Aus: Ausgabe vom 03.08.2018, Seite 8 / Inland

»Nur über Klimagerechtigkeit zu reden reicht nicht«

Widerstand im Leipziger Land: Aktionen zivilen Ungehorsams gegen die Kohlenutzung. Ein Gespräch mit Mira Jäger

Interview: Gitta Düperthal
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Klimacamp in Sachsen: Transparent bei Pödelwitz (Juli 2018)

Seit dem vergangenen Wochenende läuft das Klimacamp »Leipziger Land«. Mehr als 600 Aktivisten haben sich dort in der wachstumskritischen »Degrowth-Sommerschule« zusammengefunden. An diesem Wochenende ist zudem eine Sitzblockade unter dem Motto »Kohle ersetzen« geplant, erwartet werden bis zu 1.000 Teilnehmende. Sie schlagen ihre Zelte in Pödelwitz auf – dem Dorf, das dem Tagebau weichen soll. Wie ist die Situation dort?

Von den einst mehr als 100 Einwohnern sind noch 27 verblieben. Sie haben die Bürgerinitiative »Pro Pödelwitz« gegründet und wehren sich gegen eine Umsiedlung. Dorfzerstörung, Enteignungen, Häuserankäufe – so kann es nicht weitergehen. Die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft Mibrag hat einen Großteil der Häuser aufgekauft, obwohl es keine Genehmigung gibt, das Dorf abzubaggern. Der Konzern will Fakten schaffen, bevor es eine rechtliche Grundlage dafür gibt. Wir sagen: Kein Ort darf für die Nutzung einer rückständigen Technologie zur Energiegewinnung abgebaggert werden. Für den Profit von Energiekonzernen werden Lebensgrundlagen zerstört, das Klima belastet und Menschen vertrieben. Gerade jetzt, wo die Kohlekommission der Bundesregierung zu Fragen des Strukturwandels, des Klimaschutzes und der Energiewirtschaft der deutschen Kohlereviere tagt, ist unser Protest ein Signal: Wir fordern den sofortigen Ausstieg.

Wie wird auf Ihren Widerstand reagiert?

Die Polizei ist präsent. Die Mibrag versucht, uns zu spalten, indem sie gegenüber der Presse die Protestierenden aufteilt in vermeintlich Brave und angebliche Krawallmacher. Wir setzen unseren bunten, vielfältigen Widerstand dagegen und zeigen, dass wir das Unrecht nicht hinnehmen. Weil der Tagebau bis dicht an Pödelwitz heranreicht, hatte der Konzern 2009 versprochen, Bäume anzupflanzen, um die Einwohner vor Lärm und Staub zu schützen. Davon ist keine Rede mehr. Statt dessen hat die Mibrag den Wert der Häuser der Dorfbewohner geschätzt und Entschädigungssummen geboten. An die Beschlüsse, einen Schutzraum einzurichten, hat sich das Unternehmen nicht gehalten.

Geht es vor allem um den Kohleausstieg in Sachsen?

Neben den Kohletagebauen in der Lausitz und im Rheinland gibt es den Tagebau Schleenhain im »Mitteldeutschen Revier«, der bislang kaum Thema war. Wenn dort nach bisherigen Planungen noch bis 2040 weiter abgebaut werden sollte, wäre das eine Katastrophe, nicht nur für Pödelwitz. Hierzulande haben viele die Tragweite der globalen Krisen noch nicht begriffen, die aus dem absurden Wachstumszwang der reichen Industrieländer resultieren. Heiße Sommer werden häufiger, Menschen im globalen Süden leiden unter der hiesigen ausbeuterischen Lebensweise. Nur über Klimagerechtigkeit zu reden reicht nicht.

Sie entwickeln auch Zukunftsvisionen?

Wir diskutieren im Camp, wie wir zukünftig das Leben gestalten wollen, damit es für alle lebenswerter wird. Aktivisten aus der Bundesrepublik und anderen europäischen Ländern diskutieren mit, viele verschiedene Sprachen sind zu hören. In den Workshops der »Degrowth-Sommerschule« geht es darum, sozialpolitische und Umweltbewegungen zusammenzuschließen, um miteinander solidarisch für eine bessere Welt kämpfen zu können. Aktivisten, die sich bereits gegen Fracking, Öl- und Gasbohrungen wehren, sind da, sowie Menschen, die sich in ihrem Alltag durch die Klimakatastrophe bedroht fühlen und darüber berichten. In Polen, Tschechien, den Niederlanden, der Schweiz und Österreich gibt es Klimacamps. Der weltweite Druck, den Kohleausstieg umzusetzen, wird stärker.

Bis Sonntag soll es Aktionen zivilen Ungehorsams geben. Was ist geplant?

Erfahrene Aktivistinnen und Aktivisten und neu Hinzugekommene werden mit einer Sitzblockade gegen die Kohle­industrie protestieren. Nach unseren Aktionstrainings in Gruppen beginnen wir ab Freitag abend zu blockieren. Wir werden das so organisieren, dass möglichst viele sich beteiligen.

Mira Jäger ist Pressesprecherin der Aktion »Kohle ersetzen«

klimacamp-leipzigerland.de

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