Aus: Ausgabe vom 02.08.2018, Seite 10 / Feuilleton

Kasse machen ohne Kasse

Von Thomas Wagner

Wer kennt das nicht? Man will am Samstag nachmittag noch schnell eine Kleinigkeit in einem Großmarkt einkaufen und steht am Ende mit anderen gestressten Kunden ewig lang in einer Warteschlange an der Kasse. Ein Bezahlsystem, das im stationären Handel ohne eine solche Kasse auskäme, wäre eine für die Konsumenten attraktive Innovation. Nun soll der Traum aller Shopping-Fans wahr werden. Allerdings zunächst nur zur Probe und zunächst nur in einer Filiale der Elektronikmarktkette Saturn in Österreich. Der Laden in einem Innsbrucker Einkaufszentrum ist der erste in Europa, der vollständig auf das herkömmliche Bezahlen an einer Kasse verzichtet. Für die Kunden hat die Sache allerdings gleich mehrere Haken. Sie müssen einige Voraussetzungen erfüllen und einmal mehr bereit sein, ihre Daten auslesen zu lassen, um das verlockend erscheinende Angebot nutzen zu können.

Zunächst einige Worte zu der von Saturn verwendeten Technik. Die Einzelhandelskette greift auf die sogenannte RFID (Radio-Frequency Identity) zurück, die über elektromagnetische Wellen Sender und ­Empfänger verbindet. »Die Empfänger«, erläuterte die Süddeutsche ­Zeitung im März dieses Jahres, »sind meist passiv, das heißt, sie enthalten keine eigene Energieversorgung. Sie erhalten ihre Energie vielmehr vom Sender. Durch dessen elektromagnetische Wellen erwachen sie zum Leben und tun das einzige, das sie können: eine Identifikationsnummer versenden.« Das funktioniert bei den bislang verwendeten Antennen allerdings nur auf sehr geringe Distanz. Sender und Empfänger dürfen nicht mehr als ein paar Zentimeter voneinander entfernt sein.

Wollen die Kunden den Elektromarkt verlassen, müssen sie am Ausgang eine Schleuse passieren, in der ein Sender angebracht ist. Wenn das Kontrollsystem eine Ware entdeckt, deren Identifikationsnummer noch nicht als »bezahlt« markiert ist, löst es den Alarm aus. Wer kein Smartphone und weder Kreditkarte noch Paypal-Konto besitzt, kann in der genannten Filiale nicht einkaufen. Denn dazu müssen die Kunden mit einer von Saturn bereitgestellten App für ihr Telefon einen Strichcode einscannen: Das Geld wird dann auf dem genannten Weg abgebucht.

Da das bargeldlos geschieht, so die Süddeutsche Zeitung, erfahre der Händler genau, was jeder einzelne Kunde einkauft. Der stationäre Handel sei schon seit längerem auf der Suche nach Technologien, die ihm ermöglichen, Kundendaten auf ähnliche Weise zu erfassen, wie es Onlinehändler dank der digitalen Technik bereits tun. Nicht um den Komfort des Kunden geht es also, sondern darum, weitere Datenquellen zu erschließen, mit denen Rückschlüsse auf die Vorlieben der Konsumenten gezogen und immer genauere Prognosen über ihr künftiges Kaufverhalten angestellt werden können.

»Dass die Kunden sich womöglich das nervige Warten an der Kasse ersparen, ist dabei nur ein – wenn auch willkommener – Nebeneffekt«, so die Süddeutsche. Die Kundendaten können aber auch auf andere Weise erfasst werden. Das Blatt nennt zwei Beispiele. In China gebe es Supermärkte, die das Gesicht ihrer Kunden scannen, wenn sie den Laden betreten, und es digital mit ihren Bankdaten verknüpfen. In Seattle (USA) wiederum betreibe der Onlineversandhändler Amazon ein stationäres Geschäft, in dem mit Hilfe von Kameras und Algorithmen genau dokumentiert wird, welcher Kunde was einkauft.

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