Aus: Ausgabe vom 30.07.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Kanonade der Phrasen

Populäre Militärs des Iran reagieren harsch auf Kriegsdrohungen des US-Präsidenten

Von Knut Mellenthin
Kasem Soleimani von Irans Revolutionsgarden kontert Donald Trump
Kasem Soleimani von Irans Revolutionsgarden kontert Donald Trump: »Kommen Sie her, wir warten auf Sie!«

Staaten, die von militärisch übermächtigen Feinden offen bedroht werden, übertreiben normalerweise die wirkliche Gefahr noch, um die Bevölkerung in ihrem Sinne zu mobilisieren. Iran ist vermutlich das einzige Land der Welt, das von dieser natürlichen und vermutlich vernünftigen Verhaltensweise abweicht. Dort verabreichen Politiker, Militärs und Medien den Menschen ständig starke Beruhigungsmittel in Überdosen: Niemand werde es wagen, den Iran angesichts seiner enormen Abwehrkräfte anzugreifen, weil die Kosten viel zu hoch wären. In diesem Sinn äußerte sich am Freitag der Kommandeur des Corps der Revolutionsgarden, Generalmajor Mohammed Ali Dschafari, im Gespräch mit einer Gruppe von Studenten, wie die Nachrichtenagentur Fars meldete. Militärische Drohungen der »Feinde« seien nicht sehr ernst zu nehmen. Ihnen gehe es in Wirklichkeit nur darum, Iran durch »psychologische Kriegführung« zu schwächen.

Dschafaris Bemerkungen bezogen sich offensichtlich auf den rabiaten Tweet, den US-Präsident Donald Trump am Sonntag vor einer Woche kurz vor Mitternacht (Ortszeit), direkt an seinen Amtskollegen Hassan Rohani gerichtet, ins Netz gestellt hatte: »Drohen Sie den Vereinigten Staaten niemals, niemals wieder. Sonst werden Sie Konsequenzen erleiden, wie sie wenige zuvor in der Geschichte erlitten haben.«

Wie mit so etwas umzugehen ist, scheint in der iranischen Führung umstritten. Dem englischen Text seiner eigenen Website zufolge sagte Rohani am vergangenen Mittwoch während einer Kabinettssitzung: »Leere, substanzlose Drohungen gewisser Herrscher in den USA sind keiner Antwort wert.« Ihnen müsse durch »Standhaftigkeit, Einigkeit und Zusammenhalt der iranischen Nation« begegnet werden. Davon deutlich abweichend, meldete dpa am Mittwoch sogar: »Irans Präsident Hassan Rohani hat eine sachliche Reaktion auf die Drohungen von US-Präsident Donald Trump angekündigt. ›Es wird viel geredet, und man braucht jetzt auch nicht unbedingt jede Aussage zu kommentieren, besonders wenn sie absurd ist‹, sagte Rohani am Mittwoch. Der Iran werde sehr sachlich Trumps Anti-Iran-Politik untersuchen und dagegen sowohl juristisch als auch politisch vorgehen.« Die deutsche Nachrichtenagentur bezog sich dabei offenbar auf die Version der Präsidentenwebsite in der Landessprache Farsi.

Wenig dazu und zum generellen Beruhigungskurs passend, meldete sich jedoch am Donnerstag der Kommandeur der »Kuds-Brigaden« innerhalb der Revolutionsgarden, Generalmajor Kasem Soleimani, zu Wort: Trumps Drohung sei zwar keiner Erwiderung des Präsidenten würdig, aber er persönlich wolle »als Soldat« darauf antworten. Die USA seien in den letzten zwei Jahrzehnten trotz großer Truppeneinsätze und riesiger Materialüberlegenheit gegen Gegner gescheitert, die viel schwächer seien als der heutige Iran: Afghanistan, Irak und die Hisbollah im Libanon. Trump spreche nicht wie ein Politiker, sondern wie ein Spielkasinobesitzer. »Drohen Sie nicht damit, uns zu töten. Wir dürsten nach dem Märtyrertum und nach der Vernichtung der arroganten Mächte. Kommen Sie her, wir warten auf Sie!« Falls die USA dennoch versuchen sollten, den Iran anzugreifen, so Soleimani, würden sie einer weltweiten asymmetrischen Kriegführung des Iran gegenüberstehen. Der heutige 61jährige Soleimani war in jungen Jahren Führer einer Kampfeinheit im Ersten Golfkrieg vom 22. September 1980 bis zum 20. August 1988 zwischen Irak und Iran. Als Chef der »Kuds«-Truppe ist er seit einigen Jahren für die Auslandseinsätze der Revolutionsgarden, hauptsächlich in Syrien und im Irak, verantwortlich. Die israelische Regierung jagt ihn mit Killerkommandos, Trump hat angeblich grünes Licht dafür gegeben. Im Iran ist Soleimani seriösen Untersuchungen zufolge die populärste Persönlichkeit überhaupt.

Interessant ist der Hintergrund seiner jüngsten Rede: Der Generalmajor sprach in der Stadt Hamadan auf einer Kundgebung zum Gedenken der »Operation Ramadan«. Diese iranische Offensive im Juli 1982 zielte auf die Eroberung der südirakischen Hafenstadt Basra und gilt als die größte Landschlacht seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Sie brachte den Iranern riesige Verluste und kaum Bodengewinn, war, militärisch betrachtet, ein folgenschwerer Fehlschlag. Die irakischen Streitkräfte kämpften aus gut gesicherten Abwehrstellungen heraus, waren zahlenmäßig und materiell weit überlegen. Insgesamt steht die »Operation Ramadan« für ein Märtyrertum um seiner selbst willen. Ob es Menschen wie Soleimani gelingen kann, diese Stimmung ihrer Jugendzeit neu zu beleben, wie er selbst offenbar glaubt, ist zu bezweifeln und auch fragwürdig.

Grundsätzlich ähnlich wie Soleimani, aber weniger aggressiv und waghalsig im Ton hatten sich am vorigen Montag der stellvertretende Kommandeur der iranischen Armee, Admiral Habibollah Sajari, und am Dienstag der Stabschef der Streitkräfte, Generalmajor Mohammed Bakeri, geäußert. Dabei scheint das Misstrauen durch, Rohani könne sich von Trump zu Verhandlungen über ein völlig neues Atomabkommen verleiten lassen. Dafür müsste Iran allerdings seine Offiziere und Soldaten von allen Auslandseinsätzen zurückziehen, auf sein ziviles Nuklearprogramm völlig verzichten und seine Raketen ver­schrotten.

Hintergrund: Welthandel durchs »Tor der Tränen«

Saudi-Arabien hat am vergangenen Mittwoch angeblich alle Öltransporte durch die Meerenge Bab Al-Mandab zwischen dem Jemen und Dschibuti vorübergehend eingestellt. Die Bekanntgabe erfolgte durch den saudischen Energieminister.

Die Maßnahme wäre, wenn sie wirklich längere Zeit praktiziert würde, folgenschwer: Durch das »Tor der Tränen«, das an seiner schmalsten Stelle nur 27 Kilometer breit ist, wird ein erheblicher Teil des Welthandels abgewickelt.

Aber wie ernst ist die Botschaft zu nehmen? Die Saudis rechtfertigten ihre Ankündigung mit einem Zwischenfall, der sich in den Gewässern westlich der Hafenstadt Hodeida ereignet habe. Angehörige der schiitischen Ansarollah-Miliz hätten von dort aus zwei Tanker mit Raketen beschossen, wobei eines der Schiffe leicht beschädigt worden sei. Angaben zur genauen Position der Schiffe und zur Art des Schadens gab es nicht. Hodeida, das seit dem 13. Juni erfolglos von Truppen der Saudis und der Vereinigten Emirate belagert wird, liegt allerdings weit vom Bab Al-Mandab entfernt, und das Rote Meer ist dort sehr viel breiter. Aus dem Bereich der Meerenge musste sich Ansarollah längst zurückziehen und stellt dort keine Gefahr für die Schiffahrt dar.

Die jetzige saudische Reaktion ist erkennbar überzogen und politisch berechnend. Offenbar soll damit die internationale Unruhe über die iranische Drohung genutzt werden, im Fall eines Embargos gegen den eigenen Ölexport die Meerenge von Hormus zu blockieren. Die befindet sich freilich rund 3.000 Kilometer entfernt.

Im Interesse der Saudis läge es, durch die angekündigte Unterbrechung ihrer Öltransporte im Westen der arabischen Halbinsel Druck zum Start einer großangelegten internationalen Militärmission zu erzeugen. Für den Seehandel der EU zum Beispiel ist das Bab Al-Mandab deutlich wichtiger als die Meerenge von Hormus. (km)

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  • Beitrag von Thomas P. aus B. (29. Juli 2018 um 22:32 Uhr)

    Scheißartikel! Mellenthin unterschlägt, dass die USA den Irak gegen einen geschwächten Iran in den 8jährigen Krieg mit ca. zwei Millionen Opfern auf beiden Seiten gejagt hat (Annexion der reichen westiranischen Erdölgebiete mit dem Segen der USA)! Die iranischen Offensiven auf Basra hatten zum Ziel, der irakischen Aggression frühzeitig die Spitze zu nehmen; dies wurde mit erheblicher Unterstützung der USA für den Irak (v. a. effektivste Luftaufklärung) verhindert. Militärisch weit unterlegen, brachten die iranische Armee und die Revolutionsgarden Saddam Husseins Armeen an den Rand der Niederlage; das scheiterte dann allerdings durch massivsten Einsatz von Giftgas (Sarin, geliefert von den USA und anderen NATO-Staaten, u. a. Deutschland; die deutschen Giftgasliefungen an Irak kommen noch einmal durch israelische Vorwürfe 1991 im Zweiten Golfkrieg zur Sprache), dem Zehntausende iranischer Soldaten zum Opfer fielen. Reagan hat die Verurteilung des Irak – wegen des mörderischen Giftgaskrieges – in der UNO mit allen Mitteln vereitelt. Der Hammer – kein Wort davon in Mellenthins Beitrag Erwähnung, auch über die Iran-Contra-Affäre nicht.

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