurden im ganzen von »Northern Rail« betriebenen Gebiet zeitweise 75 Prozent aller Verbindungen gestrichen. Die Lage ist so ernst, dass inzwischen selbst das von in Nordengland aktiven Großunternehmen dominierte »Northern Powerhouse« von einer Katastrophe spricht, welche der örtlichen Wirtschaft seit Mai 37 Millionen Pfund (41,5 Millionen Euro) Verluste beschert habe. Der Bürgermeister des Großraums Manchester, Andrew Burnham (Labour), fordert inzwischen die Verstaatlichung von »Northern Rail«. Diese Forderung wird auch von Labour-Parteichef Jeremy Corbyn und der RMT geteilt.

Die konservative Regierung sieht das anders. Sie greift den maroden Betreibergesellschaften mit Finanzmitteln unter die Arme. So ist seit dem 27. Juli aufgrund einer parlamentarischen Anfrage bekannt, dass die Regierung etwa SWR bei durch Streiks verursachten Zugausfällen mit Ausgleichszahlungen unterstützt. Die RMT kritisierte das in einer Stellungnahme scharf: »So gibt es aus Sicht des Unternehmens keinen Anlass, mit uns zu verhandeln«, sagte RMT-Generalsekretär Michael Cash.

Glaubt man der konservativen Tageszeitung Daily Mail vom 31. Juli, wollen die Tories aber noch einen Schritt weiter gehen. Das Blatt zitierte eine anonyme Quelle aus dem Finanzministerium, wonach an einem Gesetz gearbeitet werde, welches während Arbeitsniederlegungen eine Mindestzahl von fahrenden Zügen garantieren soll. Das käme einer Einschränkung des Streikrechts gleich. Die Tories wissen eben, wo ihr Feind steht.

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