Aus: Ausgabe vom 27.07.2018, Seite 6 / Ausland

In See gestochen

Aktivisten wollen mit Flottille die israelische Blockade des Gazastreifens brechen

Von Gerrit Hoekman
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Erhoffte Schiffe: Demonstranten solidarisieren sich im Oktober 2016 mit der damaligen Gaza-Flottille

Am Montag verließ eine Flotte den Hafen von Palermo in Richtung Gaza. An Bord befinden sich rund 40 Aktivistinnen und Aktivisten, die versuchen wollen, die israelische Seeblockade zu brechen, unter der die zwei Millionen Einwohner in Gaza seit mehr als zehn Jahren leiden.

»Es ist eine große Schande für die internationale Gemeinschaft, dass wir das erlauben«, sagte der Norweger Mikkel Grüner am Montag in einem Interview mit Real News Network, das die Seereise mit einem Korrespondenten begleitet. Grüner ist Abgeordneter der Sozialistischen Partei im Stadtrat von Bergen und schon seit Ende April auf dem Fischtrawler »Al-Awda« (Die Rückkehr). Auf dem Weg nach Palermo legte das Schiff in zahlreichen europäischen Häfen an.

»Al-Awda« hat wie die anderen Boote der »Flotilla 2018« Medikamente geladen, die in Gaza dringend benötigt werden. Sollten die Aktivisten den Hafen von Gaza erreichen, werden sie ihr Schiff zudem einer palästinensischen Fischereiunion schenken. So weit die Theorie, denn die Wahrscheinlichkeit, dass die Schiffe in den Hafen von Gaza einlaufen werden, liegt bei null.

Die letzten Flotten sind immer von der israelischen Marine weit vor der Küste aufgebracht und in den Hafen der israelischen Stadt Aschdod geschleppt worden. Nach einiger Zeit wurden die Schiffe in ihre Heimatländer zurückgeschickt. Diesmal will Israel sie aber konfiszieren und an Opfer von palästinensischen Anschlägen übergeben, wie Ynetnews, das Internetportal der israelischen Tageszeitung Jediot Acharonot, am 12. Juli berichtete. Ein Gericht in Jerusalem hat das Vorgehen vor zwei Wochen für Rechtens erklärt.

Die Mission ist für die Aktivisten durchaus gefährlich. Am 30. Mai 2010 gab es beim Entern des Passagierschiffs »Mavi Marmara« ein Blutbad, bei dem zehn Menschen ums Leben kamen, neun von ihnen Türken. Die brutale Attacke der israelischen Marine führte zu einer schweren Krise zwischen Ankara und Tel Aviv. Erst nachdem Israel 2016 den Angehörigen der Opfer eine Entschädigung von 20 Millionen US-Dollar gezahlt hatte, nahm Ankara die diplomatischen Beziehungen wieder auf.

Die Aktivisten der »Flotilla 2018« wollen ein Massaker wie 2010 vermeiden. Die schwedische Aktivistin Divina Levrini erklärte dazu in einem Interview mit der palästinensischen Nachrichtenagentur Maan: »Wir sind Friedensaktivisten und gehen durch ein Antigewalttraining. Wir werden nicht versuchen, eine der mächtigsten Armeen der Welt zu provozieren.«

Der Zeitpunkt der Aktion ist diesmal für Israel besonders ungünstig. Im Norden interveniert das Militär im Syrien-Krieg. Die Armee auf dem besetzten Golan befindet sich laut Times of Israel vom Dienstag in höchster Alarmbereitschaft. Vor ein paar Tagen schoss Israel ein syrisches Kampfflugzeug ab, das angeblich in seinen Luftraum eingedrungen war.

Im Süden, an der Grenze zu Gaza, geraten seit Tagen die israelische Armee und die islamische Befreiungsorganisation Hamas aneinander. Wie die Nachrichtenagentur dpa berichtete, beschoss die israelische Artillerie am Mittwoch abend Hamas-Militärposten. Dabei wurden mindestens drei Palästinenser getötet. Kurz vorher war offenbar ein israelischer Soldat durch Schüsse aus Gaza verletzt worden.

Erst am Wochenende hatte die Hamas eine einseitige Waffenruhe verkündet, nachdem bei einem militärischen Schlagabtausch vier Palästinenser und ein Israeli gestorben waren. Am Grenzzaun zu Israel protestieren seit Monaten fast täglich Menschen. Immer wieder finden auch bewaffnete Aktionen statt. Mittels Drachen und Luftballons werfen Kämpfer Brandsätze über israelischem Territorium ab. Die Soldaten schießen scharf zurück. Über 140 Palästinenser sind bei den Protesten bis heute umgekommen.

Das Letzte, was Israel im Moment gebrauchen kann, ist eine internationale Flotte, die von der Seeseite kommend das Land moralisch unter Druck setzt. Die Marine wird das Problem auf dem Mittelmeer vermutlich schnell beseitigen wollen. Am 10. Juli versuchte ein Schiff von Gaza aus die Blockade in Zypern zu durchbrechen. Es hatte vier Verletzte an Bord, die dringend medizinische Hilfe benötigten. Die israelische Marine schleppte das Schiff nach Aschdod. Die Verletzten seien dort medizinisch versorgt worden, teilte die Armeeführung laut Times of Israel mit.

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