Aus: Ausgabe vom 04.08.2018, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Wirklicher Reichtum

Die bürgerliche politische Ökonomie war und ist eine Theorie der Bereicherung im Kapitalismus. Karl Marx setzte ihrem zentralen Begriff seinen eigenen entgegen

Von Karl Marx
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»Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ›ungeheure Warensammlung‹, die einzelne Ware als seine Elementarform.« Foto: Sao Paulo, Brasilien, 23. Nvember 2017: Käuferwettbewerb um Fernsehgeräte am »Black Friday«

In der Tat aber, wenn die enge bürgerliche Form abgestreift wird, was ist der Reichtum anders, als die im universellen Austausch erzeugte Universalität der Bedürfnisse, Fähigkeiten, Genüsse, Produktivkräfte etc. der Individuen?

Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. Hier zitiert nach: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke ( MEW), Band 42. Dietz Verlag, Berlin 1983, Seiten 395–396

Je mehr die selbst geschichtlich – durch die Produktion selbst erzeugten Bedürfnisse, die gesellschaftlichen Bedürfnisse – als notwendig gesetzt sind, umso höher ist der wirkliche Reichtum entwickelt. Der Reichtum besteht stofflich betrachtet nur in der Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse. Das Handwerk selbst erscheint nicht notwendig neben der sich selbst erhaltenden Landwirtschaft, die das Spinnen, Weben etc. als häusliches Nebengeschäft betreibt. Beruht aber die Agrikultur selbst auf wissenschaftlichem Betrieb – braucht sie Maschinen, chemische, durch den Handel hergebrachte Düngungsmittel, Samen aus fernen Ländern etc. und ist dabei – was schon in der Voraussetzung liegt – die ländlich patriarchalische Manufaktur verschwunden, so erscheint Maschinenfabrik, auswärtiger Handel, Handwerk etc. als Bedürfnis für die Agrikultur.

MEW, Band 42, Seite 433

Während das Kapital also einerseits dahin streben muss, jede örtliche Schranke des Verkehrs (…) niederzureißen, die ganze Erde als seinen Markt zu erobern, strebt es andererseits danach, den Raum zu vernichten durch die Zeit; d. h. die Zeit, die die Bewegung von einem Ort zum anderen kostet, auf ein Minimum zu reduzieren. (…)

Die universelle Tendenz des Kapitals erscheint hier, die es von allen früheren Produktionsweisen unterscheidet. Obgleich seiner Natur nach selbst borniert, strebt es nach universeller Entwicklung der Produktivkräfte und wird so die Voraussetzung einer neuen Produktionsweise, die gegründet ist nicht auf die Entwicklung der Produktivkräfte, um einen bestimmten Zustand zu reproduzieren und höchstens auszuweiten, sondern wo die – frei, ungehemmte, progressive und universelle Entwicklung der Produktivkräfte selbst die Voraussetzung der Gesellschaft und daher ihrer Reproduktion bildet; wo die einzige Voraussetzung das Hinausgehn über den Ausgangspunkt. (…)

Alle bisherigen Gesellschaftsformen gingen unter an der Entwicklung des Reichtums – oder, was dasselbe ist, der gesellschaftlichen Produktivkräfte. Bei den Alten, die das Bewusstsein hatten, wird der Reichtum daher direkt als Auflösung des Gemeinwesens denunziert.

MEW, Band 42, Seiten 445–446

Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine »ungeheure Warensammlung« (Zitat aus Karl Marx: Zur Kritik der Politischen Ökonomie, Berlin 1859, jW) , die einzelne Ware als seine Elementarform.

Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Hamburg 1867. Hier zitiert nach: MEW, Band 23, Seite 49 (erster Satz des »Kapital«)

Der wirkliche Reichtum der Gesellschaft und die Möglichkeit beständiger Erweiterung ihres Reproduktionsprozesses hängt also nicht ab von der Länge der Mehrarbeit, sondern von ihrer Produktivität und von den mehr oder minder reichhaltigen Produktionsbedingungen, worin sie sich vollzieht. Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. Wie der Wilde mit der Natur ringen muss, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so muss es der Zivilisierte, und er muss es in allen Gesellschaftsformen und unter allen möglichen Produktionsweisen. Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse; aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehn, dass der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn. Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn kann. Die Verkürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung.

Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Dritter Band, erster Teil. Herausgegeben von Friedrich Engels. Hamburg 1894. Hier zitiert nach MEW, Band 25, Seite 828

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