Aus: Ausgabe vom 02.08.2018, Seite 10 / Feuilleton

Als nein noch nicht nein hieß

Bettina Wilperts Debütroman »Nichts, was uns passiert« erzählt von einer Vergewaltigung und den Folgen

Von Katharina Bendixen
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Der Roman endet so nüchtern, wie er begonnen hat: mit den Briefen der Staatsanwaltschaft, die darüber informiert, dass das Verfahren eingestellt wird

Die Realität existiert nicht. Sie ist ein Produkt unserer Wahrnehmung, und aus dieser unterschiedlichen Wahrnehmung können sich Fehden, Dramen, Kriege entwickeln. In Bettina Wilperts eindringlichem Debütroman »nichts, was uns passiert« sind es nur wenige Minuten, in denen die Wahrnehmung zweier Romanfiguren auseinanderklafft, noch dazu sind beide Figuren extrem betrunken. Anna und Jonas, lose miteinander befreundet und schon einmal intim gewesen, landen nach einer langen Partynacht zum zweiten Mal im Bett. Jonas meint, dass er einfach mit Anna geschlafen hat: »Es war schlechter als das letzte Mal, vielleicht weil beide noch betrunkener waren.« Anna meint, dass Jonas sie zum Sex gezwungen hat. Vergewaltigt – auch wenn Anna mehrere Wochen braucht, um dieses Wort überhaupt denken zu können.

Bettina Wilpert erzählt die Geschichte von Anna und Jonas in einem quasidokumentarischen Stil. Ein namenloses Ich hat die beiden im nachhinein befragt und mit Freunden, Mitbewohnern, den Familien gesprochen. Nun gibt es die Ereignisse der letzten Monate wieder, sachlich, unbeteiligt, in kurzen Abschnitten, beginnend beim Kennenlernen der beiden. Schon davon berichten Anna und Jonas auf unterschiedliche Weise: Sie erinnert sich an ein Mensaessen mit einem gemeinsamen Freund; seine Erinnerung setzt einen Monat später ein, ein paar Tage vor jenem Treffen, bei dem sie erst über ukrainische Literatur reden, dann ukrainischen Wodka trinken und schließlich zum ersten Mal im Bett landen. Da ist der Sex noch einvernehmlich, wenn auch nicht besonders schön. Beide nutzen den anderen für ihre eigenen Zwecke: »Dass sie sich freute, mal wieder Sex gehabt zu haben – sie brauchte das, für ihr Ego. Das letzte Mal lag etwa drei Monate zurück, drei Monate waren ihre Grenze. (…) Jonas hatte nicht weiter über Anna nachgedacht, er war nicht verliebt. Er sah sie als eine Ablenkung, um über seine Exfreundin hinwegzukommen.« Der Unbeschwertheit der beiden versetzt diese Nacht einen kleinen Dämpfer, auf der Party eines gemeinsamen Freundes kommen sie sich aber doch wieder näher. Sie trinken, sie reißen Deutschlandfahnen von den Autos, sie trinken noch mehr. Annas Erinnerung wird bruchstückhaft, eines aber weiß sie genau: Wie sie wieder in Jonas’ Bett liegt, wie er ihr die Hose herunterzieht, wie er ihre Handgelenke festhält.

Es sind zwei linke Akademiker, und dieses Milieu mit seinen vielen Zigaretten und den Diskussionen des Hausplenums, mit seinen Mitarbeiterstellen an Universitäten und seinen Nebenjobs in Kneipen wirkt ein wenig langweilig, weil es aus Debütromanen allzu bekannt ist. Andererseits erlaubt es den Figuren – vor allem in Verbindung mit Wilperts dokumentarischem Stil –, das Ereignis von allen Seiten zu betrachten, Statistiken zu zitieren und alle wichtigen Aspekte zu reflektieren – den Begriff »Opfer« etwa oder die psychologischen Mechanismen nach einer Vergewaltigung. Es dauert mehrere Wochen, bis Anna zur Polizei gehen und Anzeige erstatten kann. Sie will ihrer Ohnmacht etwas entgegensetzen, die Folgen sind jedoch nicht mehr in ihrem Sinn. Bald weiß der gesamte Freundeskreis und die halbe Universität Bescheid, wildfremde Frauen gründen eine »Support Awareness Group«. Was Anna ebenfalls nicht bedacht hat, sind die Auswirkungen auf Jonas’ Leben: Ohne Ankündigung durchsucht die Polizei dessen Wohnung, er verliert nicht nur den Posten im Plenum der Hausgemeinschaft, sondern auch seine Stelle an der Uni. Jonas’ Reflexionen sind grundlegender als die von Anna, weil er emotional weniger betroffen ist: »Er erzählt das alles, sagte Jonas, weil er deutlich machen will, wie Alkohol und Sexualität von Anfang an miteinander verbunden sind. Das ist nicht nur sein Problem. Es ist ein gesellschaftliches.«

»Nichts, was uns passiert« endet so nüchtern, wie es begonnen hat: mit den Briefen der Staatsanwaltschaft, die Anna und Jonas darüber informiert, dass das Verfahren eingestellt wird – unter anderem aus den Gründen, die der Gesetzgeber vor zwei Jahren geändert hat. Zum Zeitpunkt von Annas und Jonas’ Geschichte hieß nein noch nicht nein. Das bedeutet aber nicht, dass der Roman an Aktualität eingebüßt hat. Denn Wilpert hat kein Buch geschrieben, das Antworten finden möchte. Es ist vielmehr ein Roman, der Fragen stellt. Wichtiger als das, was nun tatsächlich passiert ist in jenen wenigen Minuten im Bett, sind die Fragen, was Jonas mit seiner Verblüffung über die Anzeige anfangen könnte, wie der Freundeskreis mit Annas Verletzung umgehen soll, und warum es scheinbar leichter ist, sich auf Jonas’ denn auf Annas Seite zu stellen. Die Komplexität des Vorfalls abzubilden, ist die Leistung des Romans. Denn damit fragt er auch danach, wie eine Gesellschaft sich zu einem solchen Ereignis positioniert.

Bettina Wilpert: Nichts, was uns passiert. Verbrecher-Verlag, Berlin 2018, 168 Seiten, 19 Euro

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