Aus: Ausgabe vom 31.07.2018, Seite 7 / Ausland

Israel kapert Hilfsschiff

Erstes Boot der »Freedom Flotilla« auf seinem Weg zum Gazastreifen von Kriegsschiffen abgefangen

Von Gerrit Hoekman
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Bereit zum Auslaufen: Das Boot »Al-Awda« vor dem Start der »Freiheitsflottille« im Hafen von Palermo

Die »Al-Awda« (Die Rückkehr), das unter norwegischer Flagge fahrende Schiff der »Freedom Flotilla 2018«, ist am Sonntag von der israelischen Marine gekapert worden. »Die Aktion endete ohne außergewöhnliche Ereignisse«, teilte das Militär in einer Erklärung mit, wie das Onlineportal The New Arab berichtete. Israel schleppte das Boot in den Hafen von Aschdod. Die Attacke fand nach Angaben der Aktivisten 49 Seemeilen vor der palästinensischen Küste statt – in internationalen Gewässern.

Al-Awda und zwei andere Schiffe waren auf dem Weg von Sizilien nach Gaza in der Absicht, die Seeblockade zu durchbrechen, die Israel seit über zehn Jahren völkerrechtswidrig über den schmalen Küstenstreifen in Palästina verhängt hat. Die Flotte hat dringend benötigte Medikamente an Bord. Die Awda sollte Fischern in Gaza übergeben werden.

»Die israelische Marine beschuldigte uns, internationales Recht zu verletzen, und drohte damit, ›jede Maßnahme‹ zu ergreifen, die notwendig wäre, uns zu stoppen«, heißt es auf der Internetseite der Organisation Freedom Flotilla. Es seien einige Kriegsschiffe aufgetaucht, teilten die Menschenrechtler am Sonntag mit. Widerstand sei zwecklos gewesen. An Bord befinden sich 22 Menschen aus 16 Nationen. Deutsche sind soweit bekannt nicht darunter.

Das »National Committee for Breaking the Siege« hatte die Bewohner von Gaza aufgefordert, die Flotte am Kai zu begrüßen, wie die palästinensische Nachrichtenagentur Maan meldete. Doch im Laufe des Sonntags verlor das Komitee offenbar den Kontakt zur Awda. Der Menschenrechtler Mike Treen aus Neuseeland setzte in einem Video über das Internet einen Hilferuf ab: »Al-Awda und die Teilnehmer sind heute in internationalen Gewässern von israelischen Militärkräften gekidnappt worden.«

Treen forderte Neuseelands Außenminister Winston Peters auf, dafür zu sorgen, dass alle Passagiere freigelassen und die Hilfsgüter im Wert von ungefähr 13.000 Euro nach Gaza gebracht werden. An Bord befinden sich auch zwei israelische Staatsbürger. Einer von ihnen ist Yonatan Shapira, ein ehemaliger Hubschrauberpilot der Luftwaffe.

Laut dem Sender Al-Dschasira versichert die israelische Armee in einer Erklärung, die Hilfsgüter nach Gaza zu liefern. Was aus dem Schiff wird, ist allerdings unklar. Verteidigungsminister Avigdor Lieberman etwa will die erbeuteten Schiffe verkaufen, wie er schon vor einigen Wochen erklärte. Der Erlös soll in einen Fonds für die Opfer palästinensischer Anschläge fließen. Ein Gericht hatte das Vorgehen vor ein paar Tagen für rechtens erklärt. Das zweite Schiff, die schwedische »Freedom«, wird voraussichtlich am heutigen Dienstag auf die israelische Marine treffen. Die schnellere Awda war den anderen beiden vorausgeeilt.

Laut Al-Dschasira gibt es rund 4.000 Fischer und 1.000 Boote in Gaza. Durch die Blockade dürfen sie nur bis zu sechs Seemeilen vor der Küste fischen. Mehr gesteht ihnen Israel nicht zu. »Die Blockade ist eine solch krasse Verletzung des Völkerrechts, dass sie ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit genannt werden kann«, zitierte The New Arab bereits vor dem Ablegen in Palermo Mikkel Grüner, der im norwegischen Bergen für die Sozialisten im Stadtrat sitzt.

Unterdessen baut Israel an einer künstlichen Barriere auf See, die von Schiffen und Booten nicht mehr überwunden werden kann. »Das ist die einzige Barriere auf der Welt, die effektiv blockiert, von See aus nach Israel einzudringen«, sagte Verteidigungsminister Lieberman Ende Mai laut der türkischen Zeitung Daily Sabah.

Wenige Stunden bevor die israelische Marine auf hoher See das Flaggschiff der Flotte aufbrachte, warf die Luftwaffe Bomben auf Gaza. Wie Maan meldete, starben dabei zwei junge Männer im Alter von 24 Jahren. Sie gehörten der marxistischen Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) an. Die Organisation verurteilte den Angriff. An der Grenzanlage zwischen Gaza und Israel starben am Freitag drei Palästinenser, als die israelische Armee das Feuer eröffnete. Palästinensischen Quellen zufolge sind seit Ende März mehr als 140 Menschen bei Protesten in dem abgeriegelten Küstenstreifen getötet worden.

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