Aus: Ausgabe vom 07.08.2018, Seite 4 / Inland

Kritiker sollen draußen bleiben

Zeremonie in Berlin: Bundesregierung lädt unerwünschte Herero und Nama nicht ein

Von Milan Nowak
Herero_und_Name_stre_58225456.jpg
In New York vor Gericht gegen die BRD gezogen und deshalb von Zeremonie in Berlin ausgeschlossen: Vertreter der Herero und Nama, angeführt von Herero-Chef Vekuii Rukoro (Mitte, rote Uniformjacke)

Am 29. August soll im Französischen Dom in Berlin eine große Zeremonie stattfinden. Die Bundesregierung hat Vertreter der Völker der Herero und Nama eingeladen. Es sollen Schädel von Stammesangehörigen übergeben werden, welche von deutschen Kolonialisten ermordet worden waren. Allerdings: Vekuii Rukoro, seit 2014 Paramount Chief (Oberhäuptling) der Herero, beklagt, keine Einladung erhalten zu haben. Er sei ausgeschlossen worden, »weil ich mit meinem Namen vor Gericht gezogen bin«, sagte er Ende Juli gegenüber dpa. Auch andere, regierungsunabhängige Vertreter der Herero und Nama – wie etwa die Vorsitzende des Nama Genocide Technical Committees, Ida Hoffmann – sollen nicht erwünscht sein.

Rukoro ist einer von drei Klägern vor dem US-Bundesbezirksgericht des Southern District of New York gegen die Bundesrepublik Deutschland. In ihrer Sammelklage fordern sie Reparationen für den Genozid an Herero und Nama durch deutsche Kolonialherren zwischen 1904 und 1908 im damaligen »Deutsch-Südwestafrika«, heute Namibia. Die Bundesregierung habe sie von Diskussionen über die Angelegenheit ausgeschlossen und es explizit abgelehnt, den Genozid zuzugeben. Die BRD verstoße mit ihrem Handeln gegen die UN-Deklaration für Rechte indigener Völker, die verbürgt, dass deren Vertreter direkt an sie betreffenden Diskussionen und Verhandlungen teilnehmen können.

Am 26. Juli dieses Jahres fand vor Gericht die erste Diskussion zwischen Klägern und Verteidigern statt, wie der TV-Sender Al-Dschasira berichtete. Kernfrage war, ob das US-Bundesgericht für diesen Fall überhaupt die Gerichtsbarkeit habe. Kenneth McCallion, Anwalt der Kläger, wies auf deutsche Eigentümer von Immobilien in New York hin, welche mit dem aus Sklavenarbeit und Enteignung erwirtschafteten Wohlstand finanziert worden waren. Ferner lasse sich mit Blick auf die Überreste eines Genozidopfers im American Museum of Natural History eine Verbindung zwischen dem Völkermord und US-amerikanischen Wirtschaftsinteressen herstellen. Jeffrey Harris, der als Verteidiger die BRD vor Gericht vertritt, beharrte auf der – so meinte er – nicht gegebenen Zuständigkeit des US-Gerichts für den Fall und bezeichnete die Überreste als nicht ausreichend. Diese seien nur eine private Spende des deutschen Anthropologen Felix von Luschan, ein wirtschaftlicher Austausch sei mit ihnen nicht verbunden gewesen. Die Richterin Laura Taylor Swain vertagte schließlich den Fall und kündigte eine Entscheidung über ihre Zuständigkeit in den kommenden Wochen an.

Während die BRD seit 1990 wirtschaftliche Beziehungen mit Namibia pflegt und u. a. laut der namibischen Tageszeitung New Era erst am zurückliegenden 1. August ein Abkommen über zwei Milliarden Euro mit der namibischen Regierung abschloss, macht sie gegenüber den Herero und Nama groteske Trippelschritte: 1998 hatte Bundespräsident Roman Herzog (CDU) dem Herero-Häuptling Munjuku Nguvauva sein »Bedauern« ausgedrückt, aber ohne sich zu entschuldigen. 2004 bat SPD-Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul dann »im Sinne des gemeinsamen ›Vaterunsers‹ um Vergebung«, jedoch ohne Entschädigungen in Aussicht zu stellen. Und erst im Oktober 2011 waren die ersten Schädel nach Namibia zurückgebracht worden. Dass rassistische Experimente mit diesen Schädeln geschahen und die »Braunhemden« der Kolonialtruppen in der späteren SA wiederverwendet wurden, gilt allgemein als Indiz für die kolonialistischen Wurzeln des Nazi­faschismus.

Die Vertreter der Herero und Nama, welche nicht von der Bundesregierung zur Zeremonie eingeladen wurden, versuchen nun, eine alternative, private Finanzierung für ihre Reise nach Berlin möglich zu machen. »Wieder einmal hat die deutsche Regierung für das unabhängige Namibia entschieden, wie es seine Angelegenheiten regeln soll«, sagte Paul Thomas, Sekretär des Nama Genocide Technical Committee, gegenüber junge Welt. »In Berlin werden die Gelder deutscher Steuerzahler verwendet, um das namibische Volk wie schon zu Kolonialzeiten zu unterdrücken.«

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Inland