Aus: Ausgabe vom 27.07.2018, Seite 15 / Feminismus

»Leuchtender Stern im Dunkel des Ghettos«

Von den Nazis ermordet: Die Bauhaus-Künstlerin Friedl Dicker-Brandeis, geboren vor 120 Jahren

Von Christiana Puschak
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Friedl Dicker-Brandeis, geboren 1898, 1944 in Auschwitz ermordet

Walter Gropius, Leiter und Begründer des Bauhauses in Weimar, lobte in einem Empfehlungsschreiben, um das Friederike Dicker ihn gebeten hatte, ihre »seltene und außerordentliche künstlerische Begabung«, ihre Vielseitigkeit und »große Energie«. Ihre Arbeiten gehörten »zu den allerbesten des Institutes«. Wer war die so Gelobte? Geboren wurde Friederike Dicker am 30. Juli 1898 in Wien. Sie war das einzige Kind des Papierwarenhändlers Simon Dicker und seiner Frau Karoline. Sie war erst vier Jahre alt, als ihre Mutter starb. Im Papierwarengeschäft des Vaters verbrachte »Friedl« viel Zeit. Dort fand sie alles, was sie brauchte: Ton zum Formen, Stifte und Papier zum Malen. Von 1912 bis 1914 absolvierte sie in Wien eine Lehre in Fotografie und Reproduktionstechnik. Anschließend besuchte sie die Textilklasse der Kunstgewerbeschule Wien bei Franz Cizek. Das Geld fürs Studium verdiente sie sich am Theater: Sie besorgte Requisiten, entwarf Kostüme, stand sogar auf der Bühne und schrieb eigene Stücke.

1916 setzte sie ihr Studium in der privaten Kunstschule von Johannes Itten in Wien fort, dem sie auch nach Weimar folgte, wo er 1919 einen Lehrauftrag am Bauhaus erhalten hatte. Dort arbeitete sie in den Werkstätten von Berühmtheiten wie Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky und Paul Klee. Mit ihr war Franz Singer nach Weimar gekommen, zu dem sie eine hochproblematische Liebes- und eine erfolgreiche Arbeitsbeziehung unterhielt. Gemeinsam gründeten sie 1923 die »Werkstätten Bildender Kunst«, in denen sie unter anderem Spielzeug und Schmuck, Grafiken und Theaterausstattungen schufen. Im Atelier »Dicker-Singer« entstanden zusätzlich Entwürfe zu Häusern, Wohnungen, Ladengeschäften sowie Inneneinrichtungen, in denen das Raumkonzept durch »Verwandlungsmöbel« geprägt war, die das »künstlerische Prinzip der Ungebundenheit, Offenheit, Toleranz und Mobilität« symbolisieren sollten. 1930 wurden sie mit der Ausstattung des Montessori-Kindergartens im Wiener Goethehof beauftragt. Seit 1931 war Friedl Dicker aktives Mitglied der Kommunistischen Partei. Gleich ihrem Freund John Heartfield fertigte sie Fotocollagen für antikapitalistische Agitationsplakate.

Im Jahr 1934 wurde sie wegen Passfälschung und kommunistischer Aktivitäten festgenommen. Ihre Assistentin, die spätere Kunsttherapeutin Edith Kramer, erinnerte sich: »Sie musste ein erniedrigendes Verhör ertragen und wurde zu einer Haftstrafe (…) verurteilt.« Nach ihrer Freilassung floh Dicker nach Prag, wo sie 1936 durch die Heirat mit Pavel Brandeis die tschechische Staatsbürgerschaft erlangte und wo die ebenfalls emigrierte Psychoanalytikerin Annie Reich ihr half, ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten. Auch in Prag war die Künstlerin mit einer Gruppe von Frauen politisch aktiv.

Obwohl Friedl Dicker-Brandeis noch 1938 – kurz vor der Okkupation Tschechiens durch die Nazis 1939 – die Möglichkeit zur Emigration gehabt hätte, blieb sie bei ihrem Mann. Gemeinsam lebten sie auf einem Bauernhof in Hronov nahe der Grenze zu Polen. Im Dezember 1942 wurde das Paar wegen seiner jüdischen Wurzeln nach Theresienstadt deportiert. Dort gelang es Dicker-Brandeis, Zeichenkurse für Kinder zu organisieren. »Die Malstunden mit Friedl Dicker-Brandeis waren für viele Kinder ein leuchtender Stern im Dunkel des Ghettos (…). Sie hat es vermocht, eine positive Einstellung zu unserem Zustand, zum Leben in Theresienstadt in uns wachzurufen. In ihrer Gegenwart fügte sich alles zum Guten«, berichtete eine Überlebende des Ghettos später. 1944 wurde Friedl Dicker-Brandeis nach Auschwitz verschleppt und am Tag nach ihrer Ankunft, am 9. Oktober 1944, ermordet. Ihr Mann überlebte das Vernichtungslager.

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